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Zöllner: "Zunächst das Problem der Hauptschule lösen"

Interview mit dem Berliner Bildungssenator

Mehr zu: Berlin, Deutschland, Elternwille, Gemeinschaftsschule, Hauptschule, Individuelle Förderung, Interviews, Oberschule, Realschule, Schulstruktur, Stadtteilschule, Schule
27.09.2008 -

(redaktion) Vor wenigen Tagen hat der Berliner Bildungssenator Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner Eckpunkte für die Weiterentwicklung der Schulstruktur vorgelegt. Demnach sollen ab dem Schuljah 2010/2011 unter anderem die Haupt- und Realschulen zu Integrierten Haupt- und Realschulen (IHR) zusammengeführt werden, an denen die Schüler alle Abschlüsse sowie die Übergangsberechtigung in die gymnasiale Oberstufe erreichen können. Das Gymnasium soll als eigenständige Schulart bestehen bleiben und das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden. Im Interview mit Dr. Peter Pahmeyer erklärt Zöllner das zukünftige Berliner Schulmodell.

Herr Prof. Zöllner. Sie empfehlen in der Bundeshauptstadt die schrittweise Etablierung einer zweigliedrigen Schulstruktur. In einem Eckpunktepapier haben Sie einen dezidierten Fahrplan entwickelt. Erklären Sie uns bitte, welche qualitativen Verbesserungen für Berliner Schülerinnen und Schüler erwartbar sind, wenn Ihre Vorstellungen Wirklichkeit geworden sein sollten.

Prof. Zöllner: Ich erwarte mehr integrative Elemente im schulischen Entwicklungsprozess, verstärkte individuelle Förderung, einen flächendeckenden Praxisbezug in integrierten Haupt- und Realschulen, eine verbesserte Abschlussfähigkeit benachteiligter Schüler.

Welche wesentlichen Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede sehen Sie, wenn Sie Ihr Konzept für die Berliner Schulstruktur mit den Plänen der schwarz-grünen Regierung für eine Reform der Hamburger Schulstruktur vergleichen?

Prof. Zöllner: Im Grundmodell gibt es zwischen meinem Vorschlag und den Hamburger Plänen ein hohes Maß an Übereinstimmung. Das hat damit zu tun, dass wir aus meiner Sicht nur erfolgreich sein können, wenn wir eine breite gesellschaftliche Mehrheit für eine Strukturreform finden und den Elternwillen respektieren. Die Veränderungen müssen machbar sein. Ein im Kern zweigliederiges Schulsystem bietet diese Chance. Neben dem Gymnasium entwickelt sich eine Regionalschule, die stärker auf integrative Lernformen setzt und alle Bildungsabschlüsse bis hin zum Abitur bietet. Ein entscheidender Unterschied ist aber, dass ich in Berlin in einem ersten Schritt zunächst das Problem der Hauptschule lösen möchte. Mein Vorschlag für eine weitergehende Reform ist ein Vorschlag für die nächste Legislaturperiode im Berlin, also nach 2011. Dafür wünsche ich mir eine ausgewogene und breite Debatte über die besten Wege.

Mit Ihrem Konzept signalisieren Sie erkennbar die Bereitschaft, den lähmenden Streit zwischen den Anhängern gegliederter und integrativer Schulstrukturen überwinden zu wollen. Was entgegnen Sie nun den Anhängern "Einer Schule für Alle", die für die flächendeckende Einführung einer Gemeinschaftsschule werben?

Prof. Zöllner: Viele Elemente der pädagogisch-inhaltlichen Gestaltung von Schule und Unterricht, die jetzt in den Gemeinschaftsschulen erprobt werden, könnten auf Dauer zum Tragen kommen. Das bedeutet eine Anerkennung und Stärkung des Modellversuchs der Gemeinschaftsschule in einem Lernprozess, dem wir uns alle in den nächsten Jahren stellen sollten. Ich weise aber darauf hin: Eine ideologische Debatte, in der sich zwei unversöhnliche Lager gegenüber stehen, wäre zum Scheitern verurteilt. Die alten Grabenkämpfe der siebziger Jahre braucht niemand mehr, wohl aber eine argumentative Debatte über die besten Wege. Die wollte ich mit einem konkreten Vorschlag jetzt in Gang setzen.

Der Blick auf die Vielfalt der Schulstrukturdebatten und -konzepte in den Bundesländern bewirkt selbst bei Bildungsexperten ob der kafkaesken "neuen Unübersichtlichkeit" zuweilen Gefühle der Rat- und Orientierungslosigkeit. Während wir im Prozess der Globalisierung zentrale Abschlussprüfungen standardisieren gibt es Stadtteil-, Regional-, Gesamt-, Gemeinschafts-, Ober-, Mittel- oder so genannte Realschulen Plus. Sagen Sie heute eher 'Gibs auf' oder sehen Sie Anzeichen dafür, dass wir in Deutschland endlich Wege zu einer bundeseinheitlich überschaubaren Schulreform und -struktur beschreiten?

Prof. Zöllner: Entscheidend ist, was drin ist und nicht, was drauf steht. Guter Unterricht kann prinzipiell in jeder Schulstruktur stattfinden. Dennoch meine ich, das in unserem vielgliederigen Schulsystem bestimmte Probleme, z. B. mangelnde Durchlässigkeit, wenn überhaupt nur schwer lösbar sind und deshalb diese Art der Gliedrigkeit überwunden werden muss. Hier gibt es unterschiedliche Voraussetzungen in den Ländern. Ein Einheitsmodell in Deutschland brauchen wir zwar nicht, aber dieses Modell könnte eine gute Diskussionsgrundlage für andere Länder bilden.

Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer

Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com

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