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Schwerer Schulranzen ist nicht schädlich

Studie widerspricht bisherigen Empfehlungen

19.08.2008

(redaktion/pm) Die Warnung vor "überladenen" Schulranzen ist wissenschaftlich nicht zu begründen. Das hat eine Studie an der Universität des Saarlandes ergeben, in der die Belastung von Kindern mit leichtem und mit schwerem Ranzen verglichen wurde.

Alle Jahre wieder tauchen zum Schulbeginn in den Medien Meldungen auf, die vor zu schweren Schulranzen warnen. Unter anderen sind es Krankenkassen, Ministerien, TÜV und sogar Ärzteorganisationen, die nicht müde werden, Eltern und Lehrern einzutrichtern, dass zu schwere Ranzen die Wirbelsäulen der Kinder ruinieren. Alle Warnungen enthalten einen ähnlichen Richtwert: Der gepackte Ranzen dürfe nicht schwerer als zehn bis zwölf Prozent des Körpergewichts sein, um irreparable Haltungsschäden zu vermeiden. Sogar das Deutsche Institut für Normung legt in der DIN-Norm 58124 fest: "Der gefüllte Ranzen sollte am Ende nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts des Kindes wiegen." Woher aber kommt diese Empfehlung? Selbst die Experten beim Institut für Normung in Berlin wissen es nicht. Der Wert steht seit vielen Jahren in der Norm, lässt sich wissenschaftlich aber nicht begründen und wird dennoch ständig ungeprüft verbreitet.

Interdisziplinäres Projekt

In einer Studie hat jetzt das Kidcheck-Team der Universität des Saarlandes überprüft, wie schwerere Schulranzen auf den Körper von Kindern einwirken. Beim interdisziplinären Kidcheck-Projekt untersuchen Orthopäden, Neurologen, Humanbiologen, Sportwissenschaftler und Physiotherapeuten seit 1999 Kinder und Jugendliche auf Haltungsschwächen und -schäden und erstellen bei Bedarf Trainings- und Therapiepläne.

Dr. Oliver Ludwig untersucht im Rahmen der Ranzenstudie die Haltung eines Schulkindes.
Dr. Oliver Ludwig untersucht im Rahmen der Ranzenstudie die Haltung eines Schulkindes. - Bild: kidcheck.de

An der Schulranzen-Studie nahmen 60 Mädchen und Jungen der Klassen zwei und drei mehrerer Saarbrücker Grundschulen teil. Zunächst wurden die sieben und acht Jahre alten Kinder und dann ihre Ranzen gewogen. Das Durchschnittsgewicht der Kinder lag bei 27 Kilogramm. Das leichteste Kind war 22, das schwerste 32 Kilogramm schwer. Die Ranzen wogen im Schnitt fünf Kilogramm, beim schwersten Exemplar zeigte die Waage sieben Kilogramm an. "Im Durchschnitt hatte jeder Ranzen ein Gewicht, das bei 17,2 Prozent des Körpergewichts der Kinder lag", erläutert Dr. Oliver Ludwig, der wissenschaftliche Leiter des Kidcheck. Somit waren die Ranzen deutlich schwerer als die empfohlenen zehn Prozent.

An der nächsten Station nahmen die Wissenschaftler die Körperhaltung der Kinder unter die Lupe. Die Mädchen und Jungen mussten zunächst ohne Ranzen so aufrecht stehen, dass von der Seite gesehen Knöchel, Schulter und Ohr auf einer Linie lagen - der sogenannten Lotlinie, die per Laserstrahl ermittelt wird. Diese Haltungsanalyse zeigt, ob Muskelkraft und Muskelsteuerung ausreichen, um den Körper aufzurichten und in dieser Position zu halten. Bei einigen der Kinder registrierten die Experten leichte, aber keine auffälligen Haltungsschwächen.

Keine nennenswerte Belastung

Danach wurde die Messung mit dem Ranzen auf Rücken wiederholt. Die Kinder reagierten auf das Gewicht. Sie verlagerten ihren Körper leicht nach vorn. "Das ist die natürliche Reaktion darauf, dass sich durch den Ranzen der Körperschwerpunkt etwas nach hinten verschiebt", erklärt Oliver Ludwig.

Die Verlagerung nach vorn kostete die Kinder jedoch kaum Energie. Eine Messung der Muskelaktivität des Rumpfes per aufgeklebter Elektroden belegte, dass nur eine geringfügige Muskelanspannung erfolgte. Das heißt, dass das Gewicht des Ranzens den Körpers nicht nennenswert belastete.

Mit dem Ranzen im Hindernis-Parcours

Nun mussten die Kinder mit ihren Ranzen auf den Rücken einen Hindernis-Parcours bewältigen, der in einer Sporthalle aufgebaut war. Die Grundschüler mussten sich nicht nur zügig vorwärtsbewegen, sondern auch über Rampen und weiche Matten gehen, unter Hindernissen hindurchschlüpfen, sich nach einem Medizinball bücken, diesen hochheben und wegwerfen, über Bänke balancieren und einen mit Keulen markierten Slalomkurs meistern. Mit dieser Anordnung wurde ein anspruchsvoller Schulweg simuliert. Die Kinder waren 15 Minuten lang ununterbrochen in Bewegung, weil eine Befragung unter den Eltern von Grundschülern ergeben hatte, dass für die längsten zu Fuß zurückgelegten Schulwege etwa zwölf bis 15 Minuten erforderlich sind.

Selbst schwerer Ranzen verursacht keinen Schaden

Nach dem Parcours wurde die Körperhaltung der Kinder erneut analysiert. Sie hatten dabei immer noch die Ranzen auf den Rücken, aber trotz des "anstrengenden Schulwegs" war die Körperhaltung nicht schlechter als vorher. Die Muskulatur war nicht merklich ermüdet, obwohl die Ranzen deutlich mehr wogen als zehn Prozent des Körpergewichts. Das Kidcheck-Team stellte schließlich fest, dass eine nennenswerte Aktivität von Bauch- und unterer Rückenmuskulatur überhaupt erst messbar wurde, wenn das Ranzengewicht ein Drittel des Körpergewichts ausmachte. Erst bei dieser Last änderte die Wirbelsäule ihre Position und die Ruhehaltung wurde instabil. Allerdings spannten sich jetzt auch die Muskeln deutlich an, um den Körper zu stabilisieren. Dadurch wurde die Wirbelsäule entlastet. "Selbst ein schwererer Ranzen wird eine gesunde kindliche Wirbelsäule nicht schädigen. Dazu wirkt das Gewicht viel zu kurz auf den Rücken ein", erläutert Professor Dr. Eduard Schmitt, der ärztliche Leiter des Kidcheck. Der Orthopäde betont, ein kurzfristig getragener schwererer Ranzen könne sogar die Rumpfmuskulatur bewegungsarmer Kinder trainieren.

Da fast 50 Prozent aller Kinder so schwache Bauch- und Rückenmuskeln haben, dass sie sich nicht dauerhaft gerade halten können - wie weitere Kidcheck-Studien gezeigt haben -, muss jedes Training zur Kräftigung willkommen sein. Schwache Rumpfmuskeln können die Wirbelsäule nicht im gewünschten Maß fixieren. Diese schwingt daher beim Gehen und Laufen stark hin und her und wird ungünstig belastet. Doch ein schwererer Ranzen führte selbst bei den muskelschwächeren und molligeren Kinder zu keinen signifikanten Ermüdungserscheinungen der Rumpfmuskulatur. "Selbst bei schlaffer Muskulatur wirkt ein Ranzen zu kurz auf den Rücken ein, um die passiven Strukturen wie Wirbelbogen- Gelenke, Bänder und Bandscheiben schädigen zu können", sagt Studien- Leiter Oliver Ludwig.

Empfehlung bezog sich auf Langzeitmärsche von Rekruten

Bei den Recherchen nach dem Ursprung der Empfehlung, ein Ranzen dürfe nur zehn Prozent des Körpergewichts wiegen, stieß das Kidcheck-Team auf die Arbeiten von Professor Dr. Fritz-Uwe Niethard, Direktor der Orthopädischen Klinik am Uniklinikum Aachen. Er berät auch einen Ranzenhersteller bei der Entwicklung neuer Modelle. "Die Empfehlung von zehn Prozent stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sie bezog sich darauf, wie schwer der Tornister eines Rekruten sein durfte, damit bei Langzeitbelastungen keine muskulären Ermüdungen auftraten", erläutert Niethard. Mit Langzeitbelastung waren Märsche ab 20 Kilometern gemeint. "Diesen Wert auf Ranzen und Schulkinder anzuwenden, ist völlig unrealistisch", kritisiert der Orthopäde. "Es gibt zudem keinen einzigen Beleg dafür, dass der Rücken eines Kindes geschädigt wird, wenn es einen schwereren Schulranzen trägt."

Entscheidend sind die Schulmöbel

Nicht Schulranzen, aber Schulmöbel können zu Haltungsschäden führen. Viele Mädchen und Jungen sitzen nicht nur stundenlang in der Schule, sondern danach noch am Computer und vorm Fernseher. Ein Großteil treibt keinen Sport und bewegt sich nur selten im Freien. "Ihr Haltungs- und Bewegungsapparat ist daher völlig unzureichend trainiert", macht Professor Eduard Schmitt klar. Diese Schwäche kann die Stabilität der Wirbelsäule beeinträchtigen. Nachhaltig geschädigt wird sie jedoch durch stundenlanges Sitzen. Bei Kindern wachsen die Wirbelkörper noch und reagieren sehr empfindlich auf einseitige Belastung. "Sitzt ein Kind dauerhaft nach vorn gebeugt, werden vorwiegend die vorderen Abschnitte der Wirbelkörper belastet. Dadurch wird ihr Wachstum an dieser Stelle frühzeitig gestoppt, hinten wachsen die Wirbel jedoch weiter. Dadurch entwickelt sich zunehmend eine Rundrückenform. Diese Haltungsschwäche wird schließlich zu einem Haltungsschaden, der nicht mehr zu beheben ist", erklärt der Kidcheck- Orthopäde.

Die Aktion Kidcheck ist gemeinsames Projekt der Universität des Saarlandes und der Saarbrücker Zeitung.

7 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Elternteil, am 22.08.2008 08:22

... da haben wir es doch gewusst. Nächstes Jahr diskutieren wird vor Schulanfang über die untauglichen Möbel, die die Rücken unserer Kinder schädigen.

Fragt sich letztlich, wer die Studie mit welchem Ergebniswunsch beauftragt hat. Aber das ist ja bei allen "objektiven" Studien so.

von Dr. Oliver Ludwig, am 09.12.2008 09:55

Die Studie wurde wertfrei und ohne Drittmittelförderung durchgeführt. Sicher passen die Ergebnisse nicht so recht in einen Kontext, der unseren Kindern immer weniger körperliche Aktivität abverlangt. Die Ergebnisse waren allerdings statistisch ganz eindeutig: auch durch 15 Prozent Schulranzengewicht verschlechterten sich Gleichgewicht, Haltung und Muskelaktivität nicht bedeutsam. Unser gesellschaftliches Problem sind weniger die schweren Ranzen, sondern die zu schwachen und unmotorischen Kinder! Was natürlich kein Freibrief ist, den Ranzen beliebig vollzupacken, aber eine Aufforderung für eine gute Fitness der Kinder zu sorgen, anstatt sich nur auf das Gewicht des Ranzens zu fokussieren.

von Kerstin Poffo, Lernberaterin P.P,, am 21.12.2008 09:57

Die Diskussion über die Schwere von Schulranzen finde ich langsam ermüdend. Selbst in der RS meines Sohnes wurde am Anfang des Jahres darüber diskutiert. Es wird aber nicht thematisiert, dass nahezu 50 % der Schüler Nachhilfe bekommen, dass Schüler längere Zeit Aufenthalte an Uni-Kliniken absolvieren wegen Stress, Blockaden und den daraus entstehenden körperlichen Schwierigkeiten. Dass Eltern einen Großteil ihres Geldes und ihrer Zeit aufwenden müssen um mitverschuldete Defizite und Versäumnisse aufzuholen.

Eltern, Pädagogen, Lehrer, Mediziner und Politiker sollten lieber darüber nachdenken, wie sie die Kinder der Zukunft auf die Zukunft in unserer Gesellschaft vorbereiten. Die Veränderungen sind sicht-und meßbar. Die Auswirkungen sprengen bereits die Krankenkassen und wir haben heutzutage im Vergleich zu noch vor 30 Jahren fast kein Kind in der 1. Klasse, dass keine Auffälligkeiten in einem Bereich der Grob- und Feinmotorik, Wahrnehmung, dem Sozial- und Arbeitsverhalten, der Sprache und der Logik zeigt. Alle sind gefordert zum Umdenken. Ein "back to the roots" wäre hier sicherlich ein Anfang. Mehr Bewegung von Klein auf fördert nicht nur die Haltung, die Muskeln usw.sondern laut Hirnforschern auch die Zusammenarbeit der Hemisphären, die wir bekanntlich zum Lernen benötigen.

von A. Hofmann, am 02.09.2009 09:40

Mein Sohn trägt bei 40 kg Körpergewicht durchschnittlich jeden Tag 6-8,5 kg auf dem Rücken. Möglich, dass es ihm nach der neuesten Studie nicht langfristig schadet, aber das morgendliche Gemeckere über das Gewicht war mir leid. Empfehlung: Es gibt Bücher, die man in der Schule lassen kann und die man für zu Hause etweder kopiert oder doppelt kauft. habe ich jetzt auch getan und so ist das Problem gelöst!

von Frau Müller, am 16.10.2009 23:51

na toll! Dann brauchen wir uns keine Gedanken mehr machen und alles so lassen wie es ist. Haltungsschäden in der Testgruppe waren wohl kaum zu erwarten.

Genauso könnte man eine Studie durchführen und die Lungenfunktion von Kindern als Passivraucher untersuchen. Das Ergebnis würde sicher viele Gesunde Lungen hervorbringen. Nur der Dumme schließt daraus, dass Passivrauchen nicht schädlich für Kinder sei.

MfG

Frau Müller

von S.Koch, am 22.12.2009 07:56

Wir sprechen hier von kleinen Kindern, die in aller Regel nicht genügend Muskeln aufgebaut haben, weil die Erwachsenen Welt ihnen das dafür notwendige körperliche Spielen abgeschafft hat.

Für diese Kinder wird dann ein Test der für Rekruten des ersten Weltkrieges ausbaldowert wurde zum Maßstab gemacht - fällt eigentlich irgend jemand auf, wie abwegig das ist.

Herr Dr. Oliver Ludwig spricht es auch noch selber an, die Kinder heutzutage sind weder von der Motorik noch vom Muskelaufbau generell dazu in der Lage, solche Gewichte zu kompensieren, und wenn dann höchstens mit der Wirbelsäule und nicht mit nicht vorhandenen Muskeln, dafür muss man auch nicht studiert haben, um zu dieser Schlußfolgerung zu kommen.

Wenn einmal durch eine Halle gelaufen wird, und mit technischem Schnickschnack eine Muskelzuckung gemessen wird, macht das keine Aussage darüber, wie sich diese EINSEITIGE TAGTÄGLICHE Belastung auf DAUER auswirkt.

Die Kinder schleifen ja auch die schweren Brocken hinter sich her Trepp auf Trepp ab und durch die Schulflure und sie gehen ganz bestimmt nicht VORSCHRIFTSMÄSSIG in die Hocke, um diese Last zu hieven!

Ein Nachbarskind von uns geht jetzt in Klasse 6 Gymnasium VORNÜBERGEBEUGT, die Eltern dürfen den Gang durch die Arztpraxen antreten, aber was soll`s.

Ich muss auch den anderen Kommentatoren Recht geben, wir haben es zudem mit Schulbänken zu tun, die nicht zu den Stühlen passen, mit dem von Lehrern geliebten Sitzen in U-Form, das dazu führt, dass automatisch ein Teil der Kinder schief in der Wirbelsäule verdreht sitzen muss, um nach vorne schauen zu können, oft auch noch mit überschlagenen Beinen, aber das ist allemal noch besser als zum Nazi zu mutieren (Frontalunterricht ist ja politisch inkorrekt) und vor allem mit Sportunterricht konzeptionell aus grauer Vorzeit.

Im Jahr 2009 kommt ein durchschnittlicher deutschen studienberateter Sportlehrer immer noch mit den selben ollen Kamellen (man fragt sich wirklich, was eigentlich in der gerne angenommenen Fortbildung passiert außer dass die nächste Gehaltsstufe erreicht wird) mit denen man uns schon traktiert hat, während sich in der Restwelt die Möglichkeiten der sportlichen Betätigung und das Wissen darüber ja revolutioniert haben - und auch der Spaß daran!!!!

Unsere Tochter läuft jetzt seit MONATEN im Kreis durch die Halle, GYMNASIUM 6.Klasse, so der Sportunterricht nicht ausfällt!! Da kann man nur sagen, die Deutschen, die spinnen!!!

Aber, jetzt steht ja wieder Weihnachten vor der Tür, da kann man für arme, bedürftige Kinder weit weit weg spenden und vor der eigenen Haustür ist man blind für die Nöte der eigenen Kinder.

Ein Lehrer trägt übrigens in aller Regel nur sein ihm lieb gewordenes Ledertäschchen und seine Kopien durch die Gegend und ist absolut ohne Mitgefühl für die ihm anvertrauten Kinder, die das Unterrichtsmaterial in immer größer werdender Zahl durch die Gegend schleifen müssen, damit ER es bequemer bei der Unterrichtsgestaltung hat.

von Theodora, am 12.01.2010 16:16

Hallo erstmal,

wenn man bedenkt, dass die Schulranzen gerade mal ein Gewicht von gerade mal 800 g, siehe www.schulranzen.com/Der...ilig/Elfenherz_013 haben ist diese Diskusion wohl mehr auf die riesen Mengen an Büchern dei die Kinder täglich in die Schule schleppen müssen einzugrenzen. Der Ansatz liegt wohl eher da. In der Grundschule sollten auch die Lehrer darauf achten, ob es wirklich sinnvoll ist, dass die Kinder wirklich immer alle Bücher mit nach Hause nehmen müssen.


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