Bildungs- und Sozialstudien dokumentieren, dass die schulische Leistungsfähigkeit und die soziale Kompetenz von Jungen im Vergleich zu Mädchen sinken. Die mögliche Tragweite dieser Entwicklung für die Gesellschaft insgesamt wird aber erst seit Kurzem diskutiert. Sind die Jungen selbst schuld? Oder werden sie benachteiligt?
Von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld
Die Leistungsfähigkeit und soziale Kompetenz von männlichen Schülern fällt seit etwa 15 Jahren hinter die ihrer Geschlechtsgenossinnen zurück. Es kann kein Zweifel bestehen, dass viele gesellschaftliche Faktoren hierbei eine Rolle spielen – aber auch nicht, dass die pädagogische Arbeit in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen für diese Entwicklung eine Mitverantwortung trägt. Durch die Art und Weise der Anregung und Betreuung, durch Gruppenarrangement und Sozialform des Unterrichts werden Jungen ganz offensichtlich nicht angemessen gefördert, teilweise sogar strukturell benachteiligt.
Nach dem erfolgreichen Vorbild der Mädchenförderung ist es darum jetzt dringend nötig, eine gezielte Jungenförderung in Kindertagestätten und Schulen einzuleiten. In den 1970er Jahren war es das katholische Mädchen vom Lande, das eine gezielte pädagogische Unterstützung benötigte. Heute ist es der türkischstämmige Junge aus einem sozial schwachen Stadtteil, der Anregungen braucht. Die Kunst besteht darin, die "archetypischen Kerne" der geschlechtsorientierten Verhaltensweisen von jungen Männern ernst zu nehmen und an ihnen anzuknüpfen.
Die Förderung von Schülerinnen war so erfolgreich, weil zu den angestammten und angeborenen Kompetenzen zusätzlich "typisch männliche" erschlossen wurden. Analog müssen heute den Jungen die Möglichkeiten von emotionalen Beziehungen und Netzwerken, Kooperation und Bindung, Sensibilität und Kommunikation schmackhaft gemacht werden.
Kann eine solche Aufgabe in Kollegien erfüllt werden, die weiblich dominiert sind? Grundsätzlich ja, aber die empfindliche Komponente der sozialen Modellorientierung ist erheblich überzeugender zu bedienen, wenn auch eine gezielte Männerförderung für Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführende Schulen eingeleitet wird.
Von Anne Jenter, Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und Leiterin des Vorstandsbereichs Frauenpolitik
Eines der beiden Geschlechter pauschal als Verlierer des Bildungssystems auszumachen, erscheint heutzutage wenig hilfreich. Eine bloße Korrektur von Defiziten durch besondere Fördermaßnahmen greift in der pädagogischen Arbeit zu kurz. Schule ist vielmehr so auszugestalten und auszustatten, dass sie ihre Aufgaben erfüllen kann, Jungen und Mädchen individuell zu fördern.
Die bestehende Bildungsbenachteiligung insbesondere der türkischen und arabischen Jungen ist unter anderem eine Folge der sich ändernden Erwartungen an die Geschlechterrollen, mit denen diese Jungen oft nicht zurecht kommen. Der Ruf nach mehr männlichen Lehrkräften besonders für die Grundschulen hilft hier auch nicht weiter, wenn diese ihre Geschlechterrolle nicht reflektieren können. Ohne diese Voraussetzung erhalten die Jungen keine männlichen Vorbilder, die zukunftsfähig sind. Die Schule braucht Lehrerinnen und Lehrer, die Genderkompetenz besitzen.
Nicht nur männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund sind Bildungsverlierer. Auch Mädchen mit diesem sozialen Hintergrund sind deutlich benachteiligt. Weniger als zehn Prozent der Frauen im Alter von 20 bis 26 Jahren ohne Migrationshintergrund sind erwerbslos. Dagegen sind beispielsweise 37 Prozent der Türkinnen in diesem Alter ohne Arbeit.
Das Geschlecht beeinflusst bei allen Kindern und Jugendlichen zum Beispiel die Leistung und Fächerwahl in der Schule sowie die Schullaufbahn. Es ist deshalb höchste Zeit, in die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte geschlechterspezifische Kompetenzen aufzunehmen. Die geschlechtergerechte Bildung muss im Bildungssystem verankert werden.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst