(bikl/idw) Es werden kontinuierlich naturwissenschaftlich orientierte Studien angehäuft und innerhalb der eigenen Zirkel verbreitet. Interaktion und Rückkoppelungen zur Praxis bleiben unterentwickelt. Anwendernutzen und Innovationspotential werden meist vertagt: Das ist die Quintessenz einer äußerst kritischen Diagnose des aktuellen Befindens der Lehr-, Lern- und Bildungsforschung, die jetzt in Augsburg vorgestellt wurde.
Herausgeber der Untersuchung mit dem Titel "Der Nutzen wird vertagt ... Bildungswissenschaften im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Profilbildung und praktischem Mehrwert" sind die Augsburger Medienpädagogin und E-Learning-Expertin Prof. Dr. Gabi Reinmann und der Grundschulpädagoge Prof. Dr. Joachim Kahlert von der LMU München.
Europäische Harmonisierung der Hochschullehre, Exzellenzinitiativen, Forschungscluster und eine an Kennziffern orientierte Steuerung der wissenschaftlichen Entwicklung wirken auf Lehre und Forschung der Universitäten ein. Wie die Analysen des Bandes "Der Nutzen wird vertagt ..." zeigen, wird die Wissenschaftsentwicklung insbesondere in den Bildungs- und Erziehungswissenschaften durch die unkritische Übernahme entsprechender Steuerungspraktiken auf einen riskanten Weg gelenkt. Dieser Weg diene der Profilbildung, heißt es, faktisch jedoch erweist er sich zunehmend als Legitimationsfiktion, die es noch dazu erschwert, dem Bedarf an praktisch bedeutsamen Innovationen in Schule, Hochschule sowie Aus- und Weiterbildung gerecht zu werden.
"Warum trotz einer nachweisbaren Innovationskrise eine naturwissenschaftlich motivierte Monokultur um sich greift, ist eine nach wie vor unbeantwortete Frage", stellt Reinmann fest und vermutet: "Wir haben es mit einem fiktiven Markt zu tun, auf dem die Naturwissenschaften einen hohen Wert und von daher Definitionsmacht über wissenschaftliche Standards erhalten haben." Da in diesem Markt die Endkunden, die Lehrerinnen und Lehrer also, keinen Einfluss auf die Forschungsförderung hätten, werde deren Bedarf weitgehend ignoriert.
Die öffentliche Meinung außerhalb der Bildungspraxis verstärke diesen Trend und realisiere kaum, "dass gerade die naturwissenschaftliche Monokultur Bildungsinnovationen verhindert. Vielmehr", so Reinmann, "akzeptiert und befürwortet die Öffentlichkeit gegenwärtig eher diejenigen Strategien, die die höchste Komplexitätsreduktion versprechen." Bildungsforschung, die sich nicht ausschließlich am naturwissenschaftlichen Ideal orientiere, sei für die breite Öffentlichkeit unverständlich - eine Reflexion dieses Ideals, die ein "Sowohl als auch" und/oder ein "Kommt darauf an" verkünde sei unattraktiv.
"Zahlen hingegen", meint Reinmann, "suggerieren klare Befunde, also die begehrten 'hard facts', und mitunter Empfehlungen, die sich scheinbar zwingend aus diesen ergeben. Für Vertreter der quantitativen, naturwissenschaftlich ausgerichteten Forschung ist es daher ein Leichtes, die Öffentlichkeit und über diesen Weg auch die Förderpolitik davon zu überzeugen, dass sie es sind, die endlich Ordnung in das Didaktik- und Erziehungschaos bringen."