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Deutsche Schulbücher sind besser als ihr Ruf

Studie vergleicht deutsche, englische und schwedische Schulbücher

Mehr zu: Deutschland, Europa, Geschichtsunterricht, Politische Bildung, Schulbuch, Unterrichtsmaterial, Schule
25.06.2008 -

(redaktion/pm) Deutsche Schulbücher sind besser als ihr Ruf. Sie zeichnen ein erstaunlich differenziertes Bild vom Feld der Wirtschaft und von unternehmerischer Tätigkeit. Eine grundsätzlich ablehnende Haltung gegen­über Unternehmertum und Marktwirtschaft kann den Schulbüchern nicht attestiert werden.

"Kapitalistenschelte" ist äußerst selten, ja marginal. Deutsche Schulbücher vermitteln in breitem Umfang ökonomisches Wissen und haben die auf europäischer Ebene erhobene Forderung nach "economic literacy" längst aufgenommen. Weniger eindeutig fällt das Urteil aus, wenn es um die ebenfalls eingeforderte "entrepreneurship education" geht, also darum, unternehmerische Aktivität zu fördern und so zu vermitteln, dass die "Perspektive Unternehmer" als Lebensziel für junge Menschen ebenso attraktiv und realistisch scheint, wie die eines Arbeitnehmers. Der Einzelne wird nicht primär als künftiger Arbeitnehmer oder Unternehmer gesehen, sondern als sozial verantwortliches Individuum, das sich im Sinne der eigenen wie der gemeinschaftlichen Interessen um Wirt­schaft, Mitmenschen und Umwelt kümmern muss.

Das hat eine von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Auftrag gegebene vergleichende Studie ergeben, die ein Team des Georg-Eckert-Instituts für Schulbuchforschung in Braunschweig soeben abgeschlossen hat. Die Federführung hatte die Historikerin Dr. Su­sanne Grindel. Ziel der Studie war es zu untersuchen, in welchem Umfang und in wel­cher Weise Wirtschaft, Unternehmen und Unternehmer in Schulbüchern behandelt und welche Werte dabei vermittelt werden. Besonderes Interesse galt auch der Frage, ob Schülerin­nen und Schüler zu unternehmerischem Verhalten angeleitet werden. Und schließ­lich war zu klären, welche Rolle die Schulbücher dem Staat zuweisen: Soll er sich als Nachtwäch­terstaat aus der Wirtschaft heraushalten oder soll er die Wirtschaft steuern? Ist der Ein­zelne letztlich für seine soziale Sicherheit selbst verantwortlich, oder muss der Staat durch Ein­griffe in die Wirtschaft die Wohlfahrt seiner Bürger garantieren? In einer Zeit, in der über Min­destlöhne gestritten wird und Nokia wegen mangelnder sozialer Verantwortung im Kreuzfeuer der Kritik steht, sind dies nach wie vor drängende Fragen.

Die Studie des GEI hat fast 150 deutsche, englische und schwedische Schulbücher aus den Jahren 1997 bis 2007 untersucht. Einbezogen wurden Geschichts-, Geographie- und Gemeinschaftskunde­bücher. Damit handelt es sich um die bislang umfangreichste verglei­chende Studie über das Bild der Wirtschaft in europäischen Schulbüchern. Die Ergebnisse können trotz der Unwägbarkeiten, die aus dem föderalen und gegliederten Schulsystem resultieren, als repräsentativ angesehen werden. Und sie stellen geläufige Vermutungen auf den Kopf: Wirtschaft und Unternehmen finden in den Schulbüchern aller drei Länder breite Berück­sichtigung. Fragen der Wirtschaftsordnung, der Unternehmensstrukturen und der Wirt­schaftspolitik werden intensiv erörtert. Die Vorannahme, Marktwirtschaft und Unternehmer­tum würden dabei generell negativ dargestellt, hat sich nicht bestätigt. Erstaunlich ist viel­mehr, dass die Schulbücher in allen drei Ländern ausführlich bedeutende Unterneh­merpersönlichkeiten ihres Landes würdigen. Allerdings gilt das vor allem für den Geschichtsunterricht und hier besonders für die Entstehungsphase der modernen Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert und die großen Erfinder­unternehmer wie Alfred Krupp, Werner Siemens oder Mathias Stinnes. Für das 20. Jahrhundert werden die Wirtschaftsabläufe eher anonym dargestellt, einzelne Unternehmer treten zurück. Neben den Leistungen werden im­mer auch Schattenseiten der modernen Industriegesellschaft behandelt, etwa Armut und Not in der Frühzeit der Industrialisierung oder soziale Folgen der Globalisierung in der Gegenwart.

Deutsche, englische und schwedische Schulbücher bekennen sich unzweifelhaft zu einer marktwirtschaftli­chen Ordnung; sie wird nirgends grundsätzlich in Frage gestellt, aber speziell in Schweden und Deutschland dem Primat der Politik untergeordnet. Die Wirtschaft, so die Botschaft, müsse sich an den Interessen von Staat und Gesellschaft orientieren.

Eigenverantwortliches Handeln und kritisches Denken scheint den Schulbuchautoren in allen drei Ländern en wichtiges Anliegen zu sein. Dennoch setzen sie unterschiedli­che Akzente:

In deutschen Schulbüchern wird die Rolle des Staats in der Wirtschaft besonders hervorgeho­ben. Die Gesellschaft wird als Zusammenwirken der Einzelnen im Staat gesehen. Die Schüler sollen befähigt werden, die eigene Interessenlage zu analysieren, ohne dabei andere Stand­punkte zu vernachlässigen, eigenverantwortlich zu handeln und sich für Gesellschaft und Um­welt einzusetzen.

In englischen Schulbüchern wird die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft besonders stark betont; der Staat wird als Instrument zur Durchsetzung wirtschaftlicher und sozialer Ziele verstanden. Die Schüler sollen lernen, sich aktiv und selbstverantwortlich an der politischen Willensbil­dung wie am wirtschaftlichen Prozess zu beteiligen.

In schwedischen Schulbüchern wird der Staat als Verkörperung des Gemeinwohlideals gedeu­tet, Arbeitnehmer und Unternehmer wirken in ihrer jeweiligen Rolle daran mit. Individuelle Selbstbestimmung und staatliche Intervention erscheinen nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende Voraussetzungen des Gemeinwohls. Die Schüler sollen befähigt werden, flexi­bel auf Veränderungen zu reagieren, eigenen wirtschaftlichen Interessen zu folgen und dabei ihren Beitrag zum Wohlstand der Gesellschaft zu leisten.

Bemerkenswert ist erstens, dass die schwedischen Schulbücher, die sich offensiv und aus einer optimistischen Grundstimmung heraus mit dem Wohlfahrtsstaat beschäftigen, zugleich das offenste Unternehmerbild vermitteln, ein positives Bekenntnis zur Sozialbindung der Marktwirtschaft einem positiven Grundverständnis von Unternehmertum also nicht entgegenstehen muss. Bemerkenswert ist zweitens, dass das über Generationen in den einzelnen Nationen herausgebildete Verständnis von Staat und Gesellschaft für die Darstellung der Wirtschaft in Schulbüchern offenbar wichtiger ist als die ideologische Einstellung zu Marktwirtschaft und Unternehmern. Trotz europäischer Einigung, wirtschaftlicher Globalisierung und didaktischer Offenheit für verschiedene Perspektiven spielen nationale Deutungen und tradierte Codes nach wie vor eine wichtige Rolle. Künftige europäische Schulbücher müssen diese Unterschiede berücksichti­gen, wenn sie die Schülerinnen und Schüler in den verschiedenen europäischen Staaten wirklich erreichen wollen.

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