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Entgegen dem allgemeinen Trend: Steigende Schülerzahlen in Schulen für Kranke

"Schulverweigerung" ist nicht allein mit einer "Null-Bock-Haltung" zu erklären

Mehr zu: Gesundheit, Handikap, Jugendhilfe und Sozialarbeit, Schülerzahlen, Schulstress, Schulverweigerer, Stiftungen, Weiterbildung, Schule
24.09.2008 -

"In jeder Klasse gibt es Schüler, die nicht vollständig gesund sind. Die Brisanz dieses Themas wird allerdings unterschätzt, auch wenn es alle betrifft, die den Lehrberuf ausüben oder damit zu tun haben", weiß die Sozialpsychologin und Schulforscherin Prof. Dr. Gisela Steins von der Universität Duisburg-Essen.

Wie Schule und guter Unterricht trotz Krankheit gelingen kann, steht im Mittelpunkt einer aktuellen Untersuchung, die Prof. Steins herausgegeben hat. Anhand konkreter Einzelfälle wird der Frage nachgegangen, was mit den Schülern nach ihrer Entlassung aus der Schule für Kranke passiert und wie das Einleben in der Regelschule gelingt. Ausgangspunkt waren die Erfahrungen an der Ruhrlandschule am Universitätsklinikum Essen, deren Evaluation das Team von Gisela Steins ein Jahr lang systematisch begleitet hat. Diese Arbeit wurde maßgeblich von der Robert Bosch Stiftung unterstützt.

Die Ruhrlandschule ist eine von 46 Schulen für Kranke in NRW mit dem gesetzlichen Auftrag, SchülerInnen zu unterrichten, die mehr als vier Wochen stationär oder teilstationär behandelt werden. Aber wie kann man zwischen Krankenbett und ärztlicher Versorgung, zwischen Psychiatrie und Therapie Schule gestalten? Diese Fragen gehen nicht nur Lehrkräfte an Schulen für Kranke an, denn SchülerInnen kehren nach ihrem Krankenhausaufenthalt auch wieder in die Regelschule zurück, oft, ohne ganz gesund oder "normal" zu sein.

Die besondere Herausforderung für PädagogInnen besteht darin, dass sie in ihrer Aus- oder Weiterbildung nicht ausreichend darauf vorbereitet werden, dass SchülerInnen von ihnen die Fähigkeit verlangen, auch mit unerklärlichen Reaktionen, Ablehnung oder extremen Stimmungsschwankungen professionell umgehen zu können. Häufiges Problem, gerade in den Großstädten des Ruhrgebiets, ist das wachsende Phänomen der "Schulverweigerung", die nicht allein mit einer "Null- Bock-Haltung" zu erklären ist, sondern einen psychiatrisch relevanten Krankheitshintergrund hat.

Schulbedingte Auslöser können u.a. sein, dass Lernstandserhebungen, Vergleichsarbeiten, zentrale Prüfungen und Schulzeitverkürzungen die Stressfaktoren für die SchülerInnen erheblich vermehrt haben und gleichzeitig zu Versagensängsten oder Verweigerungsszenarien führen. Deshalb kann es nicht verwundern, dass trotz sinkender Schülerzahlen in den allgemein bildenden Schulen die Schülerzahlen vieler Schulen für Kranke steigen. Zwischen 30 und 40 Prozent der SchülerInnen der Schulen für Kranke können oder wollen im Anschluss an einen Klinikaufenthalt nicht in ihre Heimatschulen zurückkehren, sondern müssen an andere Schulen wechseln.

Zu den Hauptergebnissen der Untersuchung von Prof. Steins zählt, dass insbesondere die Übergänge vom Alltag in die Kliniksituation und wieder zurück besonders kritisch für die Kinder und Jugendlichen sind. Professor Steins: "Vor allem der Übergang zurück in die Heimatschule ist für einige SchülerInnen, insbesondere mit psychischen Problemen, besonders problematisch."

Deshalb sollten die Kinder und Jugendlichen nach der Entlassung möglichst nicht sich selber überlassen bleiben, gerade wenn sie bereits soziale und psychische Probleme in ihrem alten schulischen Umfeld hatten. Bislang ist jedoch der Übergang zwischen Entlassung und Rückkehr sehr häufig wenig betreut und direkt vor Ort, in der Heimatschule, in der Regel überhaupt nicht. Prof. Steins: "Es fehlen leider meist die erforderlichen Ressourcen, um manche Behandlung zu einem guten Ende zu führen."

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