Wie Freundschaften den Schulerfolg beeinflussen
Längsschnittstudie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Mehr zu: Auslese, Forschung, Hauptschule, Sekundarschule, Schule(bikl/idw) Intensive Freundschaften hängen eng mit den schulischen Leistungen von Kindern zusammen und können sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben. Das haben jetzt Forscher der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg herausgefunden. Sie untersuchten Peergroups im Hinblick auf ihren Einfluss auf die schulische Laufbahn.
Unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger untersuchen hallesche Erziehungswissenschaftler seit 2005 in einer Längsschnittstudie, welche Bedeutungen die Zugehörigkeit zu Gruppen mit Gleichaltrigen für den Verlauf schulischer Bildungsbiografien hat. Sie berücksichtigen dabei sowohl schulische als auch außerschulische Peereinbindungen und -aktivitäten. Peers verstehen sie als informelle Gleichaltrigengruppen, die sie in verschiedenen Kontexten untersuchen. Darunter fallen Beziehungsformen wie lose Netzwerke, Cliquen oder auch intensive Zweierfreundschaften. "Dabei wollen wir den Einfluss auf erfolgreiche beziehungsweise weniger erfolgreiche Schulkarrieren analysieren", erklärt Sina Köhler, Diplompädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projektes.
Die Jugendforschung konzentrierte sich bislang hauptsächlich auf außerschulische jugendkulturelle Szenen und Cliquen. Die Schulforschung interessierte sich vor allem für unterrichtsrelevante Aspekte. "Durch die Verbindung dieser Ansätze versuchen wir, das Verhältnis zwischen Freizeitaktivitäten und dem schulischen Leistungsverhalten in den Focus zu nehmen."
Die erste Datenerhebung haben die halleschen Forscher mit Elfjährigen in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen an fünf verschiedenen Schulen durchgeführt. Dabei haben sie 158 Schüler aus unterschiedlichen Schulformen befragt, einem Gymnasium in nichtstaatlicher Trägerschaft, zwei ländlichen Sekundarschulen, einer Integrierten Gesamtschule und einer Hauptschule mit einem recht hohen Anteil von Lernenden mit Migrationshintergrund. So erhielten sie einen ersten Überblick, wie die Kinder mit Gleichaltrigen in Beziehungen stehen und fragten nach Freundschaftsbeziehungen, Schulleistungen sowie sozialer Herkunft.
Von den 158 Kindern haben die Wissenschaftler 52 noch einmal genauer untersucht, indem sie qualitative Interviews durchführten. Diese Schüler hatten viele bzw. nur wenige Freunde, unterschiedliche schulische Leistungen oder verschiedene Hobbys. Von den 52 Befragten haben die Erziehungswissenschaftler noch einmal zehn Kinder in ihre Peerwelt begleitet, um zu schauen, wie ihre Freizeitaktivitäten gestaltet sind und welche schulischen Orientierungen Gleichaltrigengruppen haben. Dabei haben die Forscher Gruppendiskussionen mit den schulischen und außerschulischen Freunden der Befragten durchgeführt und später mit den Einzelinterviews verglichen. Dadurch wollten sie prüfen, ob die Aussagen der Befragten mit denen ihrer Freunde übereinstimmen.
Motivation und Abgrenzung
"Zwischen den Freundschafts- und Freizeitmustern sowie den schulischen Orientierungen konnten wir so einen Zusammenhang herstellen", sagt Sina Köhler. Ebenso wurde auch die Eingebundenheit der Kinder in soziale Milieus berücksichtigt, die in einem Zusammenhang mit den Freizeitaktivitäten, den Bildungsaspirationen und den Peerbeziehungen stehen. Resultat der Auswertung ist diesbezüglich, dass die Kinder und ihre Freunde aus sehr ähnlichen familialen Herkunftskontexten stammen. Das skizzierte Interdependenzverhältnis wurde in verschiedener Art und Weise herausgearbeitet, sodass insgesamt fünf Muster gebildet werden konnten. Diese zeigten, dass Freundschaften unterschiedliche Bedeutungen haben können. "Peers können entweder eine Chance oder ein Risiko für Schüler sein", so Sina Köhler. Wenn das Thema Schule innerhalb der Freundschaften oft thematisiert werde, hänge der schulische Werdegang stark damit zusammen. So könnten sich Schüler zum einen durch ihre Freundschaften motivieren, zum anderen gebe es eben auch Kinder, die sich gemeinsam gegen die Schule abgrenzen.
Die Datenerhebungen finden alle zwei Jahre bei denselben Schülern statt. Dadurch wollen die halleschen Forscher herausfinden, wie sich die Schulkarrieren der Befragten verändern und aufzeigen, was es an Schulverläufen und Freundschaftsbeziehungen gibt. Die nächste Erhebung mit den mittlerweile 13-Jährigen wird derzeit durchgeführt. In zwei Jahren erfolgt dann die letzte Erhebung.
"Dabei ist es interessant weiterzuverfolgen, ob sich zum Beispiel die Leistungsorientierten andere Freundeskreise suchen oder sich ihren Freunden anpassen und ihre Leistungsorientierung zurücknehmen", führt Sina Köhler aus. Es sei möglich, dass sich neue Muster herausbilden, bei denen zum Beispiel Peeraktivitäten und -orientierungen schulische Misserfolge kompensieren oder umgekehrt zum Gefährdungspotential für bisher erfolgreiche schulische Bildungsbiografien werden.
Bis jetzt haben die Forscher keine Peers gefunden, die bei den Befragten zu einem schulischen Abstiegsmuster geführt haben. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist der Bedeutungszuwachs von Freundschaften in der Pubertät. "Wir vermuten im Laufe der Jahre einen intensiveren Peereinfluss auf die Schüler", sagt Maren Zschach, ebenfalls Diplompädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in diesem Projekt. "Bei den Elfjährigen spielte die Familie noch eine große Rolle." Dementsprechend zeigte sich anhand der Unterstützung beim Übergang in die Sekundarstufe I, dass die Einstellungen bzw. Orientierungen der Eltern zur Schule von großer Bedeutung sind.
Das Projekt "Peergroups und schulische Selektion - Interdependenzen und Bearbeitungsformen" wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und läuft seit Juni 2005 als Teilprojekt des Forschungsverbundes Mikroprozesse schulischer Selektion am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung (ZSB).
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