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Rechtschreibreform: Schüler machen doppelt so viele Fehler

Studie in Stuttgart vorgestellt

Mehr zu: Rechtschreibung, Zensuren, Schule, Sonderthemen
28.07.2008 -

(redaktion/pm) Angeblich machen Schüler an deutschen Schulen seit dem Inkrafttreten der Rechtschreibreform vor zehn Jahren annähernd doppelt so viele Fehler wie zuvor. Das zumindest ist das Ergebnis von vergleichenden Studien, die Dr. Uwe Grund auf der Jahrestagung der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) am Wochenende in den Räumen des Ernst Klett Verlags in Stuttgart vorstellte.

"Die Fehler haben sich gerade in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben", so der Dozent an der Universität des Saarlands weiter. Dies entspreche bei gleichen Bewertungsmaßstäben einer Absenkung um eine ganze Note. "Diese Untersuchung leistet, was man von den Kultusministerien hätte erwarten müssen: eine objektive Erfolgskontrolle der Reform", sagte dazu Reinhard Markner, der Vorsitzende der FDS.

Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache ist ein Zusammenschluss von Reformgegnern, unter ihnen die Sprachwissenschaftler Theodor Ickler und Horst Haider Munske sowie die Schriftsteller Reiner Kunze, Sten Nadolny und Adolf Muschg.

2 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Hans-Jörg Feil, am 30.07.2008, 13:30

mit allem Respekt - der Verdacht des interessegeleiteten Ergebnisses scheint nicht unbegründet.

Ich arbeite seit 1990 mit Jungerwachsenen, die sich auf einen nachträglichen Schulabschluss vorbereiten. Ich habe die dokumentierbare Erfahrung gemacht, dass die Fehlerquote im reformierten Rechtschreibereich signifikant niedriger liegt, als vor der Reform.

von Hans Brügelmann, am 30.07.2008, 17:40

Verschlechterung der Schreibleistungen durch die Rechtschreibreform:

Trägt die empirische Grundlage?

Aktuell geistern Befunde durch den Blätterwald (BILD, FOCUS, Börsenblatt usw.), die belegen sollen, dass sich die Schülerleistungen als Folge der Rechtschreib-Reform deutlich verschlechtert haben. Die Medien beziehen sich auf einen Vortrag des Germanisten Uwe Grund vor der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, die der Rechtschreibreform generell kritisch gegenübersteht.

Auch wenn die in seinem Bericht publizierten Daten (z. B. zur s-/ss-/ß-Schreibung) Anlass für ernsthaftes Nachdenken und weitere Analysen sein müssen, rechtfertigen sie das harsche Urteil nicht. Die berichteten Urteile sind mit großer Vorsicht zu interpretieren:

• Der Autor selbst vergleicht Klassen einer (!) norddeutschen Schule 1970/72 mit Klassen einer (!) südwestdeutschen Schule 2004/06, wobei es sich um vier Diktate in maximal 6 Klassen der Jahrgänge 5-7 handelt, die Anzahl der in den Vergleich jeweils einbezogenen Lerngruppen und SchülerInnen aber unklar bleibt.

• Die von ihm ergänzend zitierte Abiturstudie zeigt bereits vor der Rechtschreibreform deutliche Anstiege der Fehlerquoten, so dass es auch andere Gründe für den beobachteten Fehleranstieg unter den Abiturienten geben kann (z. B. die erheblichen Veränderungen der Population in dieser Schulform).

• Grund zitiert drittens eine Untersuchung von uns, deren Ergebnisse wir selbst sehr viel zurückhaltender gedeutet haben (Brügelmann 2003b) und nach weiteren Analysen später sogar korrigieren mussten (Brügelmann 2004m).

• Er verwendet dramatische Prozentwerte („330%“), die sich zum Teil auf marginale Größenordnungen beziehen (z. B. Zuwachs einer Fehlerkategorie von 0,2 auf 0,6 Fehler pro 100 Wörter).

• Er bezieht wesentliche Daten und Erklärungsversuche nicht ein, die zu einem differenzierteren Bild führen würden, wenn z. B. als Ursache neben den orthographischen Regelungen auch die Lernsituation (langes Nebeneinander von alter und neuer RS) und gesellschaftliche Veränderungen der Schreib- und Medienkultur einbezogen würden.

Betrachtet man die immer noch karge empirische Grundlage insgesamt, so sind die Daten zu widersprüchlich, ihre möglichen Deutungen zu vielfältig (vgl. Marx 1999; 2004; Brügelmann 2003b; 2004m+n; Grund 2006; 2008), als dass man daraus klare Folgerungen für den „Erfolg“ der Rechtschreibreform ableiten könnte.

Es stellen sich interessante Fragen, z. B. zum Einfluss des Umfeldes vs. der Rolle der neuen Schreibungen selbst, aber Antworten geben die Daten auf diese Fragen noch nicht.

Brügelmann, H. (2003b): Rechtschreibleistungen am Ende der Grundschulzeit: 1991-2001. NRW-Kids 2001 und der Schreibvergleich Bundesrepublik-DDR. In: Panagiotopoulou/ Brügelmann (2003, 173-178).

In: Panagiotopoulou, A./ Brügelmann H. (Hrsg.) (2003): Grundschulpädagogik meets Kindheitsforschung: Zum Wechselverhältnis von schulischem Lernen und außerschulischen Erfahrungen im Grundschulalter. Leske+Budrich: Opladen, 173-178.

Brügelmann, H. (2004m): Textmenge und Rechtschreibfehler in freien Texten (Klasse 4 bis 12). Eine Sekundärauswertung der Studie NRW-KIDS. Vervielf. Ms. FB 2 der Universität: Siegen.  www.agprim.uni-siegen.de/nrwkids [30.7.2008]

Brügelmann, H. (2004n): Die Rechtschreibleistung in Kurztexten von SchülerInnen der achten Klasse in der internationalen IEA-Lesestudie 1991. Vervielf. Ms. FB 2 der Universität: Siegen.  www.agprim.uni-siegen.de/iea [30.7.2008]

Grund, U. (2006): Nahaufnahme: Rechtschreibleistungen in Abituraufsätzen.

forschungsgruppe.free.fr/grund.pdf [30.7.2008]

Grund, U. (2008): Vergleichende Studien zu Rechtschreibleistungen in Schülertexten vor und nach der Rechtschreibreform. Erste Ergebnisse und Desiderate der Forschung

www.sprachforschung.org...rtragstext_FDS.pdf [29.7.2008]

Marx, H (1999): Rechtschreibleistung vor und nach der Rechtschreibreform: Was ändert sich bei Grundschulkindern? In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, 31. Jg. H. 4, 180–189.

Marx, H. (2004): Rechtschreibung wurde erschwert. Interview in: Neue Osnabrücker Zeitung v. 21. 8. 2004

www.sprachforschung.org...hp?show=news&id=86 [30.7.2008]


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