Berufsausbildung oder Studium?
Oder: Die "Quadratur des Kreises"
Mehr zu: Berufsberatung, Berufsorientierung, Bildung in Zahlen, Stiftungen, Studienwahl, Hochschule, Berufliche Bildung(redaktion/PM) Die Bremer Landesinitiative Innovative Berufsbildung 2010 zog auf ihrem Kongress am vergangenen Freitag Bilanz. Dazu waren mehr als 200 Berufsbildungsexperten und Berufsbildungspraktiker nach Bremen gekommen. Die Frage, ob die derzeitigen Methoden und Instrumente zum Schließen der "Ausbildungslücke" für die Zukunft taugen, wurde von den Experten entschieden verneint. Bei der Suche nach den richtigen Antworten ist die Konferenz jedoch ein beachtliches Stück weitergekommen.
Die Bürgermeisterin und Finanzsenatorin Karoline Linnert – das Finanzressort ist immerhin der größte Ausbilder in Bremen – legte bereits in ihrem Eingangsreferat den Finger auf einen der wunden Punkte. Deutschland gehört zu den Schlusslichtern bei der Studentenquote. Gerade einmal 35 Prozent eines Altersjahrganges beginnen ein Studium. In 10 von 25 OECD-Ländern liegt diese Quote zwischen 65 und 75 Prozent, im OECD-Durchschnitt bei 55 Prozent. Ist Deutschland mit seiner im internationalen Vergleich außerordentlich niedrigen Studentenanfängerquote für die Wissensgesellschaft gerüstet? Der Senat habe hohe Erwartungen an die Landesinitiative IBB 2010 und erwarte schlüssige Antworten auf diese komplizierte Frage.
Roland Matzdorf, verantwortlich für die Berufsausbildung in Nordrhein-Westfalen ergänzte die Situationsbeschreibung der Bürgermeisterin. Bis 2020 gilt die Zahl der ausbildungsfähigen Schulabgänger von 540.000 heute auf 420.000 zurück. Zugleich wächst der Fachkräftebedarf sowohl auf der Ebene der Facharbeiter als auch auf der Ebene der Hochschulabsolventen. Die Fälle, in denen international erfolgreiche Unternehmen im Hightech-Sektor schon heute Aufträge ausschlagen müssen, da es ihnen an Fachkräften fehlt, häufen sich. Eine Verschärfung dieser Situation kann sich Deutschland als führende Exportnation nicht leisten. Für die Berufsbildungspolitik und die Berufsbildungsforschung stelle sich daher ein schier unlösbares Problem: eine Art Quadratur des Kreises. Die Berufsbildungskonferenz wurde fündig und bescheinigte der Bremer Landesinitiative IBB 2010 wegweisende und tragfähige Lösungsansätze. Es sind vor allem vier Punkte, die die Eckpunkte eines Innovationsprojektes markieren, für das die Bremer Landesinitiative schon vor zwei Jahren den richtigen Slogan gefunden hatte: Qualifizieren statt Versorgen – Innovation statt Subvention.
Das Denkmuster und Handlungsschema "Studieren oder Berufsausbildung" ist überholt. Stattdessen muss es zukünftig heißen: Kein Abschluss ohne Anschluss. Eine solide Berufsausbildung muss zukünftig immer zugleich die Option für ein darauf aufbauendes Studium bieten. Die Leiterin des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung, Dr. Ursula Scharnhorst, erläuterte dies am Beispiel der Schweiz. Eine duale Berufsausbildung kombiniert mit dem ausbildungsbegleitenden Erwerb des Berufsabiturs hat sich seit der großen Berufsbildungsreform Anfang des Jahrzehnts zu einem für die Schulabgänger höchst attraktiven beruflichen Karriereweg entwickelt. Bereits 12 Prozent der Auszubildenden – mit steigender Tendenz – wählen diesen Bildungsweg. 90 Prozent der Fachhochschulstudenten verfügen mittlerweile über eine abgeschlossene Berufsausbildung im dualen Berufsbildungssystem der Schweiz. Dagegen hat Deutschland mit Abstand die meisten Übergangsregelungen in seinen 16 Bundesländern. Diese aber verfehlen in der Praxis offenbar ihre Wirkung. Hier gilt es also: von der Schweiz lernen!
Das Maßnahmen- und Übergangssystem, das sich in Deutschland zwischen Schulabschluss und den Beginn der Berufsausbildung geschoben hat, muss dringend abgebaut werden. Das mittlere Ausbildungsalter – mittlerweile auf den extrem hohen Wert von 20 Jahren angestiegen – kann und muss um etwa zwei Jahre abgesenkt werden. Damit stünden 1,6 Millionen Fachkräfte dem Arbeitsmarkt zwei Jahre früher zur Verfügung und zudem würden etwa 30 Milliarden Euro frei für echte Innovationen in das Bildungssystem. "In Deutschland beginnen die Auszubildenden mit ihrer Lehre, wenn sie dies in Österreich abgeschlossen haben", so Prof. Rauner (Uni Bremen). Österreich, die Schweiz und Dänemark zeigen, wie man dieses Problem lösen kann.
Der im internationalen Vergleich außerordentlich hohe Prozentsatz von 20 Prozent von Schulabgängern, die nicht über die Ausbildungsreife verfügen, verweist auf dramatische Mängel an der ersten Schwelle im Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Die Probleme sind ganz offensichtlich "hausgemacht" – aber erkannt. Beispiele exzellenter Praxis wurden in einem gesonderten Forum präsentiert und ausgewertet. Die entscheidende Erkenntnis: Nur in einer engen Kooperation zwischen Schule, lokaler Wirtschaft und Arbeitsverwaltung gelingt es, den Übergang in die Berufsausbildung aus dem engen Korsett der Praktika im letzten Schuljahr heraus zu lösen. Die Berufsorientierung bedarf einer durchgängigen Verankerung im Bildungssystem vom Kindergarten bis zum Schulabschluss. Die positiven Rückwirkungen auf Motivation und Schulleistungen sind mittlerweile eindrucksvoll nachgewiesen.
Die Bremer Landesinitiative nimmt in gewisser Weise vorweg, was eine international vergleichende Studie der Bertelsmann Stiftung zur Steuerung dualer Berufsbildungssysteme der Bundesregierung empfiehlt. Eine Abstimmung aller an der Berufsbildung Beteiligten. Auch hier kann Deutschland von den Nachbarländern Dänemark und der Schweiz lernen. IBB 2010, so die einhellige Meinung im Abschlussplenum ist ein gelungener Schritt in diese Richtung. "Ich wusste gar nicht, dass uns so viel miteinander verbindet" stellte Karlheinz Heidemeyer von der Bremer Handelskammer ganz überrascht auf die Diskussionsbeiträge von Helga Ziegert, die Bremer DGB-Vorsitzende, fest. Es sieht ganz so aus, als wenn dieser erfolgreich begonnene Bremer Weg auf die Qualität in der beruflichen Bildung zu setzen und sie aus der "Gefangenschaft" einer problematischen sozialpolitischen Versorgungspolitik zu befreien, eine angemessene Antwort auf die vielfältigen Berufsbildungsprobleme bietet, die sich dann vielleicht doch als lösbar erweisen.
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