Wikipedia aktiv gegen Atomgegner?
Befürworter des Atomstroms sollen Wikipedia-Autoren für Öffentlichkeitsarbeit und Arbeit an Schulen organisieren / heute.de fragt nach der Neutralität der Enzyklopädie in Sachen Kernenergie
Mehr zu: Medienkompetenz, Nachschlagewerke, Politische Bildung, Unterrichtsmaterial, Zivildienst, Sonderthemen(redaktion/heute.de) "Unterwandert die Atomlobby das freie Online-Magazin Wikipedia?" wird im online-Chanel des ZDF-Nachrichtenmagazins heute gefragt unter Hinweis auf Erfahrungen des BUND Freiburg. Wikipedianer dagegen verteidigen das beharrliche Löschen von Links zu kritischen Webseiten als Ringen um Inhalte.
Links auf kritische Seiten wurden gelöscht
Das, so heute.de, sieht der BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein mit Sitz in Freiburg anders und liefert ein Indiz: "Weblinks, die in Wikipedia-Artikeln zum Thema Kernkraft auf die atomkritischen Webseiten des BUND Freiburg verwiesen, wurden regelmäßig gelöscht."
Verwundert waren die Freiburger umso mehr, als in den betreffenden Artikeln die Links zu den Webseiten der AKW-Betreiber unverändert blieben – eine ausgleichende Verlinkung also nicht möglich war.
Eine Neutralität verlinkter Seiten sei auch nicht zwingend geboten, erklärte dazu Mathias Schindler vom Wikimedia Presse-Team gegenüber heute.de, allerdings müsse durch den Link ein "inhaltlicher Mehrwert zu einem Thema" beigesteuert werden. Und genau diesen "spezifischen inhaltlichen Mehrwert" habe man bei den Seiten, zu denen die Links gelöscht wurden, nicht erkennen können.
Aus Steuermitteln bezahlte Autoren unerwünscht, wenn sie kritisch sind?
Inzwischen, so heute.de weiter, würden die Freiburger BUND-Seiten bei der Wikipedia sogar auf einer schwarzen Liste stehen. Schindler vom Wikimedia Presse-Team verteidigt diese Maßnahme, weil der BUND durch sein massenhaftes Verlinken gegen das Regelwerk der Wikipedia verstoßen habe. Damit aber nicht genug, denn der BUND soll einen Zivi mit der Durchführung der Verlinkungen beauftragt haben. Grund genug für den Wikimedia-Sprecher, den Sachverhalt von staatlicher Stelle regeln zu lassen: "Da ich davon ausgehe, dass es nicht in den Aufgabenbereich eines aus Steuermitteln geförderten Zivildienstleistenden fällt, sich in einem Netzlexikon solche edit-wars zu liefern, habe ich den Sachverhalt dem Bundesamt für den Zivildienst (BAZ) mitgeteilt und um ein Einschreiten gebeten", so Schindler gegenüber heute.de.
Mittels Wikipedia in die Köpfe der Schüler
Weiter berichtet heute.de von einer Tagung der in Berlin ansässigen Kerntechnischen Gesellschaft. Deren Fachgruppe "Nutzen der Kerntechnik" habe sich auf ihrer 17. Tagung in Merseburg am 22. April letzten Jahres intensiv beschäftigt mit dem Thema "Wikipedia. Öffentlichkeitsarbeit und Arbeit an Schulen". Bereits sieben Monate später habe man auf der nächsten Fachgruppensitzung Mitte November 2007 Vollzug melden können und im Protokoll der 18. Tagung der Fachgruppe "Nutzen der Kerntechnik" vermerkt: "Zahlreiche Mitglieder der Fachgruppe engagieren sich auch als Autoren bzw. Korrektoren bei www.wikipedia.de."
Wenn die Atom-Lobbyisten nicht auffallen heißt das ja wohl, dass sie nicht so plumb auftreten wie der Anti-Atom-Lobbyist Meyer. Vielleicht beteiligen sie sich sogar konstruktiv ...
Wikipedia ist ein offenes System und macht ein niedrigschwelliges Angebot. Nur wer es missbraucht und/oder die Regeln verletzt fliegt. Und so erging es Herrn Meyer und seinem Zivi.
Bei diesem Disput zeigt sich deutlich, dass hier „zweierlei Welten und zweierlei Erfahrungen“ aufeinander treffen. Die „Wikipedia-Welt“ und die Welt „außerhalb“ der freien Enzyklopädie. Die häufig wiederholte Argumentation „das freie Spiel der Kräfte” würde bei Wikipedia zu einer objektiven Darstellung führen, trifft bei der Mehrzahl der Wiki-Beiträge sicher zu. Das ist die Erfahrung der Menschen die an den Wikipedia-Seiten arbeiten. Überall dort, wo es um massive ökonomische Interessen geht spielt die wirtschaftliche Macht der Industrie eine wichtige Rolle. Das ist die langjährige Erfahrung der Umweltbewegung.
Die eigentlich erfreulich idealistische Wikipedia-Argumentation, erinnert ein wenig an die Debatte um die "Chancengleichheit" bei Volksabstimmungen in der Schweiz in Sachen AKW. Alle dürfen sich beteiligen und abstimmen, aber in der Kampagne vor der Abstimmung sind die „Spieße ungleich lang“, d. h. die KritikerInnen haben vielleicht 200 000 Franken und die Atomlobby viele Millionen. Beim Neubau von AKW geht es alleine in der Schweiz um eine Summe vom 12 Milliarden Euro. Ein Tag Laufzeitverkürzung bei einem deutschen AKW kostet die Betreiber "Zusatzerträge" von ca. eine Million Euro. Und die schweizer Atomlobby hat jetzt eine der größten (und berüchtigtsten) Werbeagenturen der Welt Burson-Marsteller für Ihre Desinformationskampagen (auch im Internet) eingespannt.
Es ist unser Anliegen, dass auch bei den Wikipedia-Atomseiten „die Spieße beider Konfliktparteien“ zumindest ähnlich lang werden. Darum auch die von uns angestoßene, von einigen Wikipedianern verständlicherweise kritisierte „öffentliche Diskussion“ des Themas. Diese Debatte in der Umweltbewegung hat auch bereits zu, (aus unserer Sicht) „objektivieren“ Wikipedia Beiträgen zum Atomthema beigetragen. Ich denke auch Enzyklopädisten müssen sich diesen Machtfragen verstärkt stellen.
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