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Lernen: Einfach nur zuhören ist wenig erfolgreich

Trotzdem muss man nicht alle Erfahrungen selbst machen

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16.07.2008 -

(redaktion/idw) Es herrscht der allgemeine Glaube, dass man eine Strecke mit dem Auto selbst fahren muss, um sie für die Zukunft im Gedächtnis zu behalten. Als Beifahrer würde man sich den Weg dagegen nur schwerer merken können, heißt es. Gleiches gilt für das Nachkochen von Rezepten, das Reparieren eines Fahrrades oder das Erlernen von Tänzen. "Selbermachen" ist das Stichwort. Wie viel Wahrheit steckt wirklich hinter dieser These, fragt auch Prof. Dr. Melanie Steffens von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

"Jeder denkt, Selbermachen ist besser als nur beobachten. Dabei sieht es so aus, als wäre das zumindest für komplexe Handlungsabläufe nicht generalisierbar", so die Psychologin. Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit etwa 210.000 Euro für drei Jahre geförderten Projektes beschäftigt sich ihre Arbeitsgruppe nun mit der Fragestellung, ob man Handlungen besser erinnert, wenn man sie selbst ausführt oder wenn man eine andere Person bei der Handlung beobachtet bzw. nur gesprochene Informationen ("verbales Lernen") darüber erhält.

"Bei den meisten Untersuchungen auf dem Gebiet wurden bis jetzt nur sehr vereinfachte Handlungen eingesetzt", konstatiert Steffens. Solche einfachen Verb-Objekt-Phrasen, wie "die Banane schälen", "auf den Tisch klopfen" oder "das Streichholz zerbrechen", werden den Probanden dabei in zufälliger Reihenfolge aus einer Liste vorgelesen. Abhängig von den verschiedenen Lernbedingungen - Handlungsausführung, Beobachtung oder verbales Lernen - nehmen diese die Handlungsanweisungen entgegen. Das geschieht je nach Lernform durch pantomimisches Nachstellen, Beobachten einer solchen Pantomime oder einfaches Hören. Anschließend zählen die Probanden auf, an welche Handlungen der Liste sie sich erinnern. "Bei diesen einfachen Aktionen dominiert die Erinnerung nach Handlungsausführung, allerdings stehen die Tätigkeiten auch in keinem Zusammenhang zueinander. Es handelt sich schlicht um verarmte Fragmente von Handlungen", meint Prof. Steffens.

Aktive Auseinandersetzung

Im neuen Projekt untersucht sie die Ergebnisse, wenn Handlungsabläufe mit einem komplexen übergeordneten Ziel unter verschiedenen Bedingungen erlernt werden. "Wir nutzen zum Beispiel eine Computersimulation, bei der unsere Testpersonen durch ein virtuelles Labyrinth laufen müssen. Dabei sind einige von ihnen mit einer Umgebungskarte ausgestattet, die anderen müssen sich ohne Hilfsmittel zurechtfinden. Wir wollen wissen, ob die Probanden anschließend den Weg auch wieder zurückfinden", erklärt die Jenaer Psychologin. Erste Ergebnisse der Arbeitsgruppe haben gezeigt, dass die Personen, die sich aufgrund einer Karte aktiv mit dem Weg auseinandersetzen, erfolgreicher sind als diejenigen ohne Karte.

Ähnliche Ergebnisse erhielt Projektmitarbeiter Rul von Stülpnagel in Versuchen mit Tandemfahrrädern und Rollstühlen. Der Doktorand fand heraus, dass der Beifahrer bzw. die schiebende Person sich ebenso gut an die Route erinnern kann wie der Fahrer, vorausgesetzt man hat eine Streckenkarte zur Verfügung. "Selber fahren ist also keine Bedingung für bessere Orientierung. Vielmehr zählt die aktive Beschäftigung mit der Aufgabe, in diesem Fall mit der Karte des Weges", so Stülpnagel.

Das Ziel bestimmt den Lernerfolg

Die Jenaer Arbeitsgruppe untersucht darüber hinaus, inwieweit die Kenntnis des übergeordneten Ziels den Lernprozess beeinflusst. "Es macht einen Unterschied, ob der Proband weiß, dass die Handlungssequenz, mit der er gerade konfrontiert wird, ein bestimmtes Ziel verfolgt oder vollkommen zusammenhanglos ist", postuliert Steffens. Der Sinn einer Handlung muss also bekannt sein, dann tritt ein Erinnerungseffekt eher ein. Das bedeutet, Handlungen, die mit dem übergeordneten Ziel zu tun haben, werden besser erinnert. "Ist 'Kaffee kochen' das Ziel, werden damit zusammenhängende Handlungen wie 'Filtertüte einlegen' oder 'Wasser einfüllen' schneller gelernt als 'auf den Tisch klopfen' oder 'Banane schälen', denn die haben mit dem bekannten Ziel nichts zu tun", erklärt Janette Schult. Die Mitarbeiterin von Prof. Steffens beschäftigt sich im Schwerpunkt mit Gedächtnisinhalten, welche sich auf die Zukunft beziehen, also Handlungen, die in der Zukunft ausgeführt werden sollen. "Ich will herausfinden, ob Handlungssequenzen, von denen bekannt ist, dass sie in der Zukunft erledigt werden müssen, besser erinnert werden als solche, bei denen das nicht gilt. Ein praktisches Beispiel ist die Einnahme von Medikamenten", so die Doktorandin von der Universität Jena.

Bei allen diesen Aspekten des Handlungsgedächtnisses konnte die Jenaer Arbeitsgruppe im Einklang mit früheren Arbeiten bereits feststellen, dass verbales Lernen die schlechtesten Effekte erzielt. Zwischen Handlungserinnerung und Beobachten kommt es auf die Randbedingungen an, etwa die Länge der Handlungssequenz. "Wir können jetzt schon sagen, dass die Lerneffekte durch Beobachten bei komplexen Handlungssequenzen mindestens genauso gut, oft auch besser sind als beim Selbermachen", so Steffens. Die Jenaer Wissenschaftlerin ist sogar davon überzeugt, dass der Beobachter in einer Hinsicht gegenüber dem Handelnden klar im Vorteil ist. Letzterer kennt zwar die einzelnen Schritte sehr gut, den Zusammenhang einer Handlungskette erkennt aber der Beobachter wesentlich besser und kann daher bereits vorher die nächsten Schritte absehen.

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