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Letzte Änderung: 09.02.2010 11:02
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"Priorität für die Sorgenkinder"Interview mit Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth22.09.2008
Bund und Länder scheinen das Kernproblem des deutschen Schulsystems nicht im Blick zu haben: die Bildungsverlierer. Jetzt haben namhafte Bildungsforscher aus dem Wissenschaftlichen Beirat zur Steuerungsgruppe von Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und Kultusministerkonferenz (KMK) eine harsche PISA-Bilanz gezogen. Erziehung & Wissenschaft (E&W) sprach mit Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth, Mitglied des Gremiums. Knapp 80 000 Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss. Viel zu vielen Hauptschülern bleibt nur die Perspektive Hartz IV. Was läuft schief an unseren Schulen? Heinz-Elmar Tenorth: Zunächst erreicht ein erheblicher Teil der Hauptschüler nicht das Bildungsminimum. Das heißt, diesen jungen Menschen fehlen schon die Kulturtechniken – Rechnen, Schreiben und Lesen – auf dem notwendigen Niveau. Das ist das eine, was schief läuft. Hinzu kommt, dass der Anteil der 15-Jährigen, die man in der deutschen PISA-Studie als so genannte Risikoschüler bezeichnet, seit Beginn der PISA-Erhebung 2000 konstant 22 bis 23 Prozent eines Altersjahrgangs beträgt. Die PISA-Werte, die das Leistungsvermögen dieser Jugendlichen beschreiben, sind dramatisch. So erreichen beispielsweise bei der PISA-Erhebung 2006 50 Prozent der Hauptschüler in Mathematik nur Kompetenzstufe 1 oder bleiben darunter. Das ist ein Leistungsniveau, das den Anschluss an eine Berufsausbildung nahezu unmöglich macht. Das Problem ist, dass sich diese jungen Menschen auch nichts mehr zutrauen. Sie fühlen sich vollständig auf ein Abstellgleis geschoben. Das demotiviert sie und lässt ihre Lernbereitschaft schrumpfen. Dies macht den wirklichen Skandal im deutschen Bildungswesen deutlich: Wir haben ein Gerechtigkeitsproblem im deutschen Schulsystem und eines der Kompetenzverweigerung bei einem Teil der Jugendlichen. Die sieben Handlungsfelder (s. Auszüge im Kasten S. 12), in denen die KMK nach dem PISA-Schock Maßnahmen entwickelt hat, scheinen offensichtlich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien nicht zu greifen. Warum nicht? Heinz-Elmar Tenorth: Ich will die KMK-Maßnahmen nicht in Grund und Boden verdammen. Im Gegenteil. Aber ein zentraler Vorwurf von uns Bildungsforschern an die Adresse der KMK lautet: Sie hat bei der breit gestreuten Maßnahmenpalette die größte Problemgruppe des deutschen Bildungswesens zu wenig gezielt berücksichtigt. Bei diesen Sorgenkindern müssten die Länder jetzt zehn Jahre lang ihre bildungspolitischen Prioritäten setzen und entsprechende Maßnahmen einleiten. Tun sie es nicht, verlieren sie diese Jugendlichen – und damit ganze Alterskohorten und Stadtteile. Nun hat ein unveröffentlichtes Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats, der Bund und Länder zu internationalen Schulvergleichsstudien beraten soll, für Medienwirbel gesorgt: In einem ZEIT-Artikel wurde die Kritik des Gremiums, dem Sie auch angehören, veröffentlicht. Diese zielt auf die Bildungsarmut, die deutsche Schulen produzieren. Der Beirat fordert einen grundlegenden Strategiewandel in der Bildungspolitik. Worin sehen Sie diesen? Heinz-Elmar Tenorth: Ich sehe ihn vor allem in einer Umorientierung der bildungspolitischen Prioritätenordnung. Und zwar, indem eine massive und systematische Förderung der Verlierer des Schulsystems – z.B. auf dem bevorstehenden Bildungsgipfel im Herbst – von Bund und Ländern gemeinsam beschlossen wird. Ich wünsche mir, dass es dort nicht bei der Sonntagsrede bleibt, mehr für die Chancengleichheit in der Bildung tun zu wollen. Man stelle sich einmal vor, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verabschiedet dort gemeinsam mit den Ländern ein Papier, in dem steht, dass die "Kellerkinder" das zentrale Problem des deutschen Schulsystems sind. Und dass dies ein nicht länger hinzunehmender Skandal ist. Allerdings bin ich nicht optimistisch, dass dies tatsächlich geschieht. Ich weiß: Politiker können keine Wahlen damit gewinnen, dass sie Bildungspolitik für Neukölln machen wollen. Wie hat die KMK auf den blauen Brief der Bildungsforscher reagiert? Ihre Kritik am Maßnahmenkatalog der KMK wurde zumindest in der öffentlichen Stellungnahme der KMK völlig heruntergespielt. Heinz-Elmar Tenorth: Das hatte wohl eher taktische Gründe. Denn nach dem Bildungsgipfel kommen die aktuellen PISA-Länderdaten. Mein Eindruck ist deshalb, dass die Länder sehr wohl Handlungsdruck verspüren, dass sie sich aber die Handlungsoptionen für die dramatische Situation des Herbstes aufbewahren wollen. Die aktuelle Auswertung der Daten von PISA-E 2006 wird für die beteiligten Länder schwierig zu verdauen sein, und zwar unabhängig von den A- und B-Grenzen. Wo haben die Länder versagt? Heinz-Elmar Tenorth: Wenn man sich die Reaktionen auf die PISA-Studien seit der ersten Erhebung 2000 genauer anschaut, so waren die einzigen umfassenden und durchgreifenden Maßnahmen die Einführung von Bildungsstandards sowie die Gründung des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Zwar hat die KMK ein Sieben-Punkte-Programm entworfen, es ließ aber offen, wie die Projekte in den Ländern in der Breite realisiert werden sollten. Vor allem: Es hat innerhalb der Maßnahmen keine problembezogene Gewichtung stattgefunden und es gab keine vernünftige interne Finanzausstattung, um leistungsschwache Schülerinnen und Schüler besonders zu fördern. Dem Ganztagsschulprogramm etwa hat die pädagogische Unterfütterung gefehlt, die es gebraucht hätte, um Leistungsschwächere intensiver zu betreuen. Die Länder haben zwar das Geld von Ex-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) genommen, sich aber in pädagogische Konzepte nicht reinreden lassen. So lange es aber nicht gelingt, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass kompetenzarme Kinder und Jugendliche das zentrale bildungspolitische Problem sind, wird man für deren Förderung politisch auch nicht entsprechende finanzielle Mittel mobilisieren können. Die Ergebnisse Ihres Gutachtens liegen bereits seit Anfang Januar vor, doch bislang haben die Kultusminister sich nicht damit befasst. Warum wagte sich das Gremium mit seinen Ergebnissen nicht eher an die Öffentlichkeit? Heinz-Elmar Tenorth: Die Bildungsforscher leiden alle unter einer Schwierigkeit: Die diagnostische Kapazität ist in unserer Zunft erheblich besser ausgeprägt als die konstruktive, schon weil die Wissenschaftler wissen, dass es einfache Lösungen heute nicht mehr gibt. In der internen Kommunikation muss man allerdings zur Ehrenrettung der KMK sagen, dass sie unsere Kritik akzeptiert hat. Sie weiß auch, dass diese nicht vom Tisch zu fegen ist und sie ihr Sieben-Punkte-Programm auf seine Wirkung und seinen Erfolg hin überprüfen muss. Sie haben in Ihrem Beiratspapier auch ein bisheriges Tabu der KMK offen angesprochen und den Kultusministern empfohlen, die Strukturfrage bei der Lösung des bildungspolitischen Kernproblems mit in ihre Überlegungen einzubeziehen. Heinz-Elmar Tenorth: Es besteht nicht nur in unserem Gremium Konsens, sondern bei allen Wissenschaftlern, die zur Schulentwicklung geforscht haben, dass man zumindest von einem zweigliedrigen Schulsystem ausgehen sollte, wenn nicht von einem besseren gesamtschulischen. Die PISA-Befunde haben gezeigt, dass 25 Prozent aller Kleinkinder schon mit Nachteilen starten, die auch in den Grundschulen erkennbar bleiben. Trotzdem klafft die Leistungsschere bei den Viertklässlern nicht so eklatant auseinander wie bei den Neuntklässlern. In diesen fünf Jahren passiert ein dramatischer Leistungsabfall innerhalb dieser Gruppe. Sehen Sie einen Lösungsweg aus diesem Dilemma? Heinz-Elmar Tenorth: Pädagogisch werden hier zwei Lösungsstrategien diskutiert: Die eine, man arbeitet so früh wie möglich kompensatorisch, die zweite, man lässt Kinder so lange wie möglich gemeinsam lernen. Beide Strategien sind einerseits überzeugend, andererseits nicht konsequent genug. Denn beide beziehen nicht ausreichend das Umfeld, die Familien mit ein. Wenn es nicht gelingt, die Eltern in Förderprogramme zu integrieren, ihnen klarzumachen, dass ihr Kind morgens pünktlich aufsteht, den Unterricht regelmäßig besucht und wenn sie nicht erkennen, dass Lernen wichtig ist, bleibt es für die Kinder dieser Milieus weiterhin schwierig. Schulpolitische Maßnahmen reichen nicht aus? Tenorth: Nein, Schulen in sozial schwierigen Wohnquartieren brauchen die Unterstützung außerschulischer Jugendhilfe und die Verankerung im Stadtteil. Was müsste sich im Sekundarbereich grundsätzlich ändern? Heinz-Elmar Tenorth: Man müsste zunächst strukturell eine differenzierte Sekundarstufe I schaffen. Die erfolgreichen Länder in diesem Bereich sind ja nicht simple einheitsschulische Sekundarschulen, sondern differenzierte Systeme. Ich will finnische Daten nicht überstrapazieren, weil man das finnische Modell nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen kann. Trotzdem sollten sich die Deutschen an Finnland ein Beispiel nehmen, denn dort erhalten 25 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe I individuellen Förderunterricht. Sie haben in dem Beiratspapier dafür plädiert, dass die betroffenen Jugendlichen, immerhin 22 Prozent der Schüler, eine zweite Chance durch kurzfristige Maßnahmen bekommen. An welche ist gedacht? Heinz-Elmar Tenorth: Innerschulisch etwa durch gezielten Förderunterricht am Nachmittag, am Wochenende oder in den Ferien, so sollte zumindest über die Ressource Zeit ein Nachqualifizieren ermöglicht werden. Ohne solche zusätzlichen Lerngelegenheiten wird sich nichts verbessern. Darüber hinaus besteht offenkundig ein Bedarf, im Sekundarbereich I Lernformen zu finden, die radikal mit dem Standardbild von Unterricht brechen. Welche Konsequenz sollte die KMK aus der Kritik des Gutachtens ziehen? Heinz-Elmar Tenorth: Die Wichtigste: Die Kultusminister müssten eingestehen, dass es zwei Strukturprobleme im deutschen Schulsystem gibt, die gleichrangig sind. Das eine betrifft die Sorgenkinder des Schulsystems. Das zweite ist eine notwendige Strukturreform des Bildungssystems. Die Schulen benötigen mehr Autonomie auf lokaler Ebene, damit sich ihr pädagogischer Handlungsspielraum vergrößert. Sie brauchen größere Freiheit sowohl in ihrem Zeitbudget sowie in ihren Curricula als auch in der sozialen Gestaltung und Öffnung des Unterrichts. Zur PersonDr. Heinz-Elmar Tenorth ist Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied des Vorstands des "Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen" (IQB) der Länder der Bundesrepublik Deutschland an der Humboldt-Universität zu Berlin. Erstveröffentlichung und alle Rechte: Erziehung & Wissenschaft, September 2009 Interview: Helga Haas-Rietschel, Redakteurin der "Erziehung und Wissenschaft"
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