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Köhler: Ungleiche Bildungschancen sind beschämend für Deutschland

Eröffnungsrede auf dem 47. Deutschen Historikertag

Mehr zu: Bildungschancen, Deutschland, Forschung, Geschichtsunterricht, Politische Bildung, Hochschule, Sonderthemen, Schule
01.10.2008 -

(redaktion) Als beschämend für Deutschland hat Bundespräsident Horst Köhler auf seiner Eröffnungsrede zum Deutschen Historikertag die ungleichen Bildungschancen bezeichnet. "Bildung befähigt den Einzelnen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie vermittelt Wissen und Fähigkeiten - und sie hilft, sich im eigenen Leben und in der Welt besser zurechtzufinden. Deshalb ist gute Bildung unendlich wichtig - für jeden Einzelnen von uns und für unsere Gesellschaft insgesamt. Und deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass die Zugangschancen zu guter Bildung in unserem Land ungleich verteilt sind und dass die schulische Entwicklung eines Kindes immer noch maßgeblich - und in jüngster Zeit sogar mit steigender Tendenz - von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern bestimmt wird", erklärte er.

Besondere Aufmerksamkeit, so Köhler weiter, verdienten junge Leute, denen der Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht gelinge. "Nach Erhebungen verfügt jeder fünfte 15jährige nicht über die erforderlichen Fähigkeiten, um erfolgreich eine Ausbildung absolvieren zu können. Knapp 8 Prozent aller Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. Unter jungen Migranten ist der Anteil sogar mehr doppelt so hoch (18%). Der Weg in die Arbeitswelt und ins Erwachsenenleben beginnt für diese jungen Menschen mit denkbar ungünstigen Startvoraussetzungen. Ihnen droht das Risiko, zu den "Ausgeschlossenen von morgen" zu gehören. Das wissen wir schon heute. Und heute haben wir es durchaus in der Hand, dagegen etwas zu tun", mahnte der Bundespräsident.

Außerdem verwies er auf "erschreckende Lücken in der historischen Bildung vor allem von jungen Menschen". Da gehe es nicht um Defizite an auswendig Gelerntem oder Aufsagbarem, aktuelle Studien offenbarten einen beunruhigenden Mangel an Wissen über die jüngste deutsche Geschichte und ließen Schlimmes ahnen, was die Fähigkeit zur Beurteilung der Gegenwart und der staatsbürgerlichen politischen Orientierung in ihr betreffe. "Wenn etwa bei einer Umfrage in einem ostdeutschen Bundesland nur jeder dritte 17jährige weiß, dass es die DDR war, die die Mauer errichtet hat, und wenn ein Drittel der befragten Schüler Willy Brandt und Konrad Adenauer für DDR-Politiker halten, dann ist das mehr als nur eine bedauerliche Bildungslücke. Demokratisches Bewusstsein setzt Wissen voraus - über die Geschichte unseres Landes, über die beiden Diktaturen, die es auf seinem Boden gab, und über seine demokratischen Traditionen, die weit vor die Jahre der NS-Diktatur zurückreichen und auf die wir stolz sein können - das Wissen um diese demokratischen Wurzeln vorausgesetzt. Wo dieses Wissen fehlt, da haben Extremisten von links und rechts leichtes Spiel. Auch um das zu verhindern, ist guter Geschichtsunterricht unverzichtbar", so Köhler wörtlich.

Der Vorsitzende des Historikerverbandes, Peter Funke, verwies auf die sich verschlechternde Grundausstattung an Universitäten und gab seiner Besorgnis Ausdruck, dass "dass die großen Geldflüsse fehlgeleitet werden." Auch gefährde die Umstellung auf den Bachelor-Abschluss den Historiker-Nachwuchs, so Funke. Gebe es keine Verbesserung der Betreuungssituation an den Hochschulen, bleibe die Lage katastrophal.

Zum größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas unter dem Titel "Ungleichheiten" werden bis zum Freitag rund 3000 Teilnehmer erwartet.

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