Bildungsgipfel: Wirklich Bildung für alle?
Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe macht auf Missstände aufmerksam
Mehr zu: Bildungsgipfel, Deutschland, Handikap, Integration, Schule(redaktion/PM) Sieben Tage vor dem Bildungsgipfel am 22. Oktober findet traditionell der "Tag des weißen Stockes" statt. Am 15. Oktober machen weltweit blinde Menschen auf ihre Situation aufmerksam. Zeit für eine Bestandsaufnahme zur Situation der blinden und sehbehinderten Schüler in Deutschland, meint die Kampagne "Woche des Sehens" und hat einige Eckdaten zusammengetragen.
Laut Kultusministerkonferenz besuchen 7.000 Kinder mit dem Förderschwerpunkt "Sehen" die deutschen Schulen, der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) schätzt aber, dass es mindestens 14.000 blinde und sehbehinderte Schüler gibt. Das sind nur 0,1% bzw. 0,2 % aller Schüler in Deutschland, eine kleine Gruppe, die bei großen Würfen in der Bildungspolitik leicht vergessen werden kann. Genau das ist schon viel zu oft passiert - so jedenfalls der Eindruck des DBSV und des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Beide Organisationen haben deshalb für die diesjährige Woche des Sehens ein provokatives Motto gewählt: "Blindes Kind - dunkle Zukunft?" Die optimale Förderung in der Schulzeit ist entscheidend für die Chance auf Integration in unserer Gesellschaft. Für blinde Schüler stehen heute ausgereifte pädagogische Konzepte zur Verfügung, durch die sie genau so lernen können wie Kinder mit vollem Sehvermögen. Doch die Errungenschaften in der Förderung und Bildung junger blinder und sehbehinderter Menschen werden durch Einsparungen und das Zurückfahren spezieller Förderangebote bedroht. Ein großes Problem, so die Vertreter der Kampagen, sei die föderale Struktur der deutschen Bildungslandschaft, sie führet zu einem Flickenteppich von Bildungsangeboten unterschiedlichster Qualität. In dem einen Bundesland werde die Internatsunterbringung nicht finanziert, im zweiten fehle es an Unterrichtsmaterialien, während am anderen Ende der Republik mit den Betreuungsstunden gegeizt werde. "Es gibt Eltern, die ihren Wohnsitz in ein anderes Bundesland verlegen, damit ihr blindes Kind eine ordentliche Schulbildung bekommt", verdeutlicht DBSV-Präsidentin Renate Reymann die Situation.
Häufig leidet die Qualität der Schulbildung aufgrund finanzieller Aspekte. Ungefähr 27 Prozent der blinden und sehbehinderten Schüler werden an allgemeinen Schulen unterrichtet und sind selbstverständlich auch dort auf spezielle Materialien und Förderung angewiesen. Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, fordert grundsätzlich den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderungen. Evers-Meyer: "Leider ist es aber heute noch nicht jeder Regelschule möglich, einem betroffenen Kind das sonderpädagogische Know-how und all die Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, die es braucht. Deshalb brauchen wir noch auf lange Sicht die Option einer speziellen Förderschule. Die Qualität der Ausbildung und das Wahlrecht des Kindes und seiner Eltern müssen an erster Stelle stehen." Auch die Selbsthilfeverbände machen sich für das Wahlrecht stark, die Eltern sollen aus ihrer individuellen Situation heraus entscheiden können, ob ihr Kind besser in der allgemeinen Schule vor Ort oder in einer speziellen Förderschule aufgehoben ist. "Voraussetzung für ein echtes Wahlrecht ist aber, dass an beiden Schulformen genügend qualifizierte Blinden- und Sehbehindertenpädagogen zur Verfügung stehen", bemerkt der DVBS-Vorsitzende Uwe Boysen und fordert eine bessere Ausstattung der vier deutschen Ausbildungsstandorte.
Höchste Zeit also, dass die Bildungsoffensive der Kanzlerin auch bei den blinden und sehbehinderten Schülern ankommt. Zahlreiche Eltern betroffener Kinder wollten nicht länger warten und haben sich auf Initiative des DBSV in einem "Netzwerk Elternberatung" zusammengeschlossen. Das Beratungsangebot von Betroffenen für Betroffene startete zu Beginn der diesjährigen Woche des Sehens, mehr Infos unter: www.dbsv.org/elternberatung
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