(redaktion) Während die Hannoversche Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann der Sendung Supernanny Positives abgewinnen konnte, weil sie immerhin ein Bewusstsein für die Herausforderungen der Erziehung erzeuge, setzte Dr. Bernhard Bueb, Autor und ehemaliger Leiter der Schule Schloss Salem, auf den Königsweg des Spielens. Und während die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer die Leistungen der Lehrer hervorhob, plädierte der Direktor des Deutschen Jugendinstituts, Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, für Gruppenarbeit, bei der alle an Bildung und Erziehung beteiligten Akteure zusammen und nicht neben- oder gar gegeneinander arbeiten. Die Redner des diesjährigen Paderborner Podiums suchten gestern im Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) Antworten auf die Frage: Familie, Staat, Medien - Wer erzieht unsere Kinder? Moderiert wurde die Veranstaltung von Sandra Maischberger.
Mehr als 600 Gäste waren der Einladung ins ostwestfälische Paderborn gefolgt, und konnten einer Vielzahl von Interpretationen zu dieser Fragestellung lauschen. So argumentierte die Landesbischöfin: "Kinder brauchen Religion". Schließlich sei es die christliche Erziehung, die Kindern Orientierung gebe und sie mit eigenem Urteilsvermögen ausstatte. Ihre Erklärung: "Wenn Sie mich nach der Herausforderung der Erziehung fragen, so ist für mich die Beheimatung in der christlichen Tradition, der entscheidende Gedanke der Freiheit und das daraus resultierende Verantwortungsbewusstsein von elementarer Bedeutung."
Bernhard Bueb hingegen thematisierte – ganz erwartungsgemäß - die Disziplin, allerdings in Verbindung mit Glück. "Viele Menschen", so Bueb, "verstehen unter Glück eine Animation von außen: Vor dem Fernsehen zu sitzen, Alkohol zu trinken, zu rauchen oder Drogen zu nehmen." Glück in unserer Kultur werde aber traditionell anders verstanden. Als Folge einer Anstrengung: Einen Berg bestiegen zu haben, löse Glücksgefühle aus, oder vor einem Publikum ein Musikstück exzellent vorgetragen zu haben, das mache glücklich. Wer diese Glückserlebnisse in der Folge von Anstrengung in frühen Jahren nicht erfahre, der werde auch den Nutzen von Disziplin nicht erkennen.
Die Frage "Wer erzieht unsere Kinder?" konnte Thomas Rauschenbach schließlich eindeutiger beantworten: Zu faktisch bedeutsamen Akteuren, zu stillen Miterziehern, seien längst die Gleichaltrigen in der Clipue und die Medien geworden. Sie prägen und beeinflussen – positiv wie negativ – das Denken und Handeln, die Werte und Normen, das Verhalten und die Einstellungen von Heranwachsenden zum Teil sehr erheblich.
Trotz so unterschiedlicher Ansätze waren sich die Referenten in der anschließenden Diskussion in dem Punkt einig, dass Ganztagsschulen sich durchsetzen sollten als Orte für Bildung, Erziehung, die sich außerdem den Familien öffnen müssten. Nicht alle mochten aber uneingeschränkt der Forderung von Bueb nach einer flächendeckenden verpflichtenden Ganztagsschule folgen.
Während Schulministerin Sommer möglichen Widerstand der Eltern befürchtete, sorgte sich der Direktor des Jugendinstituts um die Qualität des Angebots. Die Ganztagsschule, so Rauschenbach, müsse erst bestimmte Rahmenbedingungen erfüllen, bevor man ernsthaft darüber nachdenken könne, sie zum Regelangebot zu machen. "Wo Ganztagsschule draufsteht, muss auch Ganztagsschule drin sein."
"Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen", dieses afrikanische Sprichwort hatte Margot Käßmann in ihrer Rede zitiert. Auf das erziehende Dorf kam Rauschenbach schließlich am Ende der Veranstaltung in abgewandelter Form zurück und empfahl eine Kommunalisierung der Schule. Schule müsse eine Angelegenheit der Menschen vor Ort werden, so wie es auch die Jugendhilfe oder die Kindergärten seien. Und schließlich, so Rauschenbach, müsse auch der Erziehungsauftrag erweitert werden von der Familie auf öffentliche Bildungspartner. Die private Verantwortung der Familie müsse um eine öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen ergänzt werden.