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Pädagogisches Rüstzeug gegen Gewalt

Weiterbildungsprojekt für Lehrer

Mehr zu: Berlin, Europa, Gewalt in der Schule, Lehrerbildung, Mobbing, Referendariat, Schulprojekte, Training, Weiterbildung, Weiterbildung, Schule
17.07.2008 -

(kg). Schüler, die Jacken und Handys "abziehen", die lieber zuschlagen als diskutieren, gehören an vielen Schulen zum Alltag. Lehrer reagieren darauf häufig mit Hilflosigkeit. In Berlin bereitet deshalb ein Anti-Gewalt-Projekt Pädagogen auf den Umgang mit aggressiven Schülern vor.

Seitdem ein Kollege von einem Schüler krankenhausreif geschlagen wurde, beschäftigt Okka Rascher das Thema Gewalt an der Schule. "Ich will mehr darüber wissen, verstehen, wie es zu gewalttätigen Übergriffen kommt, um vielleicht im Vorfeld handeln zu können", sagt die Lehrerin des Berliner Oberstufenzentrums Gastgewerbe. Der schlagkräftige Schüler sei eher unauffällig und sein Gewaltausbruch völlig überraschend gewesen. Lehrerin Rascher kritisiert, dass Gewalt im Referendariat kein Thema ist und Lehrer nicht entsprechend ausgebildet werden.

Pilotprojekt

Um gegen die große Hilflosigkeit etwas zu unternehmen, nimmt sie an der Lehrerqualifizierung der Denkzeit-Gesellschaft teil, ein Pilotprojekt, das Hintergrundwissen vermitteln und Pädagogen auf aggressive Jugendliche vorbereiten soll. "Wir wollen Lehrer dazu befähigen, die Hintergründe und Motive der Schüler zu verstehen", sagt Projektleiterin Rebecca Friedmann. Beispielsweise würden Jugendliche, die im Elternhaus verprügelt werden, sich meist nicht zu Hause wehren, sondern sich ein Opfer auf der Straße oder in der Schule suchen, um ihre Aggressionen loszuwerden. Der Projektleiterin zufolge sollte ein Lehrer diese Hintergründe erkennen können.

Vier Module

Um das zu erreichen, stehen den Pädagogen in dem Projekt vier Module zur Verfügung. In der als Seminar konzipierten "Denkzeit-Grundausbildung" können sich Lehrer über wissenschaftliche Grundlagen und Methoden im Umgang mit aggressiven und verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen informieren. Oft reicht eine Kleinigkeit, um schulische Gewalt eskalieren zu lassen.

So geht es in neun Sitzungen mit jeweils zwei Doppelstunden auch um Kommunikationstheorien und Mobbing. In der "Praxisberatung" können sich Lehrer in kleinen Gruppen austauschen und gemeinsam mit Pädagogen der Denkzeit-Gesellschaft konkrete Situationen mit schwierigen Schülern aus ihrem Schulalltag sowie Handlungsmöglichkeiten diskutieren. Die Praxisberatung findet an 15 Terminen statt.

An "Projekttagen" werden Grundlagen sozialkognitiven Verhaltenstrainings vermittelt. Außerdem erarbeiten die Teilnehmer unter Anleitung didaktische Einheiten zum Thema soziale Kompetenzen, die sie in ihren Klassen mit Unterstützung eines Dozenten und anschließend selbstständig durchführen.

Für Lehrer, die sich mit den theoretischen Hintergründen des Verhaltens aggressiv-auffälliger Schüler beschäftigen wollen, bietet die Denkzeit-Qualifizierung "Studientage" an. Dieses Modul umfasst vier Doppelstunden zum Thema Dissozialität. Zu den Themen dieser Veranstaltung zählen die soziale Informationsverarbeitung bei zu Gewalt neigenden Jugendlichen, Risiko- und Schutzfaktoren, Persönlichkeitsstörungen sowie die Wirksamkeit pädagogischer Maßnahmen.

Bundesweite Nachfrage

In Berlin startete das Weiterbildungsprojekt im März 2008 für 400 Lehrer. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenfrei, die Veranstaltungen finden meist am Wochenende statt. "Die Nachfrage ist so groß, dass wir einige Termine dreifach besetzen könnten", berichtet Friedmann, und dies sogar bundesweit. Finanziert wird das Projekt durch die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung und den Europäischen Sozialfond. Nach Abschluss der Pilotphase im September dieses Jahres entscheide sich, ob und in welcher Form das Projekt weitergeführt wird.

Die Denkzeit-Gesellschaft ist 2003 aus einem Forschungsprojekt der Berliner FU hervorgegangen. Als freier Träger der Jugendhilfe bietet der Verein jugendlichen Straftätern ein Training sowie Betreuung für gewalttätige und verhaltensauffällige Schüler.

Kompakt

Vielen Lehrern fehlt das Handwerkszeug, um gewalttätige Konflikte zu entschärfen. Längst nicht alle Pädagogen sind ausgebildete Mediatoren. Die Lehrer-Qualifizierung der Denkzeit-Gesellschaft geht darum noch einen Schritt zurück. Ihr Ziel besteht darin, die Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen, bevor es zu Eskalationen kommt. Dass viele Lehrer dem Thema Gewalt mit Unsicherheit begegnen, bestätigt die starke Nachfrage. Zwar gibt es keine Patentlösungen, doch kann das Erkennen von Gewaltpotenzialen Ausbrüche verhindern.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von David Weß, am 21.01.2009, 14:16

Mann muss schon in der Kindheit die Aufklärungsarbeit leisten, sonst lernen unsere Kinder von einander und nicht von den Eltern. Aber zu erst müssen die Eltern, dieses Problem auch wahrnehmen und nicht unterschätzen.

Hier ist ein Link zum Aufklärungskurzfilm einer anderen Art:

de.youtube.com/watch?v=lODqNF2SPfs


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