(ht). In Deutschland leben vier Millionen nahe am Rande des Analphabetismus oder befinden sich mitten darin. Nur 20 000 von ihnen tun etwas dagegen und knien sich erneut in den Erwerb der Schrift hinein. – Zahlen, die dem Land der Dichter und Denker nicht gut zu Gesicht stehen. Seit 2007 fördert der Bund nun eine Initiative, die den Alphabetisierungsunterricht professionalisieren will. 2009 soll ein erster Studiengang entstehen.
"Die ersten Jahre bin ich in einem Obdachlosenasyl aufgewachsen. Ich bin das siebte von acht Kindern. Meine Mutter hat die ersten Jahre in der Kneipe gearbeitet. Mein Vater war beim Bau und in Fabriken. Ab der dritten Klasse war ich auf einer Sonderschule. Dort wurde man durchgezogen. Ich habe die Schule bis zur 10. Klasse besucht und bin so schlau abgegangen, wie ich anfing. Es war schon ein Problem, eine Arbeit aus der Zeitung zu suchen. Heute arbeite ich seit 16 Jahren in einer Zigarettenfabrik. Als ich an der Maschine angelernt wurde, wurde die Störung über Computer angezeigt. Wenn man nicht lesen kann, ist man gezwungen, alles schnell auswendig zu lernen. Trotzdem habe ich andere angelernt, und kein Kollege würde glauben, dass ich nicht lesen und schreiben kann. Oft gibt es Probleme in Familie, Partnerschaft, Freundschaft. Mein Selbstwertgefühl ist verloren gegangen."
So liest sich in Auszügen der Bericht eines Erwachsenen, der trotz zehn Jahren Schule kaum lesen und schreiben konnte. Ein funktionaler Analphabet, von dem es deutschlandweit geschätzt vier Millionen gibt. Der anonyme Bericht stammt von einem Mann, der seine zweite Chance mit der Schrift suchte und Kurse belegte. Sie finden meist an der VHS statt, durchgeführt von Lehrern, Sozialpädagogen und Psychologen. Ein Nebenbroterwerb, getragen vom guten Herz für Bedürftige. Das Rüstzeug und die Materialien, das die Kursleiter dafür brauchen, erarbeiten sie sich größtenteils selbst, teils helfen einführende Fortbildungen.
Das Problem, dass Erwachsene trotz Schulbesuch mit allergrößten Schwächen in der Schriftsprache ihr Leben bewältigen müssen, ist in der Bundesrepublik nicht unbekannt. Seit 1978 gibt es Alphabetisierungskurse. 1984 gründete sich der Verein "Schreibwerkstatt für neue Leser und Schreiber e.V.". Aus ihm entstand der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V., der mit Freiarbeitsmitteln, Fachliteratur, Fortbildungen und einer Zeitschrift den Kursleitern helfend unter die Arme greift. Zwar schlummerte das Problem lange unter der Decke der gesellschaftlichen Ignoranz. Aber die Unruhe der Betroffenen wächst. Der Computer in der Arbeitswelt greift um sich. Ohne Lesen und Schreiben geht selbst auf dem Bau nichts mehr – wenn nicht mal eine SMS vom Chef entziffert werden kann.
Zudem wird die Risikogruppe nicht kleiner: 80 000 Schüler verlassen Jahr um Jahr ohne Hauptschulabschluss das deutsche Bildungssystem. Ein großer Teil von ihnen meidet im Laufe der Jahre die Schriftsprache. Sie verlernen das Wenige, das sie konnten. So beginnt der funktionale Analphabetismus. Die Betroffenen können noch ihren Namen schreiben, erkennen einige Buchstaben und verstehen so eben leichte Texte. Indes wächst ihr Vermeidungsverhalten. Ein Netz von Helfern wird gestrickt, das die beschämende Lücke verdeckt. Bis Arbeitslosigkeit droht oder kein Ende mehr findet.
Hinter dem nüchternen Namen steckt eine Not, die inzwischen auch die Politik erkennt. Das Bildungsministerium des Bundes legte darum schon letztes Jahr ein 30 Millionen schweres Unterstützungsprogramm zur Alphabetisierung auf. Ein Schwerpunkt: die Professionalisierung der Unterrichtenden. Das Projekt PROFESS entwickelt ein einheitliches Studien- und Fortbildungskonzept. Ziel ist der Aufbau von zwei Studiengängen als Master- bzw. Weiterbildungsstudium. Zudem sollen Module für die Fortbildungen außerhalb der Hochschulen entstehen. Die Arbeit daran koordiniert der Bundesverband für Alphabetisierung. Dessen Geschäftsführer Peter Hubertus fordert schon lange die anerkannte Ausbildung zu einem "Alphabetisierungspädagogen." Sein Votum: "Es geht um die Verbesserung des Ausbildungsstandes. Die Kursleiter lernen das, was sie dafür brauchen, meist in kurzen Fortbildungen an Wochenenden. Was ihre Arbeit aber erfordert, ist ein hochkomplexes Tun. Sie müssen mit einer sehr heterogen Gruppe umgehen können. Diese erwachsenen Menschen sind schon an vielen Methoden gescheitert. Das braucht für jeden einzelnen eine eigene Diagnostik sowie Begleitung. Und es braucht ein lebensnahes Lernen, so dass jeder Teilnehmer es versteht und den Nutzen für sich erkennt."
Die Leiterin des Projekts zur Entwicklung der Studiengänge ist Cordula Löffler, Professorin für sprachliches Lernen an der PH Weingarten. Dort werden 2009 die ersten Studienplätze vergeben. Sie skizziert das Programm: "Noch arbeiten wir an den Inhalten. Aber die großen Themen stehen. Es geht um ein umfassendes Wissen über die Hintergründe für Analphabetismus, um das nötige Methodenrepertoire in der Diagnostik und Didaktik beim Schriftsprachenerwerb, um weitere Elemente einer unverzichtbaren Grundbildung, aber auch um Kenntnisse in der Erwachsenenbildung und der Beratung und Begleitung von solch schwierigen Lernprozessen. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass die Kursleiter viele unterschiedliche Kompetenzen und Ansätze besitzen. Das werden wir nun bündeln und damit ein vollständiges Berufsbild prägen." Elfriede Haller, seit 20 Jahren Kursleiterin in Ludwigshafen, freut sich sehr über diese Entwicklung. "Diese Professionalisierung hilft uns bei der Anerkennung unseres Tuns. Bislang arbeiten wir als freie Honorarkräfte für wenige Euro in der Stunde. Dabei leisten wir eine wichtige Arbeit für Bildung und Gesellschaft." Ähnlich reagiert Andrea Kuhn-Bösch von der VHS München, zuständig für die Alphabetisierungskurse: "Wir brauchen diese Professionalisierung dringend. Laut des Bildungsberichts unserer Stadt haben wir 23 Prozent Geringqualifizierte. Für die benötigen wir noch mehr Profis und Multiplikatoren, die diese Betroffenen erkennen und ihnen Hilfen bieten." Ute Jähn Niesert, Vorsitzende vom Berliner Arbeitskreis für Orientierungs- und Bildungshilfe, bemängelt lediglich, dass das Geld des Ministeriums keinen einzigen Kurs mehr hervorbringt. "Dabei bräuchten wir Mittel für Intensivtraining, die wir nicht anbieten können." Aber so wirkt die Crux des Föderalismus. Der Bund darf nicht Gelder in die Zuständigkeit der Länder geben. Immerhin: 2011 wird es die ersten fertigen Alphabetisierungspädagogen geben.
Rund vier Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland. Damit Fördermaßnahmen greifen können, muss die Alphabetisierungspädagogik nicht nur intensiver, sondern auch professioneller werden. Weiterbildungskurse und eigens eingerichtete Studiengänge sollen dabei helfen.
Mehr Informationen finden Betroffene, deren Angehörige und Freunde unter anderem beim Bundesverband Alphabetisierung, Alpha-Telefon 0251 53 33 44).
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst