Gelebte demokratische Schulentwicklung
Interview mit Wilfried Kretschmer, Leiter der Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim
Mehr zu: Auszeichnungen, Bildungswesen, Deutscher Schulpreis, Deutschland, Gesamtschule, Hauptschule, Interviews, Jugend forscht, Schulprojekte, Stiftungen, SchuleDie Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim/Niedersachsen hat im Dezember vergangenen Jahres den Deutschen Schulpreis 2007 gewonnen. "Bei der Ausgestaltung als Ganztagsschule setzt die Robert-Bosch-Gesamtschule Maßstäbe", hieß es in der Begründung der Jury. Schulleiter Wilfried Kretschmer beschreibt im Interview den Werdegang der Schule von ganz unten bis an die Spitze.
Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Deutschen Schulpreises. Vor 15 Jahren hätte niemand so einen Erfolg für möglich gehalten. Die Schule war nicht beliebt, Sie mussten und wollten etwas tun, um mehr Schüler zu bekommen.
Wilfried Kretschmer: Die Schule ist 1971 als Reformschule gegründet worden. Die Anmeldezahlen waren doppelt so hoch wie die Kapazitäten. Ein Bündel von Problemen hat dazu geführt, dass wir 1989 den Tiefststand an Zulauf hatten. Die 93 Anmeldungen für 240 Plätze waren fast alles Hauptschul-, kaum Realschul- oder Gymnasialempfohlene. Wir waren keine echte Gesamtschule mit einer entsprechenden Durchmischung der Begabungstypen mehr. Das sollte sich ändern. Aber keine weise Kultusbürokratie hat gesagt: Wir wollen diese Schule erhalten und müssen deshalb etwas korrigieren. Auch die damalige Schulleitung hat das Problem nicht genügend angepackt. Nein, die "einfachen" Lehrerinnen und Lehrer wollten die Schule aus dem Tal führen. Wir hatten schon damals eine sehr starke GEW-Betriebsgruppe. Initiative, Identifikation und Engagement des Kollegiums haben die Schule wieder nach vorn gebracht.
Haben Sie für diesen Prozess zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen erhalten?
Wilfried Kretschmer: Nein. Es gab keine weiteren Mittel. Wir waren allein auf das Engagement des Kollegiums angewiesen. Die Lehrkräfte haben sich eingesetzt, weil sie sich mit der Schulform Integrierte Gesamtschule ebenso wie mit der Schule identifizierten.
Was haben die Lehrerinnen und Lehrer konkret angepackt?
Wilfried Kretschmer: Mehreres. In der Sekundarstufe I beispielsweise hat ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen mit Wochenplan- und Freiarbeit begonnen. Es wurden Lernwerkstätten eingerichtet. In der gymnasialen Oberstufe haben wir Anstrengungen unternommen, allgemeine und berufliche Bildungsaspekte miteinander zu verzahnen. Das haben wir zwar später wieder fallen lassen, aber im Ergebnis entstand ein landesweit beispielhaftes Modell fächerverbindenden Arbeitens. Wir haben als erste Schule in Niedersachsen ein verbindliches dreiwöchiges Fachpraktikum und eine Facharbeit eingeführt. Maßnahmen, die das Land später für alle gymnasialen Oberstufen gesetzlich verankert hat. Zudem haben wir uns im ökologischen Bereich sehr stark engagiert. Mit Hilfe Dritter sind ein Blockheizkraftwerk, Fotovoltaikanlagen installiert, Regenwassernutzungsanlagen gebaut und ein großes ökologisches Ostseeprojekt gestartet worden. Das alles haben wir ohne Führung von oben auf die Beine gestellt. Das war eine Leistung des Kollegiums. Für mich ist das ein Beispiel demokratischer Schulentwicklung. Der neue vom Kollegium durchgesetzte Schulleiter, der 1990 kam, hat unsere Ideen unterstützt und auch eigene Impulse gesetzt. Während der EXPO in Hannover durften wir als eine von wenigen Schulen das Bildungswesen Deutschlands repräsentieren. Diese Auswahl war eine riesige Anerkennung für die Arbeit des Kollegiums, sie hat einen starken positiven emotionalen Schub nach vorne gegeben.
Bei der Entscheidung für die Preisverleihung hat die Jury die Kriterien Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schulentwicklung angelegt. Wo sehen Sie die besonderen Stärken Ihrer Schule?
Wilfried Kretschmer: Die Jury stellt heraus, dass unsere Schule überall gut, sogar sehr gut ist. Ganz besonders hat wohl das Management des Schulentwicklungsprozess großen Eindruck hinterlassen. Die Schule schafft es offensichtlich, Kindern aller Begabungen und aller sozialer Schichten viel zu vermitteln. Kein Schüler verlässt uns ohne Abschluss. Sehr viele Kinder und Jugendliche sind in den Regional- und Landeswettbewerben beispielsweise von "Jugend forscht" erfolgreich. In den Bereichen Leistung und Verantwortung geschieht hier schon lange eine Menge. Sehr wichtig ist, dass wir UNESCO-Projektschule sind. Diese Arbeit zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Arbeit der Schule. Friedenserziehung im Großen wie im Kleinen hat bei uns einen hohen Stellenwert. Auch unser Leitbild ist davon durchdrungen. Schulentwicklung ist zuerst Unterrichtsentwicklung. Dies steht bei uns im Mittelpunkt. In zweifacher Hinsicht. Zum einen: Von unseren 106 Kolleginnen und Kollegen besuchen sich in diesem Schuljahr 80 freiwillig gegenseitig im Unterricht. Sie bereiten diesen gemeinsam vor und nach. Das kombinieren wir mit Fortbildungsangeboten. Hier verändert sich die traditionelle Lehrerrolle. Zum anderen: Unsere Jahrgangsteams fahren vor den Sommerferien für drei Tage weg und planen, welche inhaltlichen und pädagogischen Schwerpunkte im nächsten Schuljahr gesetzt werden sollen. Es werden Jahresarbeitspläne entwickelt, bei denen der Fachunterricht im Mittelpunkt steht und bei denen dann, am Fachunterricht angebunden, fächerübergreifende Aspekte, Methodenlernen, unsere UNESCO-Arbeit und Projekttage angebunden sind. Wir betrachten dies auch als eine deutliche Weiterentwicklung des traditionellen Projektlernens.
Die Jury hat in der Begründung ihrer Entscheidung das "professionelle Management" der Schule betont. Zugespitzt: Muss der Schulleiter mehr Pädagoge oder Manager sein, welche Qualifikationen und Qualitäten muss er mitbringen?
Wilfried Kretschmer: Beides. Natürlich muss der Schulleiter Pädagoge sein. Er ist sehr wichtig als Kommunikator. Denn es geht immer auch um Interessenausgleich, Kompromiss und Toleranz. Der weißhaarige Schulleiter, der in seinem Zimmer sitzt und den man immer zu Schulfeiern rausholt, ist obsolet. Der coole Manager, der Schulentwicklungsprozesse ausschließlich unter funktionalen, technokratischen Gesichtspunkten organisiert, ist genau so überflüssig. Bei der Leitungsarbeit unterscheiden wir in unserer kollegialen Schulleitung gerne zwischen Zielsetzung und Umsetzung. Wir organisieren die Zielsetzungsphasen sehr offen und diskursiv. Die Kolleginnen und Kollegen, die Eltern und Schüler diskutieren regelmäßig, welche Stärken und Schwächen wir festgestellt haben, was wir gut und was wir schlecht gemacht haben - und im nächsten Jahr machen wollen, welche Schwerpunkte wir setzen. Das verdichtet sich zu drei, vier wesentlichen Projekten. In der Umsetzungsphase kontrolliert und unterstützt die Schulleitung den Arbeitsprozess. In dieser Phase geht es um Verbindlichkeit. Da ist Schulleitung mehr Schulleitung, vorher sieht sie sich stärker als Moderator eines Verständigungsprozesses. So wollen wir zwei Schwächen von Schulentwicklung und -leitung entgehen. Viele Wissenschaftler, Politiker und die Administration meinen, Schule könne sich nur dann gut entwickeln, wenn man die Leitung besonders stark macht. Mit sehr viel Macht ausstattet. Ich glaube das nicht. Was soll eine starke Schulleitung, wenn sie auf ein Kollegium trifft, das sie nicht motivieren kann? Umgekehrt ist es auch falsch zu glauben, Schulen könnten wie selbstverwaltete Jugendzentren geleitet werden. Schulen dürfen nicht Orte organisierter Unverbindlichkeit sein.
Mit der Verleihung des Preises ist der Auftrag verbunden, dass Sie Ihre Erfahrungen an andere Schulen weitergeben.
Wilfried Kretschmer: Schon jetzt besuchen uns viele Schulen. Im Raum Hildesheim kooperieren wir mit anderen Schulen und lernen voneinander. Die Robert-Bosch-Stiftung hat eine Schulpreisakademie eingerichtet. In dieser sind die Preisträgerschulen für drei Jahre Mitglied. Das heißt, wir tauschen uns mit den anderen aus und stellen die Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das übernimmt die Stiftung. Sie will gute Schule in Deutschland und Schulen, die sich auf den Weg machen, unterstützen.
In welchen Bereichen sollte sich Ihre Schule weiterentwickeln?
Wilfried Kretschmer: Wir justieren an den kleinen Stellschrauben nach. Bei der inhaltlichen Weiterentwicklung verbessern wir gerade unseren sozialen Lehrplan. Wir wollen verbindlicher festlegen, was unsere Schüler von Klasse fünf bis 13 im sozialen Bereich leisten und mit welchen Handlungsfeldern sie sich beschäftigen sollen. Zudem wollen wir die Feedback-Kultur in der Schule weiterentwickeln. Deshalb haben wir begonnen, flächendeckend einen Fragebogen für alle Schüler in allen Fächern einzusetzen. So bekommen die Lehrkräfte eine direkte Rückmeldung ihrer Schüler über die Wahrnehmung der Qualität ihres Unterrichts.
Mit Ihrer Schule ist eine Gesamtschule in einem Bundesland ausgezeichnet worden, das ein Neugründungsverbot für diese Schulart ausgesprochen hat. Sehen Sie die Preisverleihung als politisches Signal?
Wilfried Kretschmer: Indirekt schon. Die Jury hat zwar nicht die Schulform ausgezeichnet, sondern nach den sechs Qualitätskriterien entschieden. Im Ergebnis muss man jedoch feststellen, dass – wie schon im Vorjahr - niedersächsische Gesamtschulen unter den Preisträgern sind. Das ist aus Sicht der Jury Zufall. Umgekehrt müsste sich das Land aber fragen, warum gerade diese verbotene Schulform von Dritten so positiv bewertet wird? Neue Gesamtschulen gesetzlich zu verbieten, obwohl Eltern, Lehrkräfte und Schüler diese Schulform wollen - das ist schon eine besondere Sache. Ich glaube aber zu sehen, dass es in der niedersächsischen CDU eine deutliche Bewegung weg von dieser alten Position gibt. Die CDU-Lokalprominenz zum Beispiel hat ihre Kinder auch bei uns an der Schule. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat erklärt, dass das Neugründungsverbot für Gesamtschulen jetzt aufgehoben wird. Am 21. Mai besucht er unsere Schule. Schauen wir mal...
Es gibt Stimmen, die die zunehmende Zahl von Schulpreisen, die oft von Stiftungen verliehen werden, sehr kritisch bewerten. Die Stiftungen werden als verlängerter Arm von Konzernen gesehen, die so ihren Einfluss auf das öffentliche Schul- und Bildungswesen verstärken wollen. Dabei stehen propagierte Anliegen wie "mehr Integration" oder "besserer Umgang mit sozialer Vielfalt" im Widerspruch zu den Stiftungszielen, nämlich betriebswirtschaftliches Denken und Handeln in den Einrichtungen zu etablieren sowie den Konkurrenzkampf zwischen den Schulen zu schüren. Werden diese Debatten auch bei Ihnen geführt?
Wilfried Kretschmer: Nein. Wir sind zwar in der Schule sehr stark gewerkschaftlich organisiert. Aber Vorbehalte gegen die Teilnahme am Deutschen Schulpreis oder unsere Mitarbeit in der Schulpreisakademie gab es keine. Man muss jedoch genau hingucken, welche Stiftung was will. Die Robert-Bosch-Stiftung ist völlig altruistisch und gemeinnützig. Sie arbeitet unabhängig von der GmbH. Die Jury, die den Schulpreis vergibt, agiert, ohne dass die Stiftung reinregiert. Gesellschaftspolitisch finde ich es absolut gut, dass sich die private Bosch-Stiftung uneigennützig um das deutsche Schulwesen kümmert. Vielleicht verbessert es sich ja auf diese Weise auch etwas schneller… Natürlich vermittelt man dadurch, dass man gute Schulen vorzeigt, ein bisschen den Eindruck, dass andere nicht so gut sind. Das ist bei jedem Wettbewerb so. Die Frage lautet: Soll man auf den Wettbewerb völlig verzichten. Ich meine: nein! Eine gewisse Wettbewerbskultur unter den deutschen Schulen finde ich richtig. Sie existiert übrigens sowieso. Spätestens dann, wenn Eltern die Entscheidung treffen, auf welche Schule sie ihr Kind schicken.
Interview: Ulf Rödde, E&W-Redaktionsleiter
Erstveröffentlichung und alle Rechte: Erziehung & Wissenschaft
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