(Von Ulrich Herrmann) Das Stuttgarter Kultusministerium wirbt bundesweit in Tageszeitungen um Lehrkräfte für Gymnasien und Berufliche Schulen. Das ist so aussichtsreich wie der Verkauf von Kühlschränken am Nordpol. Was ist der Hintergrund?
Mitte der 90er Jahre wurden im Hinblick auf die Versorgung der Gymnasien und Berufsschulen in Baden-Württemberg besonders zwei Probleme erörtert: zum einen die hohe Zahl von Frühpensionierungen aufgrund gesundheitlich bedingter Dienstunfähigkeit, zum andern das hohe Durchschnittsalter der Kollegien und – angesichts einer überproportionalen Pensionierungswelle etwa 10 Jahre später – die Notwendigkeit gezielter Nachwuchspflege.
Die Zahl der Frühpensionierungen sollte durch Abschläge bei den Versorgungsbezügen gesenkt werden, nicht jedoch durch die Wahrnehmung einer Dienstherrenpflicht: nämlich gesundheitsrelevante Vorsorgemaßnahmen (wie z. B. in Rheinland-Pfalz). Für die Nachwuchspflege wurde daran erinnert, dass man Berufsbewerber erst einmal ausbilden müsse, ehe man sie rekrutieren und einstellen könne. Besonders prekär würde die Lage der Beruflichen Schulen, des "harten Kerns" unseres Bildungswesens, infolge des Mangels qualifizierter Ausbilder werden, nicht zu reden von den Konsequenzen für die Qualität der Berufsausbildung und damit des Nachwuchses in Industrie und produzierendem Gewerbe. Statt sich der Sache anzunehmen, bediente man sich der vorzeitig aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Techniker, Ingenieure usw. – im Wesentlichen erfolglos.
Sah man einmal von (nicht nur) gymnasialen Engpassfächern ab wie Sport, Musik, Religion – die man bekanntlich einfach "ausfallen" lassen kann, ohne den Protest der auf "Leistungsfächer" getrimmten Eltern befürchten zu müssen (nebenbei: auch ein PISA-Effekt) –, waren Engpässe besonders in Fächern mit geringen universitären Absolventenzahlen des Lehramtsstudiums vorhersehbar: Mathematik, Physik, Chemie, Biologie. In diesen Fächern wurden zum Teil sogar die Stundenkontingente in den Gymnasien auf dem Papier aufgestockt, ohne dass Lehrkräfte vorhanden gewesen wären.
Was war zu tun? Nachfrage im Kultusministerium nach Maßnahmen der Rekrutierung – etwa durch Stipendien, Einstellungszusagen usw. – wurden zunächst missverstanden als eine Nachfrage nach der Einstellungspraxis. Die weitere Nachfrage nach Bedarfsberechnungen ergab, dass diese seit einiger Zeit eingestellt worden seien, weil "die politische Leitung des Hauses" (Schavan) die Horrorzahlen nicht mehr hören wolle. Und flugs griff "die Leitung des Hauses" zu einer probaten Einsparmaßnahme: mit der Verkürzung des Gymnasiums auf 8 Jahre – gegen den Rat aller Fachleute und mit Hinweis auf alle absehbaren und heute eingetretenen misslichen Folgen – konnte ein ganzer Gymnasiallehrer-Jahrgang eingespart werden, und mit der Verkürzung des Referendariats konnte ein Ersatzjahrgang gerade mal ein halbes Jahr früher zur Verfügung stehen. Das war`s dann auch schon.
Das Dumme ist nur, dass damit aber die Rekrutierungsproblematik für den Ersatzbedarf ja nicht gelöst war. Deshalb wurde der Vorschlag gemacht, zum Beispiel an der Universität Ulm mit dem akademischen Fächerprofil der genannten gymnasialen Engpassfächer, ohne die große Zahl der Philologien, aber ergänzt durch die Informatik, gezielt für das gymnasiale Lehramt auszubilden. Da die Ausbildungsordnung ohnehin umstrukturiert wurde (und 2001 in Kraft trat), sollte im Zusammenwirken von Universität, den Schulen am Ort bzw. in der Region und mit den ohnehin kooperierenden Studienseminaren in Esslingen und Weingarten ein bedarfsgerechtes berufsorientiertes Lehrerstudium angeboten werden: mit gestärkter Pädagogik, Psychologie, Fachdidaktik und Schulpraxis. Inklusive Referendariat hätten dann die ersten Absolventen etwa 2008/09 in den Schuldienst übernommen werden können. Kapazitätsprobleme hätte die Universität Ulm nicht gehabt, da die Fächer ohnehin unterausgelastet sind; zusätzlichen personellen Aufwand (Lehraufträge, Praktikumsbetreuung) hätte das Kultusministerium bereitstellen müssen (und laut Amtsleitung ohne Schwierigkeiten auch können).
Und was geschah vor zehn Jahren praktisch? Nichts. Die Fachdisziplinen der Universität, die sich ohnehin den ungeliebten "Lehrämtlern" nicht annahmen (sie wurden lediglich als "Kapazitätspuffer" betrachtet), wollten und konnten wohl auch diese Aufgabe nicht übernehmen, denn die Universitätsmathematik z. B. ist etwas gänzlich anderes als die Schulmathematik. Die Universitätsleitung begriff nicht die Chance, den schwächelnden Studierendenzahlen abzuhelfen. Das Wissenschaftsministerium versenkte sinnlos Geld und Stellen erst in die "Virtuelle Universität", dann in Hochschuldidaktik und in Zentren für Lehrerbildung (die gar nicht stattfindet). Und das Kultusministerium? Es übte und übt sich in Untätigkeit und lässt sich vom Kabinett Lehrerstellen bewilligen – die gar nicht besetzt werden können.
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Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal