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Wunschzettel

Von Ulrich Herrmann

Mehr zu: Schulstruktur, Schulträger, Schule
23.12.2008 -

Vorweihnachtszeit – Zeit für Wünsche. Lehrer/innen sollten ihren Kultusminister/innen einen Wunschzettel zuschicken: "Was ich mir von Ihnen wünsche".

Man soll nichts (finanziell) Unmögliches wünschen, und außerdem gibt es Wünsche, deren Erfüllung jedenfalls kein Geld kostet, vielleicht eine gewisse innere Überwindung, aber solche Geschenke würden in diesem Fall ja besondere Freude auslösen.

Der Wunschzettel könnte folgende Positionen enthalten:

  • Bitte verzichten Sie auf "Reformen". Wir hatten genug Unruhe und Leerlauf, und wir können nur das, was wir können. Alle Studien belegen, dass wir in den Grundschulen gute Arbeit leisten. Wir brauchen keine "Reformen", sondern Unterstützung.
  • Bitte genehmigen Sie unsere Anregungen und Anträge. Schauen Sie nur darauf, dass der Antrag pädagogisch gut begründet ist und (falls nötig) von Eltern und vom Schulträger unterstützt wird. Bitte fragen Sie nicht, ob das Beantragte mit irgendwelchen Vorschriften kollidiert (die können Sie ja rasch ändern lassen!) oder (partei-)politisch "gewünscht" oder "unerwünscht" ist: Bitte denken Sie immer dran, dass ja nicht Sie, sondern wir, die Schüler und die Eltern die Alltagsfolgen ihrer "Wünsche" ausbaden müssen!
  • Bitte geben Sie den Beamten jede Woche einen halben Tag, um weniger Papier zu bearbeiten und stattdessen mehr eigene Erfahrungen im Schulalltag zu sammeln. Sie sitzen zu viel in ihren Amtsstuben und sind zu wenig im Außendienst in den Schulen.
  • Bitte setzen Sie umgehend alle Vorschriften außer Kraft, die Schüler/innen aufgrund ihrer individuellen Besonderheiten benachteiligen. Kein Kind hat seine Schwächen zu vertreten, und wenn man es dafür auch noch abstraft, kann es nicht auf seine Weise erfolgreich werden.
  • Bitte schicken Sie Viertklässler in die ersten Klassen der weiterführenden Schulen, damit sie dort den Lehrkräften zeigen, wie Kinder lernen.
  • Bitte treten Sie für "Länger gemeinsam lernen" ein, damit wir in den Klassen 3 und 4 aus dem zerstörerischen Druck bezüglich der Empfehlungen für die weiterführenden Schulen herauskommen.
  • Bitte führen Sie ein Arbeitstagebuch. Notieren Sie, was Sie heute getan haben, was für uns im Alltag hilfreich ist. Und fragen sich dann auch von Zeit zu Zeit, was in Ihrem Amtsbereich eigentlich los ist, wenn das Arbeitstagebuch keine positive Bilanz zeigt.
  • Bitte gehen Sie immer wieder auf Fortbildungen mit dem Schwerpunkt "Unterrichtsqualität durch Innere Differenzierung"? Sie haben bisher keine gefunden? Wir auch nicht. Auch da könnten Sie etwas anstoßen!
  • Bitte laden Sie regelmäßig zu lokalen/regionale Lehrerkonferenzen ein. Wir möchten Ihnen aus erster Hand berichten, was aus unserer Sicht auf die pädagogische und schulpolitische Agenda gehört. Oder wollen Sie gar kein aktives Personal? Besinnliche Feiertage und ein gutes Neues Jahr!

Erschienen in Grundschule /Westermann Heft 12/2008 zum Themenschwerpunkt: Denk mal! Philosophieren mit Kindern als Unterrichtsprinzip

Zur Person

Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Sascha Arndt, am 26.12.2008, 19:20

Sehr schöne Wünsche, doch letztlich steht und fällt die praktische Arbeit mit der Gruppengröße bzw. der Schülerzahl pro Lehrkraft. Da ich leider nicht sehe, dass sich politisch ein Einsatz in Richtung sinnvolle Klassengröße (, die ich zwischen 10 und 15 Schülern ansetze) bildet, wünsche ich mir die möglichst frühzeitige Aufgliederung der Schüler in verschiedene Schulsysteme - nicht erst nach vier Jahren Grundschulzeit, sondern schon nach zwei.

Die Zeit, die in der Grundschule für soziale Probleme und genauso mit dem immerwährenden Abholen der schwächeren Schüler eingesetzt wird, kann nur selten in einer inneren Differenzierung "aufgelöst" werden. Meiner Meinung nach könnte man die Inhalte der Grundschule mit einer entsprechenden Struktur leicht auf drei Jahre, evtl. sogar auf zwei Jahre verkürzen - und dafür dann lieber die weiterführende Schulzeit mit dem Abitur wieder auf "G9 oder G10" verlängern.

Das wäre weniger Stress für alle Beteiligten und besser als die derzeitige Situation. Aber wie schon gesagt: Bitte macht die Klassen kleiner und gebt uns mehr Lehrer in die Schulen, das ist der wichtigste Punkt der Bildungsdebatte !!!


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