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Kinder mit der Sprache spielen lassen

Wie Lehrer Grundschüler unterstützen können

Mehr zu: Deutsch, Forschung, Heterogenität, Künstlerische Fächer, Leseförderung, Hochschule, Schule
30.07.2008 -

(redaktion/idw) Dass es wichtig ist, Kinder zu persönlich bedeutsamem Schreiben zu befähigen, ist allgemeiner Konsens in der Diskussion um den Deutschunterricht in der Grundschule. Kontrovers wird hingegen diskutiert, wie Lehrer den Weg der Kinder in die Welt der Schrift unterstützen können. Sollten sie systematisch Aufsätze schreiben lassen? Oder den Kindern Freiräume für selbstgesteuerte Lernprozesse gewähren? Dr. Michael Ritter von der Martin-Luther-Universität Halle- Wittenberg plädiert dafür, beim Schreiben ein "Spiel mit der Sprache" zu inszenieren.

Die Situation der Schreibdidaktik hält er aus ästhetischer Bildungsperspektive für unbefriedigend. Unter dem Titel "Wege ins Schreiben" erscheint Ritters Dissertation in Kürze.

Die kleine Nachtfee
Es war einmal ein dunkler Wald. Dort, wo er am dunkelsten war, stand ein Haus. Jeden Abend öffnete sich die Tür und die Nachtfee verteilte die Nacht über das Land. Dann ritt sie auf Sternentänzer, dem Sterneneinhorn, aus. Das macht sie heute noch. Isabelle, 8 Jahre

"Das Beispiel aus meiner praktischen Arbeit mit Kindern zeigt: Schreibende Kinder sind Sprachbaumeister, wenn die äußeren Rahmenbedingungen ein produktives und kreatives Handeln anregen und zulassen", sagt Dr. Michael Ritter. "Sie gestalten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Texte, in denen ihre persönlichen Vorstellungen eine schriftsprachliche Form erhalten. Oft verblüffen sie dabei die Erwachsenen mit wunderbaren Perspektiven und erstaunlich präzisen Beschreibungen."

Keine systematische Aufsatzschulung

Von einer systematischen Aufsatzschulung in der Schule, die den sukzessiv inszenierten Aufbau von Kompetenzen im Bereich des Verfassens von Texten gewährleisten soll, hält Ritter wenig. In seiner Dissertation hat er herausgearbeitet, dass Kinder im Bereich der Grundschule Schriftsprache besonders über ästhetische Zugänge erfahren und nutzen können. "Wo ein produktiver Umgang mit Schriftsprache nicht nur zur Übungshandlung reduziert, sondern vielmehr als ein Spiel mit der Sprache inszeniert wird, das die Phantasie anregt und Kinder zu Gestaltern ihrer persönlichen Textwelten macht, wird ihnen vor Augen geführt, welche Bedeutung das Schreiben für ihre persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten hat." Kindern, die diese Einsicht gewonnen haben, falle auch die Aneignung der Sprachnormen wie Orthografie und Ausdruck deutlich leichter.

In seiner Studie "Wege ins Schreiben" arbeitet Ritter den gegenwärtigen Stand der Diskussion um die Schreibdidaktik der Grundschule systematisch auf. Dazu verfolgt er die Entwicklungslinien des Aufsatzunterrichts vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die Ergebnisse dieser historiografischen Auseinandersetzung fallen relativ ernüchternd aus: In den historischen Konzeptionen der Schreibdidaktik spielen ästhetische Bildungsvorstellungen eine sehr unterschiedliche, zumeist aber fast gar keine Rolle.

Während im gebundenen (19. Jh.) und im sprachgestaltenden Aufsatz (ca. 1925 bis 1970) das Schreiben im Elementarschulbereich fast vollständig auf die Reproduktion vorhandener Texte reduziert und den Kindern die Fähigkeit zu eigenen Darstellungen nicht zugetraut wurde, setzten die Didaktiker des freien Aufsatzes (ca. 1900 bis 1925) auf eine Inszenierung des Schreibens als Ausdruckstätigkeit persönlicher Erlebnisse. Der ästhetische Anspruch dieses Ansatzes wurde allerdings durch die einseitige Orientierung auf die Darstellung konkreter Erlebnisse und die damit verbundene Ablehnung der Produktion fiktionaler Texte als Spielraum der Phantasie stark relativiert.

Die Erwachsenenperspektive

Die in den 1970er und 80er Jahren etablierten und bis heute relevanten Ansätze des kommunikativen Aufsatzes sowie des freien und kreativen Schreibens bieten ebenfalls ein durchaus heterogenes Erscheinungsbild. Während im kommunikativen Aufsatz Fragen des persönlichen Ausdrucks und der subjektiven Gestaltung keine Rolle spielten, wurden diese Aspekte in den Ansätzen des freien und kreativen Schreibens in den Mittelpunkt der fachdidaktischen Diskussion gestellt. Dabei ist allerdings zu beobachten, dass das freie Schreiben die kindlichen Schreibprozesse stark aus der Perspektive von Erwachsenen zu beschreiben versuchte, wohingegen das kreative Schreiben zwar produktive Ansätze im Sinne eines spielerisch-experimentierenden Schriftgebrauchs postulierte, die didaktisch-methodische Konkretisierung jedoch in den meisten Fällen ausblieb.

Ritters Fazit: "Die aus ästhetischer Bildungsperspektive unbefriedigende gegenwärtige Situation der Schreibdidaktik bedarf konkreter Anregungen." Eine erste Anregung gibt der Wissenschaftler in seiner Studie selbst, indem er das erzählpädagogische Konzept des italienischen Schriftstellers und Pädagogen Gianni Rodari unter dem Gesichtspunkt ästhetisch orientierter schreibdidaktischer Überlegungen untersucht. Der von Rodari forcierte produktive Umgang mit Sprache, den er in seinem Modell des "phantastischen Binoms" beschreibt, ist demnach auch für einen produktiven Umgang mit Schrift im Schreiben eigener Geschichten geeignet. Für Rodaris Konzept charakteristisch ist, dass er unter einem produktiven Umgang mit Sprache immer eine Integration rational-logischer und ästhetischer Prozesse versteht.

Seine Dissertation versteht Michael Ritter als "Theorie der Praxis". Seine eigenen Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern - gesammelt zum Beispiel auf der "Schreibspielwiese", einer Arbeitsgemeinschaft schreibender Grundschüler in Halle - abstrahiert er und integriert sie in die fachdidaktische Diskussion.

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