(redaktion) Der Landtag in Nordrhein-Westfalen beschäftigt sich heute mehrfach mit der Bildungs- und Betreuungssituation im Land (www.landtag.nrw.de/portal/WWW/Webmaster/GB_I/I.1/Landtags_TV.jsp). Bildungsklick dokumentiert hier zwei Tagesordnungspunkte, die in besonderer Weise ein Dilemma des deutschen Schulalltags aufzeigen: Die politisch Verantwortlichen feiern ihr vorbildliches Handeln, die Opposition labt sich an den Mühen des Alltags. Bleibt zu beobachten, was für die Schulen am Ende dabei heraus kommt.
Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (Tagesordnung Punkt 10)
Es ist internationaler Standard und ein Merkmal zukunftsorientierter Bildungssysteme, dass eine Balance hergestellt wird zwischen der pädagogischen Souveränität, der Selbstständigkeit von Schulen auf der einen und der Rechenschaftslegung durch Evaluation sowie zentrale Leistungsüberprüfungen auf der anderen Seite. Das Lernen muss darauf ausgerichtet sein, Kompetenzen zu entwickeln, und zentrale Prüfungselemente müssen kompetenzorientiert sein. Der CDU-FDP-Landesregierung gelingt es nicht, das Zentralabitur an diesen Anforderungen auszurichten. Stattdessen werden überholte Muster der Reproduktion von Faktenwissen wieder belebt. Das Aufgabenniveau und die Aufgabenformate sind nicht an der Sicherung der grundlegenden Bildungsstandards orientiert.
I. Schwarz-gelbe zentrale Prüfungen verfehlen das Ziel
Im laufenden Schuljahr konnten die nordrhein-westfälischen Schulen zum zweiten Mal Erfahrungen mit dem Zentralabitur sammeln. Auch im zweiten Durchlauf des Verfahrens gibt es erhebliche Kritik und Verunsicherung. Während sich die Beschwerden im Schuljahr
2006/2007 in erster Linie auf falsche Aufgabenstellungen bezogen, konzentrierten sie sich in diesem Jahr auf die verfehlte Art und Weise der Aufgabenstellungen und den nicht angemessenen, überhöhten Schwierigkeitsgrad. So wies die Landeselternschaft der Gymnasien in einem Offenen Brief an die Schulministerin insbesondere darauf hin, dass Mathematikaufgaben aus der Analytischen Geometrie "für normal begabte Schüler kaum lösbar und die Aufgabenstellungen in allen Fächern zu umfangreich waren." Die Landesregierung muss die Erfahrungen mit zwei Jahrgängen im Zentralabitur zum Anlass nehmen, das Verfahren grundsätzlich zu evaluieren und auf den Prüfstand zu stellen.
Elemente zentraler Prüfungen im Rahmen des Abiturs oder des Mittleren Schulabschlusses sind in einem Schulsystem, das auf pädagogische Souveränität der Schulen setzt, notwendig und unumstritten. Dies war bereits von der rot-grünen Landesregierung im Modellvorhaben "Selbstständige Schule" so angelegt. Nicht umsonst stand die Professionalisierung der Lernunterstützung im Zentrum der Anstrengungen der teilnehmenden Schulen.
In NRW wurde von SPD und Grünen als Konsequenz der zunehmenden Eigenverantwortung der Schulen und der damit einhergehenden zunehmenden Freiheit in der Gestaltung ihrer pädagogischen Arbeitsweisen vorgesehen, dass die Ergebnisse schulischer Arbeit verstärkt zentral überprüft werden, um Vergleichbarkeit und Transparenz zu gewährleisten.
Zentrale Elemente in Abschlussprüfungen sind in einem solchen Gefüge wichtige Bestandteile im Rahmen einer staatlichen Ergebniskontrolle im Bildungssystem.
Das unter der schwarz-gelben Landesregierung eingeführte Verfahren zum Zentralabitur, das auf enge zentrale Vorgaben in allen Fächern pocht und wenig Spielraum hinsichtlich der Wahlmöglichkeiten bei den Aufgabenstellungen seitens der Fachlehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler zulässt, hat eine negative Entwicklung in den Schulen begründet, die zu Recht von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern kritisiert wird. In den Prüfungsaufgaben finden sich andere Anforderungen als in den Richtlinien und Lehrplänen vorgesehen sind. So
wird z.B. Textwiedergabe anstelle von Reflexion und Problemlösungskompetenz verlangt.
Die schwarz-gelbe Landesregierung hat sich längst von der angestrebten pädagogischen Eigenständigkeit der Schulen verabschiedet. Sie steuert zentralistisch wie nie durch einen überbordenden Input auf dem Erlasswege. Gleichzeitig etabliert sich in Schulen ein enges "teaching to the test". Lernkulturen verarmen dadurch. Schulprofile werden eingeschnürt oder sogar zerstört.
Die zentralen Prüfungen sind nicht kompetenzorientiert angelegt, sondern richten sich stark an Inhaltslisten angekündigter Prüfungsthemen aus. Durch den hohen Vorbereitungsgrad im Vorfeld der Prüfungen wirken sich zentrale Prüfungen faktisch normierend auf den Unterrichtsprozess aus und führen zu einer thematischen Engführung. Hiermit einhergehend befördert diese Art der zentralen Prüfungen reproduktives Lernen und wirkt so stärker verständnis- und anwendungsorientierten Arbeitsformen entgegen. Auf der anderen Seite treiben die Aufgabenstellungen seltsame Blüten wie die z. B. "Oktaeder-Aufgabe" im Mathematik-Zentralabitur 2008, die massenhaften Protest ausgelöst hat. Hier tritt offenbar ein weiteres grundlegendes Missverständnis von CDU und FDP von zentralen Prüfungen zu Tage: Zentrale Elemente sollen die Breite der Qualifikation und grundlegende Standards sichern. Sie können demgemäß nicht auf die Performance von Spitzenleistungen zielen. Diese müssen sich vor allem den in den Leistungen bis zu den zentralen Prüfungen manifestieren und dürfen auch nicht von einer punktuellen Leistung abhängig sein. Deshalb müssen einmalige Prüfungsleistungen in einem gut austarierten Verhältnis zu den längerfristig erbrachten und belegten Leistungen stehen.
II. Das Zentralabitur neu justieren
Um derartigen negativen Entwicklungen entgegenzuwirken, müssen auch im nordrheinwestfälischen Zentralabitur der Anteil zentraler Prüfungselemente neu justiert und die Entscheidungsspielräume der Fachlehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler ausgebaut werden. Die zentralen Prüfungselemente sollen sich auf die grundlegenden Kompetenzen – im Sinne der Bildungsstandards nach Klieme – konzentrieren. Die Auswahl der über die Sicherung und Vergleichbarkeit der grundlegenden Standards hinausgehenden Aufgaben soll in die Verantwortung der einzelnen Schule gestellt werden. Um auch hier Vergleichbarkeit und Gleichwertigkeit zu sichern, ist es sinnvoll, von Seiten der obersten Schulaufsicht einen Aufgabenpool vorzuhalten, auf den die Schulen zurückgreifen können. Im Rahmen der zentralen Prüfungselemente muss eine Bandbreite gleichwertiger Aufgaben vorgelegt werden, aus denen in einem ersten Schritt die Fachlehrkraft und in einem zweiten Schritt, d.h. in der Prüfung selbst wie bisher die Abiturientinnen und Abiturienten Aufgaben auswählen können.
Durch Standardisierung und Kompetenzorientierung ist die Vergleichbarkeit der Leistungen sichergestellt, ohne alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Aufgaben bearbeiten zu lassen.
Ein "teaching to the test" würde vermieden; das "Lernen für das Leben" kann auch im teilzentralen Abitur zum Maßstab werden.
III. Der Landtag stellt fest:
dass die Qualität von Schulen nicht zentral vom Ministerium aus verordnet werden kann. Qualitätsentwicklung findet vor Ort in den Schulen statt. Für die Qualitätsentwicklung und -steuerung sind die pädagogische und organisatorische Selbstständigkeit wie auch die Rechenschaftslegung durch Evaluation und zentrale Prüfung der grundlegenden Kompetenzen unverzichtbar.
IV. Der Landtag fordert die Landesregierung auf:
Sylvia Löhrmann
Johannes Remmel
Sigrid Beer
und Fraktion
Aktuelle Stunde auf Antrag der Fraktion der CDU und der Fraktion der FDP (Tagesordnung Punkt 1)
Begründung
Nach einer am 27. Mai 2008 vorgestellten Studie zur Schulpolitik hat Nordrhein-Westfalen im Vergleich der Bundesländer vorderste Plätze erreicht. Die Studie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft "Politik-Check Schule" zeigt eindrucksvoll die Richtigkeit der bildungspolitischen Maßnahmen, die in Nordrhein-Westfalen seit 2005 eingeleitet wurden. So erreicht das Land im Durchschnitt aller fünf untersuchten Reformbereiche eine gute Bewertung. Als besonders erfolgreich wird die Schulpolitik in den Bereichen der bildungspolitischen Ziele und der Qualitätssicherung bewertet.
Damit ist bestätigt worden, dass die bildungspolitischen Reformen in Nordrhein-Westfalen greifen. Angesichts dieser erfolgreichen Zwischenbilanz muss der Landtag im Rahmen einer Aktuellen Stunde über die Ergebnisse der Studie diskutieren und die Umsetzung der weiteren Schritte dieser Reformstrategie debattieren.
Peter Biesenbach
und Fraktion
Ralf Witzel
und Fraktion