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"Nicht akzeptabel, wie Schüler abgestraft und beleidigt werden"

Interview mit Rainer Domisch, Unterrichtsrat in der obersten Schulbehörde Finnlands

31.03.2008

(bikl) "Wenn man heute (in Deutschland) mit einer ernsthaften Reform begönne und alle bereits vorhandenen guten Beispiele einbeziehen würde, dann könnte man in etwa 15 bis 20 Jahren eine erste Bilanz ziehen", schreibt Rainer Domisch in dem jetzt erschienen Buch "Jenseits von PISA". Beinahe hätte der Unterrichtsrat in der obersten Schulbehörde Finnlands entscheidende Weichen in diese Richtung legen können, war er doch in einer von Andrea Ypsilanti (SPD) geführten hessischen Landesregierung als Kultusminister vorgesehen. Doch Domisch bleibt in Helsinki. Schließlich ist der Plan einer rot-grünen Regierung in Hessen gescheitert. bildungsklick.de sprach mit dem renommierten Bildungspolitiker über Schulstruktur und Lernkultur in Deutschland.

Herr Domisch, sträuben sich nach ihren langen Erfahrungen in Finnland nicht die Haare, wenn Sie herüberschauen ins deutsche Bildungssystem?

Rainer Domisch: Ja manchmal schon, wenn ich vor allem an manche Erscheinungen denke und wenn ich von Eltern und von Schülern mitgeteilt bekomme, welche Beschämungen es noch gibt. Das halte ich für nicht mehr akzeptabel, wie Schüler oft abgestraft, man kann sagen, wie sie beleidigt werden. Das ist immer noch – ich würde nicht sagen an der Tagesordnung – aber ein Mangel in der deutschen Lernkultur, die ganz unabhängig von der Schulstruktur nicht mehr vorhanden sein dürfte. Also: Das Lernklima zwischen Lehrenden und Lernenden muss sich verbessern. Ich sehe allerdings auch eine strukturelle Schwierigkeit. Solange Lehrer Schülern sagen können, dass sie eben nicht zu ihnen gehören und der Schulform nicht würdig sind, solange wird sich da nichts ändern. Solange besteht immer noch die Gefahr, dass Grundschullehrer sagen, du gehörst nicht in die Schule oder in jene Schule. So lange können Lehrer weiterführender Schulen sagen: Du müsstest eigentlich in eine andere Schule gehen, du kommst bei uns nicht zurecht. Und das sind Zeichen für ein Problem, das ich auch nach den Untersuchungen in Finnland angesprochen habe. Wenn Schüler die Hoffnung verlieren oder wenn ihnen Hoffnung genommen wird, etwas lernen zu können, dann ist eben gar nichts mehr möglich.

"Es gibt immer heterogene Gruppen"

Aber deutsche Lehrer sind doch nicht per se schlechter oder gar unprofessioneller als finnische Lehrer?

Rainer Domisch: Ich glaube, dass die deutschen Lehrer genauso gut - in mancher Beziehungen sogar wirklich gut - ausgebildet sind, dass die Eltern sehr engagiert sind, aber man tut sich irgendwie noch schwer, das Positive zu sehen. Es hat so den Eindruck, als versuche man immer herauszufinden, wer nicht dazu gehört. Man versucht in jeder Klasse und in jeder Gruppe so viel Homogenität wie möglich zu schaffen und dadurch andere auszugrenzen, die nicht dazu gehören. Und man hat noch nicht verstanden, dass es diese Homogenität bei Kindern und Jugendlichen, die in der Schule zusammenleben gar nicht gibt. Es gibt immer heterogene Gruppen und je mehr man sich bemüht, Homogenität zu schaffen, desto mehr grenzt man aus dabei. Das halte ich für sehr fatal.

Genau das müsste doch jeder Pädagogikstudent spätestens nach dem zweiten Semester wissen.

Rainer Domisch: Eigentlich schon, das ist ja auch nichts Neues. Deshalb meine ich, es geht nicht so sehr darum, Dinge zu wissen, oder zu lernen, sondern Dinge zu tun. Und es gibt ja auch viele gute Ansätze in Schulen, die sich auf den Weg machen. Was mir oft fehlt in Deutschland, ist die Selbstverständlichkeit von Selbstevaluierung. Dass man einfach Umfragen macht, dass man Schüler, auch Lehrer, mit einbezieht, dass sie sich darüber äußern, wie etwas abgelaufen ist. Ich kenne das von vielen Schulen im Norden, die sich auch erst daran gewöhnen mussten und dann bei Schwierigkeiten auf diese Weise schnell zu Lösungen gekommen sind.

In Deutschland wird ja mittlerweile Schulinspektion ganz groß geschrieben. Ist diese Art der Evaluation möglicherweise gar nicht der richtige Weg?

Rainer Domisch: In Finnland hat man die alte Form, dass nämlich Schulinspektoren in die Schule gekommen sind, sich das angeguckt haben, mit Leuten gesprochen haben, Unterricht besucht haben, abgeschafft. Man hat aber auch keine Evaluierung eingeführt, wie ich sie nun in anderen Ländern oft sehe, dass Teams kommen, eine Schule zwei drei Tage besuchen und dann wieder gehen. Das würde man als nicht schülergerecht oder gerecht entsprechend einer Entwicklung von Qualität ansehen. Sondern da muss man sehr viel tiefer gehen. Es geht nicht um einzelne Lehrer, es geht nicht um einzelne Schüler sondern es geht um die Qualität, die festgestellt werden kann. Und wenn dann Probleme auftauchen, kann man immer noch Experten zu Hilfe rufen, wenn es die Schulleiter gemeinsam mit den Lehrern nicht schaffen. Deshalb spielen die Lehrer bei den Evaluierungen, die in Finnland vorgenommen werden auch gar keine Rolle. Also bei einer Schule die unter 30 Schüler in einer Klasse hat, nehmen alle Schüler teil, bei einer Doppelzügigkeit bis 60 Schüler nimmt jeder zweite Schüler teil, bei 90 Schülern jeder dritte und so weiter, sodass also nicht die Arbeit eines Lehrers im Mittelpunkt steht sondern das Ergebnis der Schule, denn eine Schule wird von einem guten Lehrer allein nicht besser. Sondern es geht darum, dass alle Lehrer sich in gleicher Weise um Qualität bemühen. Und auch darum, dass Schüler das verstehen. Dass Schüler merken, es hängt auch von ihnen ab und ihrer Art und Weise, mitzuarbeiten.

"Schüler müssen dieselben gerechten Chancen haben"

Sie haben eben Lernkultur und Schulstruktur miteinander in Verbindung gebracht. Etliche deutsche Bildungspolitiker aber meinen, man könne die Schulstruktur so belassen, es müsse in den einzelnen Schularten lediglich besser gefördert werden, dann sei das mehrgliedrige Schulsystem schon gerecht. Ist das realistisch?

Rainer Domisch: Ein Indiz dafür, dass es so nicht gehen kann, dass keine Harmonisierung mit der heutigen Gesellschaft möglich ist, zeigt das Schicksal der Hauptschule. Es gibt kaum Elternkreise, die ganz bewusst und früh schon ihre Kinder in die Hauptschule schicken wollen. Sondern, solange es solche Schulen gibt, die von vorneherein ein geringeres Bildungsniveau anbieten – das hat nichts damit zu tun, dass sie nun praktische Begabungen fördert – sondern es ist tatsächlich ein geringeres Bildungsniveau im Vergleich zur Realschule oder zum Gymnasium - solange werden Eltern das nicht akzeptieren. Ich glaube, das ist der Schlüssel zu einer besseren Qualität für den ganzen Schülerjahrgang: Es geht nicht darum, dass alle Schüler dasselbe lernen sondern dass sie dieselben Voraussetzungen haben und durchaus unterschiedliche Lernerfolge möglich sind - auch sein müssen auf individuellem Weg. Und wenn man dann den ganzen Schülerjahrgang – also allen Schülern – dieselben gerechten Chancen einräumt, dann muss man ihnen bis zum Ende der sogenannten Pflichtschulzeit auch entsprechenden Unterricht mit entsprechenden Möglichkeiten bieten. Was nicht heißt, dass begabte Schüler auf der Strecke bleiben. Sondern Begabungen entwickeln sich immer, wenn man ihnen ein entsprechendes Feld gibt. Dabei spielt natürlich die Lernkultur eine große Rolle. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es auch Länder gibt mit ähnlichen PISA-Ergebnissen - ich denke jetzt an Süd Korea oder an Japan, die aber ein ganz unmenschliches System von Pauken haben. Wo der Bereich der Gerechtigkeit praktisch mit Füßen getreten wird, weil Kinder von den Eltern außerhalb der Schule in so genannten – wie Sie es hier ja auch kennen - kommerziellen Nachhilfe- und Drillanstalten so weit gebracht werden, dass sie in der Schule Erfolg haben. Das hat nichts mit einer Schule für alle zu tun, die humane Zielsetzungen hat und auch Humanität erfüllen will, da sich auch der Schulalltag um diese Werte kümmert und Schüler dort abholt, wo sie sind und sie so weit bringen wie nur möglich.

"Begabungen können sich das ganze Leben lang entwickeln"

Viele Ziele dieser Ziele werden auch in der deutschen Bildungsdiskussion immer wieder formuliert.

Rainer Domisch: Sie müssten aber systematisch werden. Gerechtigkeit darf nicht von Zufällen abhängen, sondern es muss ein Recht sein. Und es müssen auch Lehrer verstehen und lernen, dass sie nicht das, was sie unterrichten, in einer beliebigen Gruppe von Schülerköpfen abbilden können, das geht nicht. Sondern man muss etwas hinter die Kulissen des Lernens schauen und sehen, wie das funktioniert und welche Hilfen Schüler brauchen. Es gibt ja nicht nur drei Begabungen - praktische, halbpraktische und theoretische Begabungen – sondern es gibt vielerlei Begabungen, die man fördern kann. Und die mehr Zeit brauchen. Da reichen nicht vier Jahre aus, sondern das ganze Leben lang können sich Begabungen entwickeln.

"Mit ungebildeten Menschen kann man keine Demokratie ausüben"

In Deutschland zahlen Eltern jährlich Milliarden für Nachhilfeunterricht. Für Finnen, so sagen Sie, eine seltsame Vorstellung. Gibt es dort tatsächlich gar keine kommerzielle Nachhilfe?

Rainer Domisch: Diese kommerzielle Nachhilfe gibt es höchstens für Studenten und Abiturienten, die sich für die Aufnahmeprüfungen an den Universitäten vorbereiten. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Also die Auslese, würde ich sagen, findet dann statt, wenn sich junge Leute um einen Weg bemühen. Dann müssen sie sich auch nach der Decke strecken. Es gibt fast nur Numerus Clausus Fächer. Aber auch das ist ein Zeichen, dass sich die Schüler schon relativ früh bewusst werden, in welche Richtung sie gehen. Außerdem schadet es auch niemandem, mit Abitur einen anderen Beruf zu wählen. Also sehr viel mitzunehmen an Fremdsprachen, an Allgemeinbildung. Das meine ich mit dem großen Anspruch an eine Gesellschaft heutzutage. Man kann nicht mit ungebildeten Menschen Demokratie ausüben. Das geht nicht.

Zur Person

Rainer Domisch, geboren in Schwäbisch Hall, war zunächst Lehrer in Baden-Württemberg, dann zehn Jahre lang Lehrer an der deutschen Schule in Helsinki. Nach weiteren zwei Jahren im deutschen Schuldienst kehrte er nach Finnland zurück und ist seit 1994 in der obersten Schulbehörde Finnlands, dem Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki tätig, seit 2002 als Unterrichtsrat.

"Jenseits von PISA – Finnlands Schulsystem und seine neuesten Entwicklungen" heißt der zehnte Band der Schriftenreihe des Finnland- Instituts Deutschland, der jetzt erschienen ist. Darin berichten Wissenschaftler, Praktiker und Experten aus der Schulverwaltung über die spannende Entwicklung des finnischen Schulwesens, die Philosophie des finnischen Bildungswesens und aber den Alltag an finnischen Schulen. Herausgegeben wird der Band von Prof. Jukka Sarjala und Prof. Esko Häkli. Zu den Autoren gehört Rainer Domisch. Das Buch ist im Berliner Wissenschaftsverlag erschienen (ISBN 978-3-8305-1251-6) und kostet 25 Euro.


Zur Veröffentlichung freigegeben - bildungsklick.de


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