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"Neunjährige 'Schule für alle' in absehbarer Zukunft nicht durchsetzungsfähig"

Interview mit Prof. Reiner Lehberger

Mehr zu: Bildungsmonitor, Deutschland, Hamburg, Heterogenität, Interviews, Primarschule, Schulstruktur, Stadtteilschule, Schule
15.05.2008 -

(redaktion) Die neue Hamburger Koalition aus CDU und Grün-Alternative Lister (GAL) hat sich vor kurzem auf eine neue Schulstruktur geeinigt. Von 2010 an soll die vierjährige Grundschule durch eine sechsjährige Primarschule ersetzt werden. Professor Dr. Reiner Lehberger, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg und Vorsitzender des Landesschulbeirats der Freien und Hansestadt Hamburg, äußert sich im Interview mit Dr. Peter Pahmeyer über die Chancen des neuen Hamburger Modells.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Journalist und müssten zu den bildungspolitischen Vereinbarungen der CDU/GAL in Hamburg einen Kommentar schreiben – Mit welcher Schlagzeile würden Sie ihn betiteln?

Reiner Lehberger: Ich denke, ich würde "Überraschender Schulkompromiss in Hamburg" titulieren. Überraschend sind diese Pläne, da die sechsjährige Grundschule in der Enquete-Kommission der Hamburger Bürgerschaft, die vor der Wahl ihre Ergebnisse vorgelegt hatte, keine Rolle gespielt hat. Keine der dort vertretenen Parteien, einschließlich der GAL, hatte die sechsjährige Grundschule für die zukünftige Schulstruktur ins Spiel gebracht. Aber nicht nur in Hamburg, sondern auch bundesweit ist die sechsjährige Grundschule als Alternative oder Zwischenschritt der schulstrukturellen Entwicklung in den letzten Jahren nicht ernsthaft diskutiert worden. Deshalb ist die sechsjährige Grundschule, die in Hamburg nun "Primarschule" heißen soll, eher als ein Kompromiss zwischen den beiden in Zukunft regierenden Parteien zu sehen. Die GAL hatte im Wahlkampf vehement die "Schule für alle" gefordert, während die CDU sich für die Erhaltung des Gymnasiums stark gemacht hatte. Mit der sechsjährigen Grundschule hat die GAL nun ein längeres gemeinsames Lernen erreicht, und das Gymnasium wird in Zukunft ab Klasse 7 neben der Stadtteilschule einer der beiden zum Abitur führenden Wege sein. Ob die CDU mit diesem Kompromiss ihr Wahlversprechen, die "Erhaltung des Gymnasiums", erreicht hat, sollen andere entscheiden.

Festzuhalten bleibt jedoch, dass wir mit der sechsjährigen Primarschule Anschluss finden an den internationalen Standard. Neben Deutschland hat ja nur noch Österreich bereits nach Klasse 4 die Kinder auf verschiedene Schulformen aufgeteilt.

Im bildungspolitischen Raum finden Postulate nach längeren gemeinsamen Lernzeiten mit dem Blick auf skandinavische Schulstrukturen und verbunden mit der Hoffnung auf eine Verminderung sozialer Disparitäten eine zunehmend positive Resonanz. Die schwarz-grüne Koalition in Hamburg will nun die Grundschulzeit auf sechs Jahre ausdehnen. Wer sind die Verlierer, wer sind die Gewinner dieser geplanten Ausdehnung der gemeinsamen Lernzeiten?

Reiner Lehberger: Vordergründig dürften sich ja zunächst einmal die Gymnasien als Verlierer dieser Strukturreform sehen. Sie haben mit der Verkürzung auf acht Jahre bereits ein Jahr ihrer Oberstufe verloren, und nun verlieren sie mit den Jahrgängen 5 und 6 den Unterbau. Viele gymnasiale Schulleiter befürchten, dass eine besondere pädagogische Profilierung ihrer Schulen nur noch schwerlich möglich sein wird. Hier möchte ich allerdings auf Berlin verweisen, wo es ja seit Jahrzehnten Gymnasien erst ab Klasse 7 gibt und wo die Schulen trotzdem individuelle Profile haben entwickeln können.

Ob es bei der Schülerschaft Gewinner und Verlierer geben wird, werden empirische Untersuchungen erst in einigen Jahren nachvollziehen können. Aus der zur Zeit ja heftig diskutierten ELEMENT-Studie von Rainer Lehmann zur sechsjährigen Grundschule in Berlin wissen wir, dass die sechsjährige Grundschule ganz ohne Zweifel für die schwächeren Schüler ein Gewinn ist, es sieht allerdings so aus, dass für einen kleinen Teil der im obersten Kompetenzbereich angesiedelten Schülerinnen und Schüler die Fördereffekte in einem grundständigen Gymnasium besser sind.

Inwieweit lassen sich die aufgezeigten Nachteile strukturimmanent verringern? Welche Alternativen empfehlen Sie?

Reiner Lehberger: Im Unterschied zu Berlin kann man insbesondere drei Dinge anders machen: Erstens darf die sechsjährige Grundschule nicht eine einfache Verlängerung der Grundschulzeit sein. Wir brauchen vor allem eine stärkere Berücksichtigung des Prinzips der Fachlichkeit mit Einführung der zweiten Fremdsprache und spezifischer naturwissenschaftlicher Angebote zum Beispiel. Dazu wäre es zweitens notwendig, für den Unterricht der Primarschule auch Gymnasiallehrer einzubeziehen. Das Selbstkonzept dieser Kollegen ist stark auf kognitiv anregenden Unterricht ausgerichtet, und hier sehe ich durchaus eine Bereicherung und Notwendigkeit für die zukünftige Primarschule. Und letztlich: Da wir in den Klassenstufen 5 und 6 der neuen Primarschule nun eine sehr heterogene Schülerschaft haben werden, benötigen wir dringend kleinere Klassenfrequenzen, um dem Anspruch nach Individualisierung – und dies heißt zum Beispiel ja auch Förderung der stärkeren Schüler – und damit verbundener Qualitätssteigerung insgesamt gerecht zu werden.

Nun werfen Kritiker Prof. Lehmann vor, er würde in seiner Untersuchung Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. Da ca. 93% eines Altersjahrganges der Berliner Schüler/innen die Grundschule besuchten, jedoch nur 7 % nach vier Jahren Grundschule auf ein grundständiges Gymnasium, dessen Plätze limitiert sind, wechseln könnten, sei es klar, dass die Gymnasialschüler durch ein intellektuell anregenderes Lernmilieu privilegiert sind und höhere Lernzuwächse erfahren als ihre Altersgenossinnen und –genossen in der verlängerten Primarstufe. Letztlich spreche das für eine integrierte Form der Gesamt- oder Gemeinschaftsschule.

Reiner Lehberger: Rainer Lehmann vergleicht keineswegs Äpfel und Birnen, sondern er stellt den notwendigen Vergleich zwischen Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern in der sechsjährigen Grundschule und in den Klassen 5 und 6 des grundständigen Gymnasiums an. Dieser Vergleich ist notwendig und erhellend. Unfair wäre nur, wenn man die gleichen Ergebnisse in beiden Schülergruppen erwarten würde, was der Kollege Lehmann ausdrücklich nicht tut. Der kritische Punkt, den er anspricht, ist der, dass Schüler im obersten Leistungsbereich in der sechsjährigen Grundschule offenbar keine so effektive Förderung erfahren wie in einer hoch selektierten Lerngruppe in einem grundständigen Gymnasium. Im Blick auf diese Gruppe erhoffe ich mir von den oben benannten pädagogischen Maßnahmen in der zukünftigen Primarschule bessere Ergebnisse.

Der Berliner Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner interpretiert die Ergebnisse der Untersuchungen von Prof. Lehmann wörtlich so: "Eine Schere zwischen Grundschulen und grundständigen Gymnasien öffnet sich nicht. Im Gegenteil: Bei den Leistungsschwächeren scheint die Grundschule im großen Umfang Bildungsnachteile zu kompensieren. Die Untersuchung zeigt aber, dass auch die Leistungsstärkeren adäquat gefördert werden." Wie lassen sich diese unterschiedlichen Lesarten erklären?

Reiner Lehberger: Die Untersuchung von Rainer Lehmann stellt fest, dass gerade für Schüler im schwächeren Leistungssegment die sechsjährige Grundschule hohe kompensatorische Effekte erzielt. Diese Effekte sind sogar so hoch, dass sie zu einem erheblichen Anstieg des Mittelwertes in der statistischen Darstellung des Leistungszuwachses führen – dies allerdings um den Preis geringerer Lernfortschritte vor allem im oberen Teil des Leistungsspektrums. Ob Jürgen Zöllner deshalb mit der Formulierung "Leistungsstärkere werden adäquat gefördert" Recht hat, ist sicherlich eine Interpretationsfrage in Bezug auf das Adjektiv "adäquat". Ich persönlich glaube, dass in diesem Bereich, wie bereits ausgeführt, die sechsjährige Grundschule noch Optimierungsbedarf hat.

Eine zentrale Passage des 2007 in Hamburg beschlossenen Grundsatzprogramms der SPD lautet: "Wir werben (...) für ein Schulsystem, in dem Kinder so lange wie möglich zusammen und voneinander lernen. Dies ist am besten zu erreichen in einer gemeinsamen Schule bis zur zehnten Klasse." Die Zweigliedrigkeit, auf die sich die Hamburger SPD und CDU im Rahmen der Enquete-Kommission geeinigt hatten und die der Spitzenkandidat der SPD, Michael Naumann glaubwürdig vertreten hatte, wird häufig von führenden Sozialdemokraten - rein taktisch - als Durchgangsstadium zu der "Einen Schule für Alle" interpretiert. Trügt der Eindruck, die SPD beraube sich zunehmend der Chancen eines vernünftigen bildungspolitischen Mittelweges, indem sie mit dem Vorschieben maximalistisch-visionärer Forderungen jene gangbaren Schritte, die Aussicht sowohl auf reale Verbesserungen unseres Bildungssystems als auch auf eine bis in die breite Mitte abgesicherte Regierungsfähigkeit böten, diskreditiert?

Reiner Lehberger: Die Forderung nach einer acht- oder neunjährigen "Schule für alle" halte ich in Deutschland nach wie vor in absehbarer Zukunft für nicht durchsetzungsfähig. Insofern ist das so genannte "Zwei-Säulen-Modell" nach Klasse 4 (oder 6, wie zur Zeit in Hamburg geplant ist) ein richtiger Weg, um die pädagogische Misere insbesondere der Hauptschülerschaft aufzulösen. Wie in Hamburg zu sehen, ist dies auch ein Modell, das in der Öffentlichkeit Akzeptanz und Zustimmung finden kann und damit politisch umsetzungsfähig wird. Die SPD wäre deshalb gut beraten, dieses Modell nicht abzulehnen oder als "taktischen Zwischenschritt" zu beschädigen und damit die reale bildungspolitische Modernisierung der CDU und den Grünen zu überlassen. Natürlich wird sich das "Zwei-Säulen-Modell" mittelfristig auch den zwei Kernfragen unseres Bildungsmonitorings stellen müssen: Erstens, erreichen wir insgesamt bessere Leistungen im Unterricht, und zweitens, gelingt es, die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozialen Hintergrund der Schülerschaft zu verringern?

Es fällt auf, dass sich die überwiegende Mehrheit der Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund Haupt-, Gesamt- und Realschulen, demnächst wahrscheinlich die Hamburger Stadtteilschulen besuchen. Auf welche Weise lässt sich der Anteil ausländischer Kinder an Gymnasien sichtbar erhöhen?

Reiner Lehberger: Bereits die PISA-Erhebungen von 2000 und 2003 haben gezeigt, dass Berlin und Brandenburg mit ihren sechsjährigen Grundschulen beim Übergang von Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen zum Gymnasium bundesweit die besten Werte hatten. Während zum Beispiel die Chancen auf einen Gymnasialbesuch von Kindern aus einem benachteiligten Milieu im Unterschied zu Kindern aus sozial bessergestellten Milieus in Hamburg bei 1:3,5 und in Bayern sogar bei 1:6 liegen, beträgt dieser Wert in Berlin und Brandenburg ca. 1:2,5. Es besteht also die begründete Vermutung, dass eine Verlängerung der Grundschulzeit Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen und Kindern mit Migrationshintergrund eine bessere Chance bietet, ihren Bildungsweg auf einem Gymnasium fortführen zu können. Natürlich benötigen wir dazu auch besondere unterrichtliche Fördermaßnahmen für diese Schüler in der Vorschul- und Grundschulzeit. Darüber hinaus müssen die institutionellen Bildungswege insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund noch transparenter gemacht werden als bisher geschehen. Und nicht zuletzt brauchen wir Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund, und das natürlich auch in den Kollegien der Gymnasien. Zur Zeit liegt in Hamburg der Anteil von "ausländischen" Lehrerinnen und Lehrern (die Kategorie "Lehrer mit Migrationshintergrund" wird statistisch noch nicht erhoben) bei ca. einem Prozent. Hier haben wir also einen extremen Nachholbedarf und ein Potenzial, dass solche Lehrerinnen und Lehrer eine Vorbildfunktion für Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft einnehmen und deren Bildungsaspiration damit anheben können.

Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer

Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com

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