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"Ich würde meine Energie in einen gesamtdeutschen Pakt zur Bekämpfung von Bildungsarmut stecken"

Interview mit Prof. Jutta Allmendinger

Mehr zu: Bildungschancen, Deutschland, Durchlässigkeit, Gemeinschaftsschule, Gleichstellung, Hauptschule, Interviews, Nordrhein-Westfalen, Prävention, Schleswig-Holstein, Schulstruktur, Schule
07.08.2008 -

(redaktion) Immer wieder hat sich die Bildungssoziologin und Arbeitsmarktforscherin Prof. Jutta Allmendinger gegen das dreigliedrige Schulsystem ausgesprochen - unter anderem als Mitunterzeichnerin des im vergangenen Herbst in der ZEIT veröffentlichten Aufrufs für ein zweigliedriges Schulsystem. Sie warnt außerdem vor einer dramatisch wachsender Bildungsarmut in Deutschland. Im Interview mit Dr. Peter Pahmeyer beklagt die bekannte Wissenschaftlerin die geringe Ausschöpfung von Bildungspotenzialen und nimmt zu den unterschiedlichen Modellen der Gemeinschaftsschule Stellung.

Als engagierte Arbeitsmarktforscherin weisen Sie häufig auf den Tatbestand hin, dass nicht einmal ein Viertel der Kinder aus Haushalten mit nicht akademischem Hintergrund ein universitäres Studium aufnehmen. Wie lassen sich die Bildungschancen dieser Kinder aus Ihrer Sicht mittelfristig merklich erhöhen?

Jutta Allmendinger: Die empirische Bildungsforschung ist sich über alle Disziplinen hinweg einig. Wesentliche Ursache für die in Deutschland geringe Ausschöpfung von Bildungspotenzialen ist die frühe Zuordnung von Kindern in eine von drei Schultypen bei nur geringen Möglichkeiten, die eingeschlagene Laufbahn später zu revidieren. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit einer späteren Trennung von Kindern, was eine Zusammenlegung von Hauptschulen und Realschulen nahelegt. Hinzu kommen muss eine frühe und individuell ausgerichtete Erziehung, Prävention ist wesentlich erfolgreicher als nachträgliche Reparatur. Auch der Weg in die Hochschule ohne die klassische Hochschulzulassung über ein Abitur ist auszubauen.

In Ihren Untersuchungen konstatieren Sie bei jungen Frauen ein erstarktes Selbstbewusstsein sowie den Wunsch, Beruf und Familie, Karriere und Kinder miteinander verbinden zu wollen. Welchen Beitrag sollten Schulen, können Schulen leisten, damit aus dem Wunsch eine nachhaltige Wirklichkeit werden kann?

Jutta Allmendinger: Schulen tun heute sehr viel für die jungen Frauen, denn Frauen schneiden in Schulen besser als junge Männer ab. Von einer Diskriminierung kann nicht mehr gesprochen werden. Naheliegend wäre allerdings ein entschlossenes Auftreten und Antreten gegen gesellschaftliche Stereotypisierungen, die dazu führen, dass Frauen seltener ihre Fähigkeiten in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ausbilden. Hier kann von den Schulen mehr geleistet werden. Dies trifft auch auf die Vorbereitung auf ein immer mehr in eigener Verantwortung zu gestaltenden Leben zu. Mehr Wissen über den Arbeitsmarkt sollte vermittelt werden, mehr Wissen über Familienplanung und Familienführung. Auch auf die Entfaltung sozialer Kompetenzen müsste mehr Wert gelegt werden. Für all das brauchen Schulen aber Zeit. Auch daher brauchen wir flächendeckende Ganztagsschulen.

Junge Männer müssen im Besonderen geschult werden. Noch immer stecken viele von ihnen in Vorstellungen männlicher (Allein-) Versorgerrollen fest, in vieler Weise überfordern sie sich damit unnötig selbst. Kindererziehung und die Betreuung von Älteren wird von vielen jungen Männern noch als unmännlich empfunden. Lehrerinnen und Lehrer können auch hier viel Aufklärung leisten. Viel würde schon dadurch gewonnen, wenn man junge Frauen und junge Männer mehr zum Reden miteinander bringen könnte.

Zwei Beobachtungen: Mittlerweile bilden an den weiterführenden Schulen, erstmals auch an den Gymnasien beim Lehrpersonal Frauen die Majorität. Beim Blick auf die Zusammensetzung von Pädagogik-Kursen in den Oberstufen lassen sich junge Männer eher mit der Lupe suchen. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Jutta Allmendinger: Zum einen ist dies schlicht den Bildungsgewinnen von Frauen zuzuschreiben. Der Frauenanteil an Absolventen mit allgemeiner Hochschulreife liegt bei 56 Prozent (statistischen Bundesamt 2007), auch gibt es mit 55 Prozent insgesamt mehr Hochschulabsolventinnen als Hochschulabsolventen (BLK 2007). Dann hat der Beruf als Lehrerin im Vergleich zu anderen Berufen den großen Vorteil, Erwerbsarbeit und Privatleben einigermaßen miteinander vereinbaren zu können. Auch kurze Unterbrechungen haben hier keine ausgeprägt negativen Folgen. Allerdings ist auch festzustellen, dass die Bezahlung im Vergleich zur Privatwirtschaft eher schlecht ist, Männer drängen nicht in diesen Bereich und überlassen ihrerseits Frauen das Feld.

Was muss geschehen, dass Jungen für pädagogische Berufe gewonnen werden?

Jutta Allmendinger: Teilweise habe ich das schon angesprochen. Wenn wir es schaffen, kulturelle Leitbilder so zu entwickeln, dass Erziehung, Betreuung und Pflege nicht eins zu eins mit weiblichen Wünschen und Fähigkeiten gesetzt werden, ist vieles erreicht. In den Schulen müssen hierfür die Grundlagen gelegt werden.

Ergänzen Sie bitte die folgenden Sätze: a) Spannend finde ich an meiner Tätigkeit, dass …

Jutta Allmendinger: ... die empirische Sozialforschung immer wieder zu neuen Erkenntnissen kommt, die gesellschaftliche Probleme in einem neuen Licht erscheinen lassen und Ansätze zu Verbesserungen sichtbar machen.

b)Wenn ich Bildungspolitikerin wäre, dann …

Jutta Allmendinger: ... würde ich meine Energie in einen gesamtdeutschen, Bund, Länder und Kommunen übergreifenden Pakt zur Bekämpfung von Bildungsarmut stecken.

Das Projekt "Gemeinschaftsschule" bietet den Kritikern des drei-/viergliedrigen Schulsystems gegenwärtig eine Projektionsfläche ihrer bildungspolitischen Träume und Zukunftsvorstellungen. Wenn man die Schleifchen der Päckchen öffnet, dann ist z.B. in dem Päckchen mit dem Etikett "Gemeinschaftsschule" der SPD-CDU-Regierung aus Schleswig-Holstein etwas anderes drin als in dem Päckchen der NRW-SPD aus Düsseldorf. Welches würden Sie eher annehmen, welches eher zurückgehen lassen?

Jutta Allmendinger: Beide Päckchen würde ich sehr gerne entgegen nehmen, da in beiden Modellen eine gemeinsame Beschulung bis zur siebten Klasse vorgesehen ist. Das ist mehr als wir vielerorts bislang haben. Insbesondere gerne würde ich aber das Päckchen aus Schleswig Holstein öffnen, da hier die Lehrer selbst über die Binnendifferenzierung der Schülerinnen und Schüler nach Klasse 7 entscheiden und keine Aufteilung in Klassen vorgesehen ist. In Nordrhein-Westfalen dagegen hätten die Städte, Gemeinden und Kreise bei der Binnendifferenzierung mitzureden. Ich sehe nicht, wie auf diesen Ebenen das dafür nötige Wissen vorliegen könnte. Auch ist hier vorgesehen, nach der 7. Klasse eher wieder auf die traditionellen Schulform-Klassen zurückzugreifen.

Zur Person

Prof. Jutta Allmendinger Ph.D., Jahrgang 1956, ist seit 2007 Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie studierte Soziologie und Sozialpsychologie in Mannheim, absolvierte ein Graduiertenstudium in Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Statistik in Wisconsin und promovierte 1989 an der Harvard University. Allmendinger war am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und an der Harvard Business School tätig, habilitierte sich 1993 an der Freien Universität Berlin und war Professorin für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (1992-2007).

Sie war Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (1999-2002) und leitete von 2003 bis 2007 das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Allmendinger ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats. Zudem ist sie seit 2007 Mitglied der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung.

Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer
Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com

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