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"Die duale Ausbildung ist ein Innovationsfaktor"

Interview mit Prof. Dr. Felix Rauner

Mehr zu: Ausbildungskosten, Besoldung, Duale Ausbildung, Durchlässigkeit, Interviews, Übergang zur Berufsausbildung, Berufliche Bildung
24.10.2008 -

(redaktion) Schon lange kritisiert der Bremer Bildungsforscher Professor Felix Rauner die scharfe Trennung von Schule und Berufsbildung in Deutschland. Berufsorientierung müsse gesamten Bildungssystem verankert werden vom Kindergarten bis zum Schulabschluss, erklärt er jetzt im Interview mit Manfred Keuler und Dr. Hermann Buschmeyer (G.I.B.), in dem Rauner auch grundsätzlich zur dualen Berufsausbildung Stellung bezieht.

Herr Professor Rauner, Sie sind nicht nur Hochschullehrer, sondern auch gelernter Elektriker. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem dualen Berufsausbildungssystem gemacht?

Prof. Felix Rauner: Ich habe in einem kleinen Handwerksbetrieb bei einem exzellenten Meister den Beruf des Elektroinstallateurs erlernt und dort als Erstes den Wert der "Meisterschaft" schätzen gelernt. Daraus hat sich bei mir ein Bewusstsein für handwerkliche Qualität entwickelt, das mein weiteres Berufsleben geprägt hat. Am Ende des zweiten Lehrjahres etwa – ich war gerade 17 – schickte mich der Meister mit einem Junggesellen – er hatte gerade ausgelernt – auf Montage. Ich musste also während meiner Ausbildung sehr früh Verantwortung übernehmen und mit der handwerklichen Qualität meiner Arbeit den Betrieb gegenüber dem Kunden und anderen beteiligten Unternehmen repräsentieren.

Was macht den "Lernort Betrieb" im Vergleich zu anderen Ausbildungsstätten zu etwas Besonderem?

Prof. Felix Rauner: Nur hier wird die berufliche Identität, das notwendige Verständnis für die Bedeutung von Qualität, Verantwortung und eigener Leistungsbereitschaft herausgebildet. Es nützt wenig, wenn jemand über eine hohe fachliche Kompetenz verfügt, sich aber weder beruflich engagiert noch Verantwortung übernehmen will.

Diese Erkenntnis wird übrigens in der berufspädagogischen und politischen Diskussion, etwa bei der Frage der Ausbildungsverkürzung, häufig vernachlässigt. Wer die vollständige und vollwertige duale Berufsausbildung infrage stellt, gefährdet zuallererst die Entwicklung beruflicher Identität und beruflichen Engagements bei den Auszubildenden.

Nehmen Sie die akademischen Berufe: Niemand käme auf die Idee, die Professionalität bei den Ärzten oder Juristen in Frage zu stellen. Daher finde ich es leichtfertig und geradezu absurd, Beruflichkeit bei den nicht-akademischen Berufen infrage zu stellen und damit Auszubildende und Facharbeiter auf "Träger von Qualifikations-Modulen" zu reduzieren.

Die Bedeutung des Betriebes wird von Ihnen sehr hoch angesetzt, höher als das zweite Element, die Berufsschule?

Prof. Felix Rauner: Der Dreh- und Angelpunkt bei der Ausbildung beruflicher Kompetenz ist die praktische Arbeitserfahrung, die nur in den Betrieben stattfinden kann. Der amerikanische Soziologe Harold Garfinkel hat einmal gesagt: "Jeden Beruf muss man zuletzt praktisch erlernen – ob Versicherungsmathematiker oder Schreiner."

Das bedeutet nicht, dass die Berufsschule eine unwichtige Funktion hat. Ganz im Gegenteil. Wenn Sie eine Lehre auf "learning by doing" beschränken würden, wären sie weit entfernt von einer modernen Berufsausbildung. Eine solche findet nur statt, wenn die Schule Arbeitserfahrung reflektiert, systematisiert und daraus begriffliches Wissen erwächst. Berufliche Kompetenz beruht zu 70 bis 80 Prozent auf dieser reflektierten Arbeitserfahrung. Sie begründet berufliche Handlungskompetenz und befähigt die Auszubildenden, mit ihren Kollegen, aber auch mit Kunden zu kommunizieren und dazu, sich auch außerhalb des Arbeitsprozesses mit ihrer Arbeit auseinanderzusetzen, zum Beispiel im Betriebsrat oder an anderen öffentlichen Räumen, wo über ihre Arbeit gestritten wird. Das ist heute wichtiger als je zuvor.

Auch die Verallgemeinerung der Arbeitserfahrungen ist eine außerordentlich wichtige Aufgabe der Berufsschule. Nehmen Sie das Beispiel des Elektronikers. Hier hat die Berufsschule die vornehme Aufgabe, Jugendliche aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen – Stahl-, Lebensmittel-, Chemieindustrie usw. – zusammenzubringen, um ihre Arbeitserfahrungen zu verallgemeinern. Nach dem gleichen Prinzip könnte man die große Zahl kaufmännischer Berufe deutlich reduzieren, anstatt einen neuen Kaufmannsberuf nach dem anderen zu erfinden. Das Reizvolle im Zusammenspiel zwischen Betrieben und Berufsschule sollte ja eher darin bestehen, dass zwar der einzelne Auszubildende die kaufmännische Tätigkeit in einem spezifischen Zusammenhang erlernt, die Berufsschule aber, anknüpfend an die Erfahrungen der Auszubildenden, den Horizont der Schüler so erweitert, dass sie lernen, sich auf zunehmend abstrakteren Ebenen begrifflich mit kaufmännischen Prozessen auseinanderzusetzen, und damit z. B. auch die Studierfähigkeit erwerben. Das wäre meine Vorstellung von einer modernen Berufsausbildung.

Ein Beruf, der nach dem Prinzip der Exemplarizität erlernt wird, wie der des Elektroniker, erhöht die Mobilität der Beschäftigten und verstärkt die Flexibilität des Arbeitsmarktes, anders als die Spezialisierung in eigenständige Berufsbilder, die auf Dequalifizierung, Bürokratisierung und Umschulung hinausläuft. Wenn jemand beispielsweise zum Fitnesskaufmann in einem Fitnessstudio ausgebildet und später einmal arbeitslos wird, muss er beim Wechsel in ein anderes kaufmännisches Aufgabenfeld einen neuen kaufmännischen Beruf erlernen. Das ist unsinnig.

Ist die duale Ausbildung denn in der Lage, Kompetenzen zu vermitteln, die als "Schlüssel" zur Erschließung des sich schnell ändernden Fachwissens dienen können?

Prof. Felix Rauner: Berufliche Kompetenz beruht auf domänenspezifischen kognitiven Dispositionen und nicht auf Schlüsselqualifikationen, die in beliebigen Arbeitszusammenhängen kompetentes berufliches Handeln ermöglichen. Die Vorstellung, die früher bei Gymnasiallehrern weit verbreitet war – wer ordentlich Latein lernt, erwirbt Fähigkeiten, die er später überall anwenden kann – ist falsch. Die Vorstellung, es gebe abstrakte Schlüsselkompetenzen, die man überall anwenden kann, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Verfügen Sie etwa über soziale Kompetenzen als Arzt, so sind diese an die Domäne ärztlicher Tätigkeiten gebunden. Daher sind die Ergebnisse der Kompetenzforschung zum Transfer beruflicher Kompetenzen in der Form von Schlüsselkompetenzen ernüchternd: Beim Erlernen eines neuen Berufes beginnt man wieder als Anfänger.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Probleme von spezialisierten, eher verrichtungsorientierten und die Vorteile breitbandiger Berufsbilder wie dem Prozessleitelektroniker?

Prof. Felix Rauner: Die Berufsform der Arbeit hat den großen Vorteil, dass aus ihr Identität, Verantwortlichkeit und Engagement entspringen. Berufliche Bildung bedeutet das Hineinwachsen in eine "Community of Practice", und die berufliche Bildung sollte diesen Prozess nicht leichtfertig erschweren – z. B. durch eine berufsfeldbreite berufliche Grundbildung. Eine breit angelegte Grundbildung, die mit ihren wissenschaftsbezogenen Inhalten vom Arbeitsprozesswissen abstrahiert, orientiert sich am Konzept einer traditionellen akademischen Bildung, die stolz darauf war, dass sie keine berufliche war. Dieses Konzept der Grundbildung steht damit geradezu im Widerspruch zu einer Berufsbildung, die das Hineinwachsen in die jeweilige berufliche Praxisgemeinschaft unterstützt.

Didaktisch formuliert, gehorcht das eine Prinzip der wissenschaftsbezogenen Systematik von Fächern und das andere einer Systematik, die sich an der subjektiven Entwicklung beruflicher Kompetenz orientiert: "Man wächst an seinen Aufgaben", so sagt es der Volksmund. Es ist daher berufspädagogisch klug, die Anforderungen für Anfänger, Fortgeschrittene und Experten in der Ausbildung so zu sortieren, dass der Auszubildende an ihnen wachsen kann. In den breitbandigen Berufen lässt sich dann bei fortschreitender Bildung die Breite des Wissens Schritt für Schritt vergrößern. In diesem Zusammenhang spielt die Berufsschule eine wichtige Rolle, in dem sie vor allem die Versprachlichung des Wissens zur Fachsprache fördert.

In einigen wegweisenden Beispielen wurde dieses Konzept der entwicklungslogischen Strukturierung beruflicher Bildung umgesetzt. Genauer müsste man sagen: es wurde wieder entdeckt. Wir selbst haben den europaweit eingeführten Beruf des Kraftfahrzeug-Mechatronikers entwickelt. Bei dieser Ausbildung wird zunächst das Auto als Ganzes zum Gegenstand der Ausbildung, z. B. bei der computergestützten Überprüfung der Fahrtüchtigkeit des Autos – anstatt zunächst das Feilen und andere Grundfertigkeiten der Metallbearbeitung zu erlernen.

Berufe wie der Kraftfahrzeug-Mechatroniker haben den Vorteil, dass sie sich dichter an die Erkenntnisse der Lernforschung anlehnen. Nur theoretisch vermitteltes Wissen bleibt sehr lange bedeutungslos. Ich will Ihnen ein Beispiel aus der Elektrotechnik nennen. In der physikalischen Theorie wird die elektrische Spannung als Änderung des magnetischen Flusses definiert. Für eine Fachkraft in der Elektrotechnik ist diese Definition ziemlich bedeutungslos, zumal diese so schwer zu verstehen ist, dass selbst akademisch qualifizierte Elektrotechniker ihre Schwierigkeiten damit haben. Das, was handlungsfähig macht, ist die tausendfach gemachte Erfahrung im Umgang mit real existierenden Spannungen. Diese haben einen Gebrauchswert, ob in einer Batterie für Ihren Laptop oder in einer Hochspannungsleitung. Das ist real existierende Technik, die einem praktischen Elektrotechniker in der Arbeitswelt begegnet.

In der Berufsbildung müssen wir daher die professionsbezogenen Bedeutungsfelder der für das berufliche Handeln bedeutsamen Fachbegriffe erschließen. Fachkräfte müssen über "praktische Begriffe" verfügen, die für die Vermittlung von Handlungskompetenz weit bedeutender sind als die mageren wissenschaftlichen, akademischen Begriffe. Praktische Begriffe haben zwar eine durch den Beruf gegebene begrenzte Bandbreite. Zugleich reichen sie mit der Reichhaltigkeit ihrer Bedeutungsfelder für die Begründung von Fachkompetenz weit über das theoretische Wissen hinaus. Dieses didaktische Paradoxon zu verstehen, ist eine der großen Herausforderungen für die Berufspädagogen.

Verlangt die Wissensgesellschaft nicht andere, speziellere Qualifikationen als die Industriegesellschaft?

Prof. Felix Rauner: Es ist nicht so, dass durch den technologischen Wandel der Arbeitswelt die Qualifikationsanforderungen zunehmen. Zwei Beispiele: 1930 umfasste eine Servicedokumentation für Mechaniker des Opel P4 50 Seiten, während eine heutige Servicedokumentation der mittleren BMW-Reihe 300.000 Seiten stark ist. Oder die Serviceanleitung für den neuen Airbus: Sie ist so umfangreich, dass sie in diesen Airbus nicht reinpasst, würde man sie drucken. Jetzt würde der Laie sagen: Wenn das so ist mit der Wissensexplosion, dann müssen wir statt eines Autoschlossers wie früher nun mindestens zehn verschiedene Spezialisten ausbilden. In der Realität ist es genau umgekehrt. Wir brauchen heute eher wenige breitbandige Berufe. Von den 900 Berufen der 1950er Jahre sind noch 350 übrig geblieben, mit abnehmender Tendenz. Welche Kompetenzen hat etwa ein Kfz-Mechatroniker, um mit der komplizierter gewordenen Technik zurechtzukommen? Das objektive Wissen, das seinen Ausdruck in der hochkomplexen Kraftfahrzeugtechnik findet, dient auch dazu, Diagnose und Reparaturen zu vereinfachen. Das heutige Auto verfügt über eine gewisse eigene – künstliche – Intelligenz, die Fehler identifizieren kann und Reparaturanleitungen vorschlägt. Die Fähigkeiten, über die ein Kfz-Mechatroniker heute verfügen muss, sind daher ganz andere als die des früheren Autoschlossers. Das Qualifikationsniveau dürfte sich dagegen kaum geändert haben.

Wenn der technologische Wandel das Prinzip, Berufsfähigkeit kann nur dual erlangt werden, nicht aushöhlt, woher rührt dann das eher schlechte Image der dualen Ausbildung in Deutschland?

Prof. Felix Rauner: In der Schweiz etwa ist, ganz anders als in Österreich, die duale Ausbildung für Betriebe, Jugendliche und deren Eltern nach wie vor außerordentlich attraktiv, weil sie einen gleichberechtigten Zugang zur Hochschule ermöglicht. Dabei ist das eidgenössische Berufsmaturat berufsfeldspezifisch orientiert. Die deutsche Regelung der Fachhochschulreife, die für jeden beliebigen Studiengang qualifiziert, ist dagegen eine Mogelpackung. Denn es wird selten jemand beispielsweise nach einer kaufmännischen Ausbildung Physik studieren. Die Schweizer haben sich dagegen darauf konzentriert, die Durchlässigkeit in dem eigenen Berufsfeld zu ermöglichen. 90 Prozent der Fachhochschulstudenten dort haben darüber hinaus vorher eine duale Ausbildung absolviert. Wir Deutschen haben dagegen die meisten Übergangsregeln weltweit und die schlechteste Übergangspraxis. Dies mindert die Attraktivität der dualen Berufsausbildung in Deutschland. Ein weiterer Grund für den Ansehensverlust der dualen Ausbildung ist die seit Jahren anhaltende Diskussion "zur Versorgung von Jugendlichen mit Lehrstellen". Wenn Politiker mit dem Bus herumfahren müssen, um – ich sage es einmal etwas despektierlich – Ausbildungsplätze zusammenzubetteln, dann verfestigt sich der Eindruck, Betriebe und Berufsschulen seien Versorgungsanstalten. Und nur durch das soziale Engagement der Betriebe und die Subventionierung der betrieblichen Berufsausbildung könne dieses System überleben.

Schaut man allerdings genauer hin, dann sieht man, dass die Tradition der dualen Berufsausbildung die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in wichtigen Märkten stärkt und nicht schwächt. Ohne qualifizierte Fachkräfte etwa im High-Tech-Maschinenbau wären unsere Exportmärkte nicht aufrechtzuerhalten. Viele der dort tätigen Facharbeiter haben nach ihrer eigentlichen Berufsausbildung ein Ingenieurstudium absolviert, oft an Instituten, in denen sie später als Wissenschaftler in Forschung und Lehre einen wichtigen Beitrag für das hohe Innovationspotenzial leisten, über das in Deutschland zahlreiche High-Tech- Branchen verfügen. Dies sind wesentliche Wurzeln für die Attraktivität und Innovationsfähigkeit der dualen Ausbildung, die gestärkt werden müssen.

Ein anderes Beispiel: Im Schnitt liegt die Produktivität deutscher Unternehmen um 30 Prozent höher als in vergleichbaren englischen Unternehmen. Das liegt ganz entscheidend an der hiesigen Tradition der Meisterschaft und der dualen Berufsausbildung. Oder nehmen Sie den Entwicklungsbereich: In vielen Entwicklungszentren der Industrie werden Sie neben den Akademikern verhältnismäßig viele Gelernte finden, weil die meisten Probleme nur gemeinsam gelöst werden können, mit theoretischer Mathematik und mit langjähriger Erfahrung.

Unsere duale Ausbildungstradition und Innovationsfähigkeit widersprechen sich nicht, sondern bedingen sich. Deshalb kritisiere ich die öffentliche Wahrnehmung, die die duale Ausbildung als ein sozialpolitisches Projekt zur Versorgung von Jugendlichen darstellt. Wir können nicht ignorieren, dass in Deutschland die Gruppe der nicht ausbildungsreifen Schulabsolventen – die Risikogruppe – deutlich größer ist als in Schweden, Finnland oder vielen anderen OECD-Ländern. Die Vorbereitung der Schüler auf die Berufsausbildung ist daher eine große Herausforderung, die dringend angepackt werden muss. Dazu bedarf es auch einer Beteiligung der Unternehmen an einer Berufsorientierung, die im gesamten Bildungssystem verankert werden muss: vom Kindergarten bis zum Schulabschluss.

Ihre aktuelle Studie zur dualen Berufsausbildung kommt, anders etwa als der Bildungsbericht 2006 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Kultusministerkonferenz, zu sehr positiven Ergebnissen, was die Kosten der beruflichen Ausbildung betrifft. Liegt das daran, dass Sie andere wissenschaftliche Methoden verwendet haben?

Prof. Felix Rauner: Was in diesem Bericht zu den Kosten der dualen Berufsausbildung steht, ist schlicht falsch. Die duale Berufsausbildung ist nicht die teuerste, sondern die mit Abstand kostengünstigste Form der Berufsbildung in unserem Bildungssystem. Dies ist in der einschlägigen Forschung unstrittig. Unsere eigenen Untersuchungen im Rahmen der Bremer Landesinitiative "Innovative Berufsbildung 2010" hat für die betriebliche Ausbildung einen Nettoertrag von ca. 600 Euro pro Auszubildenden pro Jahr (Land Bremen) ergeben. Zwei repräsentative Studien der Schweiz haben für 2004 und 2006 einen Nettoertrag für die betriebliche Berufsausbildung der Schweiz von 400 bzw. 500 Millionen Schweizer Franken ergeben. Danach erzielt weit über die Hälfte der Betriebe Nettoerträge.

Besonders interessant ist unser Ergebnis über den Zusammenhang von Rentabilität und Qualität der Ausbildung. Wir konnten nachweisen, dass in der Tendenz eine höhere Ausbildungsqualität mit einer höheren Rentabilität der Ausbildung einhergeht. Das bedeutet, dass das Setzen auf Qualität nur Gewinner kennt: die Auszubildenden, denen eine hohe Ausbildungsqualität für ihre berufliche Karriere nutzt, natürlich die Betriebe, die auf qualifizierte Fachkräfte und eine rentable Ausbildung angewiesen sind, und schließlich der Staat, der sich in seinem Krisenmanagement im Berufsbildungssystem auf jene Jugendlichen konzentrieren kann, die einer besonderen Förderung bedürfen. Alle ernst zu nehmenden Studien sind sich darin einig, dass die Nettokosten statistisch etwa bei plus/minus null liegen. In Deutschland haben 40 bis 50 Prozent der Betriebe Nettokosten, die anderen Nettoerträge durch Ausbildung.

Trotzdem bleibt die Frage, woraus bei vielen Betrieben mehr oder weniger hohe Nettokosten resultieren?

Prof. Felix Rauner: Ein Grund, warum sie vor allem in der Industrie relativ hoch sind, ist z. B. die prüfungsbedingte Herausnahme der Auszubildenden aus den Arbeitsprozessen. Dadurch mindern die Betriebe die Qualität der Ausbildung und erhöhen die Kosten. Es lässt sich im Einzelnen zeigen, wie die Prüfungspraxis im letzten Ausbildungsjahr negativ zu Buche schlägt, sowohl qualitativ als auch in Bezug auf die Rentabilität. Einige Betriebe investieren bis zu sechs Wochen für die Prüfungsvorbereitung. Und in den Unternehmen heißt es nicht selten: "Wir müssen zweimal ausbilden, einmal praktisch, damit aus Auszubildenden Fachkräfte werden, und einmal für die Prüfung, wo wir von außen irgendwelche abstrakten Aufgaben kriegen." Viele kleinere Betriebe schicken ihre Auszubildenden zur Prüfungsvorbereitung in größere Unternehmen und verteuern darüber ihre Ausbildung.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass vor allem das erste Ausbildungsjahr in großen Betrieben zu stark durch das lehrgangsförmige Lernen verschult ist. Das Lernen in Lehrwerkstätten galt viele Jahrzehnte als eine Form hochwertiger systematischer Ausbildung. Diese Sichtweise wurde durch die Berufsbildungsforschung gründlich widerlegt. Das Herzstück des beruflichen Lernens ist das Lernen in qualifizierenden Arbeitsprozessen. In dem Maße, in dem es gelingt, diese Einsicht in der Ausbildungspraxis umzusetzen, lässt sich auch die Qualität und die Rentabilität der Ausbildung verbessern. Mit dem von uns entwickelten Analyseinstrumentarium können die Betriebe nicht nur die Rentabilität ihrer Ausbildung untersuchen, sondern auch die Stärken und Schwächen der Ausbildung. Die Stellräder, an denen der Betrieb drehen muss, um Rentabilität und Qualität der Ausbildung zu verbessern, werden deutlich. Das sind Fehlentwicklungen, die sich abstellen lassen.

Es ist schon bedenklich, dass eine offizielle Studie zum zweiten Mal hintereinander angibt, in den Zahlen zu den Ausbildungskosten sei noch nicht einmal die Vergütung der Auszubildenden enthalten. Dies ist schlichtweg falsch.

Eine gute Ausbildung rechnet sich also für die Unternehmen. Mit welchen Argumenten überzeugen Sie Schüler, sich für eine Berufsausbildung zu entscheiden? Bereitet die Schule sie überhaupt ausreichend für eine Berufsentscheidung vor?

Prof. Felix Rauner: Wir haben ein gesellschaftliches Problem, weil sich das Milieu des Beschäftigungssystems unter den verschärften Bedingungen des internationalen Qualitätswettbewerbs und das schulische Milieu in Deutschland auseinandergelebt haben. Anders als in Finnland oder Schweden existiert bei uns keine Kultur, in der sich die Bildungseinrichtungen in der Mitte der Gesellschaft befinden und Lehrer zu einer der angesehensten Berufsgruppen gehören.

Mit einer solchen Bildungskultur kann es nicht gelingen, Wirtschaftsbetriebe und Schule zusammenzuführen, mit dem Ziel, Kindern die Arbeitswelt nahezu bringen und sie auf eine Berufsausbildung so vorzubereiten, dass sie ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechend sich zugleich an den Beschäftigungschancen der Region orientieren. Die Reformwerkstatt, die für das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium ein Reformkonzept für die berufliche Bildung entwickelt hat, hat in diesem Zusammenhang einen interessanten Vorschlag zur Gestaltung des Überganges von der Schule in die Berufsausbildung vorgelegt.

Das letzte Schuljahr der Sekundarstufe I soll danach zugleich das erste Jahr der Berufsbildung sein. In einer Art "Vorlehre" sollen die Schüler in dieser Zeit zwei Tage pro Woche mit ihrer betrieblichen Berufsausbildung beginnen. Die Schule hätte die Chance, diese Form der Berufsorientierung und der Berufsbildung zu begleiten. Die Lehrer würden sich dabei eine nach Berufsfeldern spezialisierte Kompetenz aneignen. Dies hätte einen Innovations-Schub zur Folge, der den Verlust von zwei Schultagen in der Woche für die Schule wieder ausgleicht, sodass dieses neue Übergangsmodell auch der Verbesserung der Schulabschlüsse zugute kommen würde.

Nach einem Jahr gäbe es nur Schüler, von denen die einzelnen Betriebe genau wüssten, wer für sie geeignet ist und wer nicht. Und die Schüler wüssten, ob der gewählte Beruf und Betrieb zu ihnen passen. Wenn wir annehmen, 80 Prozent passen zueinander – wahrscheinlich eine ziemlich realistische Zahl – würde die Abbrecherquote praktisch gegen null gehen. Darüber hinaus nähmen die Produktivität und Rentabilität der Ausbildung und die Kompetenz der Auszubildenden zu. Würde man diesen Rückenwind für Zusatzqualifikationen wie Hochschulreife, Meisterprüfung, Fremdsprachen nutzen, würden alle Beteiligten davon profitieren.

Auch die lernschwachen Schüler?

Prof. Felix Rauner: Natürlich. Gerade die lernschwachen Schüler schalten ja schon in der fünften und nicht erst in der siebten, achten oder neunten Klasse ab. Gerade die Jugendlichen, die die Schule nicht mögen, begreifen plötzlich, welche Chancen sie zwei Jahre später bekommen, dass es sich lohnt, Englisch, korrektes Schreiben oder Mathematik zu lernen. Aber diese Umgestaltung der Berufsorientierung in der Form eines dualen Übergangsjahres darf auf keinen Fall auf die Lernschwachen beschränkt bleiben, mit dem Ergebnis, dass nur sie in die Betriebe gehen. Dies würde dann zu einer Stigmatisierung der dualen Berufsausbildung beitragen.

Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Heranführung lernschwacher Schüler an die duale Ausbildung durch die Modularisierung der Berufsausbildung ein?

Prof. Felix Rauner: Module haben mit dem Hineinwachsen in den Beruf als einem kontinuierlichen Qualifizierungsprozess wenig zu tun. Module sind lediglich abstrakte Bestandteile einer Ausbildung. Sie können bei der Vermittlung schulischer Stoffe hilfreich sein. Im praktischen Teil einer Ausbildung sind Module aber zutiefst unverträglich mit der beruflichen Sozialisation.

Aber nehmen Sie den Aspekt Teilqualifikationen: Jugendliche, die eine Lehre abbrechen, haben nichts in der Hand. Die Modularisierung könnte ihnen wenigstens die Chance auf eine Teilqualifikation eröffnen.

Prof. Felix Rauner: Das verstehe ich. Aber um die generelle Problematik, die eine Modularisierung der praktischen Berufsausbildung mit sich bringen würde, zu begreifen, muss man sich vor Augen halten, dass es sich hierbei um ein aus den angelsächsischen Ländern importiertes Konzept handelt, an der Stelle geregelter Berufsbildungssysteme modularisierte Zertifizierungssysteme einzuführen. Man muss daher aufpassen, dass man nicht unbedacht mit dem Begriff der Modularisierung angelsächsischen Traditionen das Wort redet.

Die Briten haben die strukturierten Berufsbildungssysteme abgeschafft und bereuen dies mittlerweile. Ich habe auch den Verdacht, dass viele, die den Begriff Modularisierung verwenden, ihn nicht richtig verstanden haben. Viele Berufspädagogen sprechen in diesem Zusammenhang statt von der dualen beruflichen Bildung vom dualen Prinzip und meinen damit die Kombination von fachtheoretischem Unterricht mit handlungsorientierten Lernformen. Handlungsorientiertes Lernen muss danach nicht im Arbeitsprozess stattfinden, sondern kann auch in Übungsbüros, Lehrwerkstätten und anderen außerbetrieblichen Bildungseinrichtungen lehrgangsförmig organisiert werden. Gelegentlich wird sogar auf die Überlegenheit des praktisch-systematischen Lernens in Bildungszentren verwiesen. Hier liegt aus meiner Sicht ein grobes Missverständnis vor. Denn duale Berufsausbildung bedeutet vor allem die Unterstützung des Hineinwachsens in den Beruf. Und dies wiederum ist nun einmal unabdingbar verbunden mit dem Unternehmen und den Prozessen der betrieblichen Organisationsentwicklung, an denen der Auszubildende teilnimmt. Wenn Sie den Begriff des Moduls als didaktisch-methodisches Instrument begreifen, um Ausbildungsinhalte z. B. in der Form von Projekten zu vermitteln, dann ist gegen den Begriff der Modularisierung nichts einzuwenden. Aber sowie Sie in das Fahrwasser seiner Entstehung kommen: die Einführung modularer Zertifizierungssysteme und die damit einhergehende Abstraktifizierung der Ausbildungsinhalte, dann wird es problematisch.

Aber welche Instrumente helfen dieser Gruppe dann?

Prof. Felix Rauner: Die Grundeinsicht ist relativ einfach: Alle Maßnahmen, die wir in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren entwickelt haben, um an der ersten Schwelle das Übergangsproblem zu lösen, waren stufenbezogen. Entweder wurde die Schulzeit verlängert, wurden zusätzliche Maßnahmen mit dem Ergebnis eingerichtet oder vorgeschaltet, dass diese Schleifen einen Zeitraum von drei Jahren erreichen und das mittlere Ausbildungsalter mittlerweile 20 Jahre beträgt. Drei Jahre lang investieren wir erhebliche Ressourcen in ein Maßnahmensystem, neue Schulformen eingeschlossen, und stabilisieren dadurch eher eine dramatische Fehlentwicklung.

Wenn wir zugrunde legen, dass dadurch 1,6 Millionen Jugendliche drei Jahre zu spät in die Ausbildung kommen, kosten uns diese Maßnahmenschleifen Unsummen: 16 Milliarden Euro, wobei der Verlust an Einzahlungen in die sozialen Sicherungssysteme noch nicht eingerechnet ist. Ich weiß natürlich, dass auch Maßnahmen gut funktionieren können – in der Summe stellen sie aber eine Fehlentwicklung dar. Man kann so das Übergangsproblem nicht lösen. Es bedarf einer neuen stufenübergreifenden Bildungsstruktur. Nur dann kann die Risikogruppe, nach PISA etwa 22 Prozent, nachhaltig abgesenkt werden auf ein Niveau anderer OECD-Länder, in denen diese Gruppe deutlich unter zehn Prozent ausmacht.

Landesarbeitsmarktpolitik muss aber auch kurzfristig reagieren können.

Prof. Felix Rauner: Das ist völlig richtig. Diese kurzfristigen Reaktionen dürfen aber kein Ersatz sein für eine Bildungspolitik, die auf die Strukturentwicklung zielt. Ein nachahmenswertes Beispiel ist die Schweiz. Dort wurde 1999 die Verfassung geändert. In der föderalen dreisprachigen Schweiz mit ihren mehr als 20 Kantonen wurde dem Bund die alleinige Kompetenz für die berufliche Bildung mit all ihren Teilsystemen zugeordnet. Und gleichzeitig wurden die regionalen und lokalen Gestaltungsspielräume erweitert. Von diesem Reformprojekt kann Deutschland sehr viel lernen.

Das Interview ist erschienen im G.I.B.-Info 3/2008
Erstveröffentlichung und alle Rechte: Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH (G.I.B.)

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