Kinder verwahrlosen und werden für ihr Leben geschädigt, wenn sie sich selbst überlassen bleiben. Kinder sind Forscher und Entdecker. Diese "Neuigkeit" aus den Neurowissenschaften kann nur diejenigen überraschen, die lange nicht mit Kindern zusammen waren. Kinder lernen unablässig, indem sie unablässig spielen, und weil sie keine Langeweile haben wollen. Das muss nur dem erklärt werden, der Spielen durch Lernen ersetzen will – und sich wundert, dass die Kleinen Reißaus nehmen.
Kinder gehen mit Vorliebe durch (vorgelesene) Geschichten auf Fantasiereisen, sie versetzen sich von klein auf bei jeder sich bietenden Gelegenheit in lustvolle Schwingungen in und mit ihrem Körper, hüpfen und klatschen, singen und tanzen. Sie leben in ihrer Welt der Magie, der Wunder und der Geheimnisse, aus der sie erst nach und nach aufwachen. Ihr ganzer Körper und alle Sinne sind die Organe ihrer Welt- und Selbsterfahrung. Immer sind sie aber auch schutz- und trostbedürftig, ohne Liebe verkümmern sie; sobald sie laufen und sprechen können, entdecken sie ihren eigenen Willen und entwickeln eine unglaubliche Intelligenz, um ihre Pflegepersonen für ihre Zwecke einzuspannen und ungewollt zu "Erziehung" herauszufordern. Und immer ist für sie das Schönste, unter ihresgleichen zu sein. Warum und wozu organisierte Frühförderung? Weil hierzulande allzu viele Kinder die förderlichen Umstände ihrer Entwicklung in früher Kindheit entbehren müssen. Diese Kinder brauchen eine anregende Umgebung, der sie alles entnehmen können, was sie gerade brauchen. Und was brauchen sie? Spielen, reden erzählen, musizieren, malen, singen, basteln, knobeln, lachen, toben. Und: Ganz leise werden, sich selber erspüren, zuhören, träumen, zur Ruhe kommen können. Kinder lernen alles durch Nachahmen und Abgucken, was sie sehen, was ihnen vorgemacht wird. Es muss nur interessant sein.
Liest man die neuesten akademischen Programme für die Ausbildung von Expertinnen http://wfür Frühförderung, da wird einem schwindelig: da sollen Alleskönner produziert werden, Expertinnen für den Umgang mit diversity bis zu professioneller Responsivität, mit einem akademischen Blick auf das Kind – der droht, die Welt des Kindes zu verfehlen, weil diese gar nicht mit den Augen des Kindes gesehen wird. Lernen die jungen akademischen "Frühförderinnen" das, was die Kinder wollen und brauchen? Lernen sie vorzumachen, was die Kinder nachahmend lernen sollen? Hoffen wir´s mal. Sonst definiert das "Qualitätsmanagement" der "Angebote" und nicht der lernende Knirps, was eine "erfolgreiche Vorschulkindheit" ist – und dann verhindert die Pädagogik mal wieder die Zukunft, die sie verspricht.
Erschienen in Grundschule /Westermann Heft 05/2008 zum Themenschwerpunkt Lesen. Schreiben. Lernen.
Zur Person
Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal
Ein wahres Wort! Wenn ich an den durchstrukturierten Kindergarten meiner Kinder zurückdenke, bin ich froh, dass sie täglich nur wenige Stunden dort verbracht haben. Ihre übrigen Stunden durften sie noch verbringen wie ich in meiner Kindheit (selbst (Jahrgang 1948), ging ich niemals in einen KG): Als Vorschulkind konnte ich am Vormittag mit anderen selbstbestimmt zusammenkommen, nachmittags auch mit Schulkindern - natürlich noch auf der Straße, in Gärten, bei uns und bei anderen Daheim, zu Fuß, ohne Begleitung. Somit haben wir in heterogenen Altersgruppen soziales Verhalten geübt, selbstbestimmt vieles entdeckt und ausprobiert - manches bestimmt nicht ungefährlich - unterschiedliche Aktivitäten entwickelt. Zuhause hat man den Eltern vieles abgeguckt und geholfen, auch sich alleine beschäftigt, drinnen und draußen. Ich hatte sogar das Glück, öfters von meinem Vater mit auf seine Baustellen mitgenommen zu werden, was mein Leben und Wissen nachhaltig prägte. Viel Liebe, Zuwendung von beiden Elternteilen, Bruder, Verwandten, Freunden, Nachbarschaft, Anregungen aller Art. Schönes wurde geteilt; Streit und Konflikte wurden ausgetragen. Es war wirklich eine Zeit der Körperlichkeit und Bewegung, der Neugierde, der Entdeckungen, des selber Gestaltens. Sowohl bei mir als auch bei meinen Kindern. Mit sehr nachhaltiger Wirkung.
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