Studie "Gewalt im Web 2.0": massive Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche
Lehrer sollten Erfahrungswelten der Kinder besser kennen
Mehr zu: Gesundheit, Jugendschutz, Killerspiele, Medienkompetenz, Werteerziehung, Sonderthemen, Schule(redaktion/pm) Durch das Web 2.0 sehen sich Kinder und Jugendliche mehr denn je mit den grausamsten Formen fiktionaler und realer Gewalt konfrontiert. Prof. Dr. Petra Grimm, Dekanin der Fakultät Electronic Media an der Hochschule der Medien Stuttgart, hat jetzt erstmals vertiefende Befunde zu dem Thema in ihrer Studie "Gewalt im Web 2.0" vorgelegt. Die Hauptergebnisse der im Auftrag von sechs Landesmedienanstalten erstellten, repräsentativen Forschungsarbeit wurden jetzt auf den Münchner Medientagen erstmals vorgestellt und diskutiert.
Wie präsent das Thema Internet-Gewalt ist, belegen die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der Studie. "Ein Viertel der 12- bis 19-Jährigen, die das Internet nutzen, hat schon einmal Gewalt im Netz gesehen", so Frau Grimm. Von den Eltern würde der Internet-Konsum – sowohl hinsichtlich der Inhalte als auch der Dauer – nie oder nur selten beaufsichtigt. "In Gruppeninterviews berichteten uns User von starken emotionalen Reaktionen wie Ekel, Schock und Angst, sowie teilweise auch von Albträumen und länger anhaltenden körperlichen Reaktionen wie Übelkeit oder Herpes", sagte die Dekanin. Anhand eindrücklicher Auszüge aus den Interviews verdeutlichte sie die massiven Wirkungen, aber auch Verarbeitungs- und Bewertungsversuche der Kinder und Jugendlichen.
"Wir hatten früher vielleicht vor Aktenzeichen XY Angst – das kann man nicht mit den extremen Formen von Gewalt vergleichen, denen Kinder und Jugendliche heute im Web 2.0 begegnen können", fasste sie zusammen; eine Pionierarbeit zum Thema Gewaltforschung, die im Anschluss an die Präsentation für viel Diskussionspotenzial sorgte. "Jugendliche wollen über solche Erfahrungen sprechen, wir als Pädagogen müssen ihnen die Räume dafür geben", forderte Günther Anfang, Leiter des Medienzentrums München (MZM). In dieser Hinsicht gebe es enormen "Nachholbedarf, aber auch schon erste Aktionen, beispielsweise die Web 2.0-Werkstätten in Kooperation mit der BLM".
Auf ein Problem wies in diesem Zusammenhang Thomas Schmidt, der Geschäftsführer von Helliwood Media & Education hin. Seine Agentur stellt Unterrichtsmaterial zum Umgang mit Medien her. "Lehrer weigern sich, solche Gewaltdarstellungen zu sehen. Deshalb sind sie hocherfreut über Filtersysteme. Aber so funktioniert das nicht. Lehrer brauchen eine Chance, diese Erfahrungswelt kennen zu lernen", meinte Schmidt.
Die wichtige Rolle der Eltern thematisierte Julia Burst, die Leiterin der Jugendrehabilitation der Nachsorgeklinik Tannheim. "Wenn Kinder schon ganz früh Werte vermittelt bekommen, kann sie das später auch durch schwierige Auseinandersetzungen – wie die mit Internet-Gewalt – tragen."
Petra Meier, die stellvertretende Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) und stellvertretendes Mitglied der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), betonte die Möglichkeiten und Erfolge des Jugendschutzes: "Wenn die Bundesprüfstelle beispielsweise ein unzulässiges – weil extrem gewalthaltiges Internetangebot – indiziert, kann die KJM im Anschluss daran ein Aufsichtsverfahren gegen den Anbieter einleiten."
Dr. Erich Jooß, Direktor des Sankt Michaelsbundes Landesverband Bayern und Vorsitzender des BLM-Medienrates, der durch die Diskussion führte, formulierte sein Fazit der Veranstaltung so: "Die Studie ´Gewalt im Web 2.0´ zeigt auf, dass Kinder und Jugendliche im Internet auch albtraumhafte Schätze entdecken können. Deshalb müssen alle Verantwortlichen von Seiten der Anbieter, der Aufsicht, der Selbstkontroll-Einrichtungen und der Medienpädagogik zusammen helfen, Kinder und Jugendliche soweit wie möglich davor zu schützen, beziehungsweise Verarbeitungsmöglichkeiten aufzuzeigen."
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