Bildungschancen: Frühe Bildung kein Allheilmittel
Experten diskutierten bei den 3. Reckahner Bildungsgesprächen
Mehr zu: Berufsorientierung, Bildungsbericht, Bildungschancen, Bildungsgerechtigkeit, Deutschland, Frühe Förderung, Jugendhilfe und Sozialarbeit, Kinderarmut, Schulbuch, Statistik, Weiterbildung, Schule(redaktion) Kaum eine Woche, nachdem der zweite nationale Bildungsbericht wieder einmal eindrucksvoll belegt hatte, wie schlecht es um die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland bestellt ist, diskutierten im Brandenburgischen Reckahn rund 70 Bildungsexperten aus Wissenschaft, Politik und Medien über "Bildungsarmut - die neue Herausforderung für Politik und Schule".
Sie sind fast schon Tradition, die Reckahner Bildungsgespräche. Jährlich im Frühsommer treffen sich seit drei Jahren im dortigen Schloss Wissenschaftler, Politiker und Journalisten, um über Bildung in Deutschland zu reden. Veranstaltet werden die Bildungsgespräche vom Verband der Schulbuchverlage (VdS Bildungsmedien e.V.) in Kooperation mit den Universitäten Potsdam, Dresden und der Humboldt-Universität Berlin.
Nationale und internationale Studien lassen schon lange keinen Zweifel mehr an der Dramatik der Situation: In Deutschland verlassen jährlich rund zehn Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss, etwa ein Fünftel der Jugendlichen verfügt nicht über die notwendigen Basiskompetenzen und hat, so Dr. Rita Nikolai vom Wissenschaftszentrum Berlin "keine Chance, dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu kommen".
Wenig Chancen auf berufliche Bildung
Dass sich diese Situation auch seit den ersten PISA Ergebnissen keineswegs verbessert hat, belegte Prof. Dr. Martin Baethge, Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts an der Universität Göttingen und Mitautor des 2. Nationalen Bildungsberichts. Selbst nach optimistischer Rechnung, so Baethge, hätten 28 Prozent der 20-25Jährigen keinen Sekundarabschluss - also weder Hochschulreife noch einen Berufsschulabschluss. Ein Wert, der sich von 2000 und 2006 sogar noch um drei Prozent verschlechtert habe. "Das liegt daran, dass wir es im letzten Jahrzehnt zu vielen Jugendlichen nicht ermöglicht haben, von der allgemeinen Bildung in die Berufsausbildung zu kommen."
Handlungsfähigkeit der Jugendlichen fördern
Neue Konzepte - und zwar nicht allein in der Bildungspolitik - sind also dringend nötig. Aber welche? Ist es die in jüngster Zeit als Allheilmittel propagierte Frühförderung? Etwa weil, wie Rita Nikolai es formulierte, "die beste Arbeitsmarktpolitik im Kindergarten beginnt"?
Christian Lüders vom Deutschen Jugendinstitut hingegen warnte dringend davor, zu glauben, die Probleme ließen sich ausschließlich mit früher Förderung und früher Bildung lösen. Der Erfolg dieser und anderer Förderkonzepte hänge ganz entscheidend davon ab, wie die eigene Handlungsfähigkeit auch im Jugendalter noch gefördert werde. Mit der frühen Bildung würden Grundlagen geschafft, aber die entscheidenden negativen Erfahrungen machten Kinder mit zehn Jahren, wenn sie mit den Auswirkungen des deutschen Schulsystems konfrontiert würden.
"Wir gehen in unserer Vorstellung von Bildung davon aus: Was man nicht am Anfang lernt, das hat keine Bedeutung", kritisierte auch der Vorsitzende der Sachverständigenkommission des 7. Familienberichts, Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin. Nur weil wir es selbst so gelebt hätten, räumten wir unseren Kindern auch nur eine einzige Chance ein, statt zu sagen "Ihr könnt es ja immer wieder versuchen". Folglich forderte er die Möglichkeit eines permanenten Neuanfangs und ein Nachdenken, wie solche Neuanfänge immer wieder organisiert werden können.
Gleichzeitig räumte Bertram mit der verklärten Vorstellung auf, der Ausbau der Kinderbetreuung habe von Anfang an die Bildung im Blick gehabt. Bildungspolitische Argumente hätten beim Tagesbetreuungsgesetz nämlich keine Rolle gespielt. Thema sei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewesen und selbst beim Ausbau der Ganztagsschulen sei es um die bessere Präsenz der Mütter am Arbeitsmarkt gegangen. Das Bildungsargument sei erst spät in die Diskussion gekommen und – wie er lächelnd hinzufügte - möglicherweise sei die Pädagogik sogar davon überrascht worden.
Schule allein kann die Aufgaben nicht bewältigen
"Sieht die Pädagogik überhaupt die ganze Wirklichkeit?", fragte auch der Schlussredner der Veranstaltung, der Rechtswissenschaftler und Romanautor Prof. Dr. Bernhard Schlink.
Wie weit auch die Sozialpolitik, die Einwanderungspolitik und die Familienpolitik eine Rolle spielen und von den Pädagogen in den Blick genommen würden, wollte er wissen. Prof. Dr. Ingrid Gogolin vom Institut für international und interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg mochte allerdings lieber davon sprechen, dass der Bildungsbereich in Deutschland der einzige Bereich sei, in dem aktiv Integrationspolitik betrieben werde. In allen anderen sozialen Bereichen sei dies nicht der Fall. England hingegen, so Gogolin, die zum Thema Migration referierte, gehöre zu den Staaten, die ein aktives Integrationssystem seit dem Beginn der Zuwanderung organisiert hätten - und zwar nicht nur im Bildungsbereich. Diese Maßnahmen würden dort systemisch und systematisch etabliert, kontinuierlich überprüft, überarbeitet und weiterentwickelt - mit großem Erfolg. Denn Schule allein könne diese Aufgabe nicht bewältigen.
Prof. Dr. Lothar Krappmann, Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes, spann den Bogen weiter: "Wir schlagen uns herum mit Radikalen, mit Verdrossenheit, mit Gewalt in Familien, mit dem Missbrauch von Kindern, mit der Ausgrenzung von Gruppen. Das ist eine Welt, auf die die Kinder vorbereitet werden müssen. Das sind keine Randprobleme, sondern Probleme, die uns wirklich bedrohen." Es würden Menschen und entsprechende Bildungskonzepte gebraucht, um diese Probleme zu lösen.
Mit seinen Forderungen nach bildungspolitischen Konsequenzen legte Prof. Dr. Uwe Sandfuchs von der TU Dresden die Verbindung zur letzten Reckahner Tagung, bei der über die Lehrerausbildung debattiert worden war. Er forderte die Qualifizierung von Förderpersonal als Standard in der Lehrerausbildung und eine bedarfsgerechte Budgetierung für langfristige Fördermaßnahmen. Bislang, so konstatierte er, werde lediglich Systemkosmetik betrieben.
Unterstützung oder Sanktionen?
Die provokante Frage von Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth von der HU Berlin nach mehr Sanktionen konnten die wenigen anwesenden Bildungspolitiker nicht bejahen. "Was wäre der Indikator, an dem wir messen können, dass Bildungsgerechtigkeit existiert?", wollte Tenorth wissen. "Würden Sie eine Gesetzgebungsvorlage vertreten, mit der eindeutig geregelt ist, dass niemand die Schule verlassen darf ohne ein bestimmtes Kompetenzniveau, dass Schulen daran gemessen werden, ob sie dies auch erreichen, dass sie nach zweijährigem Nichterreichen geschlossen werden können und dass Lehrer entlassen werden können für das Nichterreichen?"
Von Sanktionen wollte auch Ingrid Gogolin nichts wissen. Wir hätten in Deutschland bereits ein vollkommen durchsanktioniertes Bildungssystem, so die Erziehungswissenschaftlerin. "Sanktionen sind offenbar das einzige Mittel, was wir richtig beherrschen. Ich würde es für wunderbar halten, wenn wir an die Stelle von Sanktionen Unterstützungssysteme stellen würden." Dies sei auch der Unterschied zwischen England und Deutschland.
Dem in der Bildungsdiskussion gern genutzten Begriff der Risikogruppe gab der Ulmer Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Herrmann einen ganz neuen Inhalt. Die Berufsorientierung und Berufsgrundbildung müsse dringend in die Pflichtschulzeit integriert werden. Das sei der strategisch wichtigste Punkt um - wie Lüders es zuvor formuliert hatte – die Handlungsfähigkeit der Jugendlichen zu fördern. Und darum drücke sich die Kultusbürokratie. Deswegen sei für ihn die Kultusministerkonferenz die eigentliche Risikogruppe.
Wer ist eigentlich bildungsarm?
Und Bertram legte schließlich den Finger noch auf eine ganz andere Wunde. Wenn über Bildung diskutiert werde, sollten nicht immer nur die Kinder in den Blick genommen werden, sondern auch die 40-, 50- und 60Jährigen, erklärte er. Es werde – auch im neuen Bildungsbericht – immer wieder lamentiert, wie wenig Weiterbildung in Deutschland stattfinde. Tatsächlich gebe es also eine große Gruppe, die in Deutschland bildungsarm sei und das sei die Generation der 55- bis 65Jährigen, die sich weigere, sich für ein längeres Arbeitsleben noch mal neu zu bilden. Dort liege das Kernproblem, weil Rentensysteme nur gesichert werden könnten, wenn diejenigen, die dazu in der Lage seien, auch entsprechend länger arbeiten würden. Dabei verwies Bertram auf die Niederlande, wo vor zwei Jahren ein Erwerbslebenszyklusmodell eingeführt worden war mit sogenannten Optionszeiten. Mit Zyklen also, in denen die Beschäftigten eine Auszeit für die Kinderbetreuung aber auch für ihre Bildung nehmen können. Diese Zeiten werden später einfach an die Lebensarbeitszeit angehängt.
Kinderrechtskonvention in jedes Klassenzimmer
Lothar Krappmann brachte die Forderung nach Bildungsgerechtigkeit schließlich auf einen einfachen Nenner: Er sei überzeugt, dass man aus der Kinderrechtskonvention mit ihren 44 inhaltlichen Artikeln eine Checkliste für jede Schule machen könnte, um zu prüfen, ob eigentlich das, was die Kinderrechtskonvention den Staaten als Verpflichtung auferlege, auch die Realität der Schule bestimme. Das sei unter anderem die Frage der Diskriminierung. "Diskriminieren unsere Schulen – diskriminiert das Bildungssystem und diskriminiert die einzelne Schule?" Das sollte sich jede Schule ernsthaft überlegen. Die Kinderrechtskonvention, so Krappmann, gehöre in jedes Klassenzimmer.
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