'Neue Medien und Sonderpädagogik' ist das Buch betitelt, das in der Publikationsreihe der Medienoffensive Schule II Baden-Württemberg erscheint. In ihm sind Erfahrungen, Produkte und Maßnahmen aus dem Teilprojekt "Neue Technologien in der pädagogischen Förderung Behinderter" gesammelt. bildungsklick.de veröffentlicht aus dem Werk den Beitrag "Der Einsatz von Neuen Medien an Sonderschulen".
(Nicole Mastenbroek) Warum werden so viele Anstrengungen unternommen, neue Technologien in der sonderpädagogischen Förderung einzusetzen? Ist dies ein "Trend", setzt die Forschung "neue Maßstäbe" oder braucht der Unterricht der Sonderschule ein "neues Medium"?
Kritiker würden an dieser Stelle sicherlich anders fragen:
Diese und andere Fragen sollen im vorliegenden Band erörtert und so weit möglich auch beantwortet werden. Durch die Bandbreite der Fragen wird bereits deutlich, dass es nicht nur mit einer Antwort getan ist, denn für unterschiedliche Behinderungsformen sind unterschiedliche Antworten zu suchen. Letztlich kann man aber sagen: So vielfältig und unterschiedlich die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind - so vielfältig fallen auch die Angebote und Möglichkeiten des Einsatzes der Neuen Technologien aus.
Die technischen Entwicklungen der Anbieter von Hilfsmitteln sind enorm vorangeschritten und kommen vor allem Kindern und Jugendlichen mit Sinnesschädigungen und Körperbehinderungen zu Gute. Diese neuen technischen Hilfsmittel ermöglichen zahlreichen Kindern und Jugendlichen hinsichtlich Mobilität, Kommunikation und Informationsgewinnung erweiterte Handlungs- und Zugangsmöglichkeiten. Darüber hinaus können mit ihnen auch behinderungsbedingte Auswirkungen auf das schulische Lernen kompensiert werden.
Greifen wir an dieser Stelle ein Beispiel zur Informationsgewinnung auf: Bis vor wenigen Jahren war es blinden Kindern und Jugendlichen nicht möglich, sich außerhalb der Brailleschrift und auditiven Informationen selbstständig Informationen zu beschaffen. Heute ist es mit spezieller Soft- und Hardware möglich, dass blinde Kinder und Jugendliche im Internet selbstständig recherchieren. Dies macht die Computertechnik mit Hilfe von Screenreadern, Sprachausgaben und durch eine an den PC angeschlossene elektronische Braillezeile möglich. Grundsätzlich steht damit blinden Menschen das komplette Schriftgut zur Verfügung, auf das auch Sehende zurückgreifen können. Dadurch erweitern sich automatisch die Orientierungs- und Informationsmöglichkeiten. Die schulische Unterstützung ist hierbei sehr entscheidend. Das Internet ermöglicht blinden Kindern und Jugendlichen, aber auch anderen Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, die vorurteilsfreie Kommunikation, da hier die vorliegende Behinderung nicht "offensichtlich" ist. Das Internet ist damit eine Plattform, mit der die Kommunikation von behinderten und nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen ermöglicht wird.
An dieser Stelle soll noch ein Beispiel zur Förderung der Kommunikationsfähigkeit aufgezeigt werden: Kinder und Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht die Lautsprache einsetzen können, erhalten mit Hilfe eines Sprachcomputers, sogenannten "Talkern", die Möglichkeit sich differenziert mitzuteilen. Sie können durch den Einsatz des Talkers ihre Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken der Umwelt mitteilen, was ihnen vorher nur durch Gestik und Mimik möglich war. Talker sind hochkomplexe Geräte, die durch das Bedienen verschiedener Tastenkombinationen Wörter oder auch ganze Sätze formulieren können.
Die prothetischen Hilfsmittel unterstützen Kinder und Jugendliche mit Sinnesschädigungen und Körperbehinderungen dabei, ihr Leben besser bewältigen und Aufgaben selbstständig lösen zu können. Dazu gehören auch Alltagssituationen wie Einkaufen, Behördengänge und Bankgeschäfte für Menschen mit starken Bewegungseinschränkungen. Die Nutzung der Medien stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern ist auch ein Schritt in Richtung Integration im Sinne von mehr Aktivität und Teilhabe.
Die Neuen Medien haben im Unterricht der Sonderschulen keine Vorrangstellung. Neue Medien sind im Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen - wie für Schüler ohne Behinderungen - ein wichtiges Lernmittel. Sie sollen neben den bisherigen Unterrichtsmethoden eine Möglichkeit darstellen, den individualisierenden Unterricht zu ermöglichen und zu erweitern. Dabei ist auch die motivierende Kraft der Neuen Medien nicht zu unterschätzen.
Zu den Neuen Technologien im Unterricht gehört auch der Einsatz von Lernprogrammen, die Arbeit am Computer zur Dokumentation und Informationsbeschaffung, um die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem PC zu schulen. Außerdem werden verschiedene Formen von E-Learning erprobt. Hier können Schülerinnen und Schüler Aufgaben und Fragen nach der Unterrichtszeit erledigen und in Kontakt mit Mitschülern und Lehrer treten, um Fragen zu erörtern. E-Learning ist beispielsweise im Bereich der Schulen für Kranke für Kinder und Jugendliche ein Thema, die krankheitsbedingt vorübergehend nicht am Unterricht teilhaben können. Diese Medien bereichern den Unterricht und tragen entscheidend zur Qualitätsverbesserung bei. Sie fördern eigentätiges, handlungsorientiertes und nachhaltiges Lernen und erweitern die Teilhabemöglichkeiten.
Durch die eigenständige und selbstverständliche Handhabung werden die Schülerinnen und Schüler außerdem kompetent im Umgang mit modernen Technologien: Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation für die Berufswelt. Damit leisten Neue Technologien ihren Beitrag auch zur beruflichen Eingliederung. Medien können gerade auch für junge Menschen mit Behinderungen Prozesse einer stärkeren Berufs- und Praxisorientierung unterstützen. Es gibt heute kaum noch einen Beruf, in dem nicht Computerkenntnisse vorausgesetzt werden. Für einen kleinen Teil der Menschen mit Behinderung ist Telearbeit die einzige Möglichkeit, einen Beruf auszuüben - einer Arbeit nachzugehen. Ihrer Bedeutung entsprechend erhalten in der Sonderpädagogik die Neuen Medien ihren Platz in Schule und Unterricht, weil für den Einzelnen nur so Zukunftschancen gesichert und verbessert werden können.
Selbstverständlich muss die Nutzung Neuer Medien im didaktischen Diskurs weiterhin behandelt und der isolierte Einsatz von Lernprogrammen kritisch diskutiert werden. Hier muss sich die Schule auf den Weg machen und Handlungsfelder entwickeln die beschreiben, in wieweit Medien zur Verbesserung des Unterrichts und des Lernens etwas beitragen können (vgl. Rauh, 2007).
Forschung und Entwicklung eröffnen kompensatorische Möglichkeiten und gleichzeitig werden schulische Arbeitsfelder aufgetan, denen sich die Kollegien stellen müssen. Die Neuen Technologien halten in allen Sonderschultypen Einzug, um Kindern und Jugendlichen neue Erfahrungs- und Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen. Dies funktioniert jedoch nur unter didaktischen Fragestellungen und individuellen Zielorientierungen. Die handlungsorientierte Mediennutzung dient Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen als Plattform zur Auseinandersetzung mit der Umwelt und verhilft ihnen auf ganz unterschiedliche - immer aber auf individuelle Weise - zu neuen Möglichkeiten und damit vielfach zu mehr Lebensqualität.
Diese Neuerungen und die damit verbundenen Entwicklungen im Bereich der Sonderpädagogik sind aus der schulischen Förderung von jungen Menschen mit Behinderungen nicht mehr wegzudenken. Sie umfassen drei Ziele:
Mediendidaktik ermöglicht den Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, vielfältige Erfahrungen beim Lernen zu machen. Es werden Fertigkeiten wie Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und Selbstbewusstsein mit dem Ziel der Selbstverwirklichung in sozialer Integration gestärkt. Dabei stehen die Stärken der Kinder im Vordergrund und die Chancen - nicht die Schwächen.
Literatur
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Das Buch "Neue Medien und Sonderpädagogik" kann beim LMZ bestellt werden:
Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
c/o Brigitte Ströbele
Rotenbergstraße 111
70199 Stuttgart
Telefon: (0711) 2850-787
ISBN 978-3-940-883-03-2