(redaktion/PM) Viele Industrieländer vergeben nach Einschätzung von UNICEF die Chance, allen Kindern von klein auf die bestmögliche Förderung zu ermöglichen. Dies ist das Ergebnis der ersten internationalen Vergleichsstudie von UNICEF zu Kindern in Kindergärten und anderen Kindertageseinrichtungen in 25 Industrieländern. Demnach erfüllt nur Schweden, als einziges von 25 untersuchten Industrieländern, alle zehn von UNICEF formulierten Mindeststandards für die jüngsten Kinder. Deutschland erreicht auch nach Einführung des Elterngeldes lediglich maximal fünf der Kriterien und ist damit erneut nur Mittelmaß im Vergleich von 25 Ländern.
In den OECD-Ländern werden heute über 80 Prozent der drei bis 6-Jährigen täglich viele Stunden außerhalb der Familie betreut. Gleichzeitig steigt der Anteil der unter 3-Jährigen in Einrichtungen kontinuierlich.
Ergänzt wird der internationale Vergleich durch eine Untersuchung von Professor Dr. C. Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zur Nutzung und Finanzierung von Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Diese weist erhebliche regionale und soziale Unterschiede beim Zugang und der Nutzung von Kindertageseinrichtungen nach. Neben der bekannten unzureichenden Angebotsstruktur für unter 3-Jährige - vor allem in Westdeutschland - zeigt sich, dass Kinder aus benachteiligten Familien deutlich seltener solche Einrichtungen besuchen. Gerade diese Kinder würden aber am meisten davon profitieren.
UNICEF fordert deshalb verstärkte Anstrengungen, um alle zehn Mindeststandards zu erreichen. Alle Kinder in Deutschland müssen die Möglichkeit erhalten, die einmaligen Entwicklungschancen der ersten Lebensjahre zu nutzen. Dem quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung muss eine qualitative Weiterentwicklung entsprechen, die den Bedürfnissen und den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder gerecht wird.
"Es gibt Fortschritte bei der frühkindlichen Förderung in Deutschland. Doch es müssen weiter massive Anstrengungen unternommen werden, um allen Kindern gleichwertige Bildungs- und Förderchancen anzubieten. Das heißt auch, dass mehr Ressourcen in diesen Bereich fließen müssen und zwar zielgerichtet", sagte Prof. Dr. C. Katharina Spieß vom DIW Berlin.
"Wenn es nicht gelingt, auch benachteiligten Kindern den Zugang zu qualitativ hochwertigen Förder- und Betreuungsangeboten von klein an zu ermöglichen, werden diese schon vor der Einschulung abgehängt", sagte Professor Dr. Lothar Krappmann, Mitglied im UN-Komitee für die Rechte des Kindes und im Deutschen Komitee für UNICEF.
"Gute Kindergärten und Krippen können entscheidend zur sozialen, emotionalen, sprachlichen und kognitiven Entwicklung der Kinder beitragen. Hier können soziale Benachteiligungen gemildert und die Basis für späteres schulisches Lernen gelegt werden. Die vorgeschlagenen zehn Kriterien sind ein erster Schritt, um angemessene Mindeststandards für eine qualitativ gute Förderung und Betreuung zu schaffen", sagte der Autor der Studie Peter Adamson vom UNICEF-Forschungsinstitut "Innocenti".
Eine hochwertige frühkindliche Betreuung und Förderung ist kein "Produkt", das sich leicht quantifizieren lässt. Ein internationales Team des UNICEF-Forschungsinstituts hat deshalb zehn Mindestkriterien aus der Perspektive der Kinder erarbeitet. Vor dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften fragen die Wissenschaftler, ob und wie die Länder Voraussetzungen geschaffen haben, um die besonderen Chancen der frühen Lebensjahre für die Kinder zu nutzen.
Zu den Kriterien zählen unter anderem
Im internationalen Vergleich liegen nach Schweden vor allem die anderen skandinavischen Länder sowie Frankreich mit neun bzw. acht erfüllten Kriterien vorn. Diese Länder stellen auch alle mindestens ein Prozent des Bruttonationaleinkommens für die frühkindliche Betreuung und Förderung bereit. Zum Vergleich: Deutschland gab bislang hierfür 0,4 Prozent aus, wird diese Mittel aber erhöhen. Schlusslichter im internationalen Gesamtranking sind Irland, Kanada (1) Australien (2), die USA, die Schweiz, Spanien und Mexiko mit lediglich drei erfüllten Kriterien.
Die Staaten der europäischen Union, darunter auch Deutschland, haben sich das Ziel gesetzt, bis 2013 für 33 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze anzubieten. Doch hiervon sind die meisten noch weit entfernt. In Deutschland hat gegenwärtig etwa jedes zehnte Kind unter drei Jahren einen Platz in einer Kindertageseinrichtung, wobei der Anteil in Ostdeutschland deutlich höher liegt.
Wichtige Kriterien für die Qualität der Betreuung und Förderung sind der Ausbildungsstand und Status der Mitarbeiter, die Bezahlung und der Personalschlüssel. Insbesondere was Ausbildung und Bezahlung angeht, gibt es in Deutschland zwar Bemühungen den Status von Fachkräften in diesem Bereich anzuheben. Eine umfassende Politik für einheitliche Qualitätsstandards ist aber noch nicht zu erkennen.
Mit der Einführung des zwölf bzw. 14-monatigen Elterngeldes erfüllt Deutschland jetzt zusammen mit sechs anderen Industrieländern ein sehr wichtiges Kriterium. Denn für die Entwicklung der Kinder ist eine enge Beziehung zu den Eltern im ersten Lebensjahr besonders wichtig. Die Autoren der Studie vertreten die Auffassung, dass, von Ausnahmen abgesehen, in der Regel eine Betreuung in einer Einrichtung erst ab einem Jahr im Interesse des Kindes ist - vorausgesetzt diese kann die Bedürfnisse der jungen Kinder nach einer liebevollen, sicheren, stabilen und stimulierenden Umgebung erfüllen.
Das verfügbare Einkommen der Familien ist ein entscheidender Faktor für kindliches Wohlbefinden. Doch nur zehn der 25 Industrieländer gelingt es, die Kinderarmutsrate auf unter zehn Prozent zu senken. In Deutschland stehen sogar 15 Prozent der Kinder weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens (Median) zur Verfügung.