"Je früher die Sprachförderung einsetzt, desto besser die Chancen"
Interview mit Prof. Dr. Lilian Fried von der Universität Dortmund
Mehr zu: Bildungsgipfel, Bildungsmessen, Deutschland, didacta - die Bildungsmesse, Frühe Förderung, Interviews, KITA, Sprachentwicklung, Sprachförderung, Sprachstand, Weiterbildung, Kindergarten / VorschuleSeit der ersten PISA-Studie steht ein Thema ganz oben auf der Prioritätenliste der Bildungspolitik: die frühe Sprachförderung. Seither wurden in den einzelnen Bundesländern zahlreiche Maßnahmen und Projekte zur Sprachstandsmessung und anschließenden Sprachförderung gestartet. 2005 hat die Kultusministerkonferenz die Sprachförderung im vorschulischen Bereich sogar als gemeinsames Ländervorhaben postuliert. Wie ist es unterdessen um die Sprachtests und vor allen Dingen um die Förderung bestellt? Das wollten wir von Prof. Dr. Lilian Fried wissen. Sie lehrt Pädagogik der Frühen Kindheit an der Universität Dortmund und hat dort zusammen mit einem Team den Sprachtest Delfin entwickelt, mit dem seit März 2007 der Sprachstand aller vierjährigen Kinder in Nordrhein-Westfalen gemessen wird.
Frau Professor Fried, 2007 war in Nordrhein-Westfalen bei rund 30 500 von insgesamt 178 000 Kindern ein zusätzlicher Sprachförderbedarf festgestellt worden. 2008 wurde 37 000 von rund 160 000 Kindern ein zusätzlicher pädagogischer Sprachförderbedarf attestiert. Haben Sie diese Zahlen überrascht?
Lilian Fried: Nein. Diese Prozentanteile entsprechen denen, die in anderen Ländern oder anderen Untersuchungen ermittelt wurden. Vorausgesetzt, es wurde ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren eingesetzt. In den Fällen stellte sich jeweils heraus, dass zwischen 15 und 25 Prozent der Kinder eine zusätzliche Sprachförderung brauchen.
Sprachtests und Sprachförderung sind von Bundesland zu Bundesland verschieden. So werden in Bremen etwa erst die Fünfjährigen getestet, und in Niedersachsen setzt man bei der Sprachförderung im Kindergarten verstärkt auf den Einsatz von Computer und Lernsoftware. Welcher Testzeitpunkt und welche Förderung sind Ihrer Meinung nach die besten?
Lilian Fried: Hier sind sich die Experten einig: Je früher die Sprachförderung einsetzt, desto besser die Chancen, Entwicklungsverzögerungen wirksam auszugleichen; einfach weil eine länger dauernde Förderung eine intensivere Wirkung entfalten kann, als eine kurze "Hauruck-Förderung". Auch kann man, wenn mehr Zeit gegeben ist, genauer verfolgen, welche Probleme relativ rasch überwunden werden und welche trotz vieler Fördermaßnahmen hartnäckig bestehen bleiben. Das kann ein Hinweis sein, dass eine Sprachstörung vorliegt. In diesen Fällen sollte die Erzieherin in Absprache mit den Eltern Kontakt mit Experten aufnehmen. Welche Förderung die beste ist? Aus der Perspektive einer Wissenschaftlerin ist das diejenige Förderung, von der Forschungen sagen, dass sie tatsächlich wirkt. Das ist nämlich keineswegs selbstverständlich. So zeigen die Ergebnisse von Untersuchungen, dass manche Maßnahmen den Kindern keinen Gewinn bringen, sie bewirken nichts. Die Untersuchungen von Kolleginnen und Kollegen in Heidelberg haben das überraschende Ergebnis gebracht, dass sich unterschiedliche Programme in ihrer Wirkung nicht unterschieden haben; und dass mit diesen Programmen keine substanzielle Annäherung der zusätzlich geförderten Kinder an die anderen Kinder erreicht werden konnte. Sprachförderansätze sollten deshalb immer am Forschungsstand ausgerichtet sein. Deshalb haben wir auch bei den Sprachförderorientierungen zu Delfin 4 besonders diejenigen Spiele, Übungen, Strategien und Methoden empfohlen, für die das zutrifft.
Sind Sie mit dem zufrieden, was die Bundesländer in Sachen Sprachförderung leisten?
Lilian Fried: Diesbezüglich ist die Situation nicht sehr übersichtlich. Bei einigen Ländern ist nicht ersichtlich, wie die Erzieherinnen mit Testergebnissen umgehen sollen. Bei anderen werden zwar Anregungen gegeben, woran sich die Sprachförderung orientieren sollte. Aber viele Ansätze sind nicht oder nicht konsequent genug an den wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet. Nicht selten wird einfach das, was man schon immer gemacht hat, einfach zusammengetragen, ohne dass man hinterfragt, ob es sich in der Vergangenheit auch hinreichend bewährt hat. Außerdem wissen wir nicht, wie genau die vorhandenen Anregungen von den Erzieherinnen umgesetzt werden. Aber genau davon hängt der Erfolg ab; denn nicht das Programm macht die Wirkung, sondern die Art und Weise, wie es im Alltag in konkrete Maßnahmen "übersetzt" wird.
Gibt es bereits Untersuchungen über den Erfolg der Förderprogramme?
Lilian Fried: Bei uns in Deutschland gibt es nur wenige Wirksamkeitsstudien. Und die beziehen sich auf feste Programme zur Förderung der Phonembewusstheit bzw. des Wortschatzes und der Begriffsbildung. Allerdings wird dort nur festgestellt, wie weit das Programm die versprochene Wirkung hervorruft, wenn es ganz genau so umgesetzt wird wie vorgegeben. In diesen Fällen konnten auch Wirkungen nachgewiesen werden. Das Problem ist nur: Im Alltag werden die Programme kaum eins zu eins übertragen. Sie müssen ja in den Alltag, in die sonstigen Angebote integriert werden. Und dann – so zeigen andere Forschungen – kann es sein, dass die Wirkung ausbleibt. Um zu vermeiden, dass wir uns bemühen, ohne Erfolg zu haben, muss mehr Wirksamkeitsforschung betrieben werden, die klärt, welche Rahmenbedingungen, Methoden usw. letztlich über die Wirkung entscheiden. Hier sind internationale Untersuchungen hilfreich, welche die Wirksamkeit verschiedener Methoden vergleichen. Dort hat sich unter anderem gezeigt, dass bei der Wortschatzförderung andere Methoden wirksam sind als bei der Grammatikförderung usw. Hier wird deutlich, dass es bei der Sprachförderung wichtiger sein kann, vielfältige Methoden oder Strategien zu kennen und anzuwenden, als Programme einzusetzen.
Wo sollte Ihrer Meinung nach noch der Hebel angesetzt werden: bei der Qualifikation der Erzieherinnen, der Aufklärung und Unterstützung der Eltern oder einer verstärkten Förderung in der Grundschule?
Lilian Fried: Es muss an all diesen Hebeln angesetzt werden. So zeigt die Forschung, dass die Wirkung von Sprachförderung bedeutend intensiver und anhaltender ist, wenn es gelingt, die Eltern zu beteiligen; zum Beispiel indem diese parallel zu Hause ähnliche Spiele und Übungen durchführen oder hilfreiche Techniken der Gesprächsführung anwenden. Das muss durch Erzieherinnen eingeleitet und unterstützt werden. Was diesen eine hohe Professionalität abverlangt. Deshalb geht es langfristig nicht ohne Qualifizierungsmaßnahmen, in deren Verlauf Erzieherinnen ihre Sprachförderkompetenz ausbauen können. Denn die Sprachförderkompetenz der Erzieherin ist letztlich entscheidendster Garant jeder Sprachfördermaßnahme. Und natürlich darf Sprachförderung nicht mit Schulbeginn aufhören. Schließlich ist der Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung und Bildung so eng, dass auch Grundschule darauf bedacht sein muss, dem durch weiterführende Angebote Rechnung zu tragen.
Dazu auf der didacta
Sprachförderung, Sprachkompetenz und Sprachstandsmessungen sind auch in diesem Jahr wieder zentrale Themen während der KiGA-Seminare auf der didacta.
So referiert Professor Dr. Lilian Fried am Mittwoch, 11. Februar, von 13 bis 14.30 Uhr zum Thema "Sprachkompetenz von ErzieherInnen".
Um Sprachstandsdiagnostik geht es in einem Vortrag am Donnerstag, 12. Februar, von 13 bis 14 Uhr.
"Und dann... – Sprachliche Fähigkeiten entdecken, stärken und vermitteln" lautet das Referat von Yvonne Wagner am Freitag, 13.Februar, von 10.30 bis 11.45 Uhr und von 13 bis 14.15 Uhr.
Über "Sprachbildung und Sprachförderung mit Kindern von 0 bis 10 Jahren" referiert Dr. Anna Winner am Freitag; 13. Februar, von 10.30 bis 11.45 Uhr und von 14.30 bis 16.30 Uhr.
Über "Sprachstandsdiagnostik - Welche Verfahren sind in der KiTa-Praxis anwendbar?" informiert Edgardis Garlin am Freitag, 13. Februar, von 13 bis 14.15 Uhr und gemeinsam mit Iris Wolf zum Thema "Spachdiagnostik in der KiTa-Praxis - Welche Bilderbücher sind einsetzbar?" von 14.30 bis 16.30 Uhr. Die KiGA-Seminare 2009 finden im Convention Center (CC) statt.
didacta 2009 in Hannover – Bildungsgipfel im Flachland
Vom 10. bis 14. Februar 2009 findet zum zehnten Mal die "didacta - die Bildungsmesse" statt. Sie ist die zugleich die größte zentrale Weiterbildungsveranstaltung für Lehrer, Erzieherinnen, Ausbilder und Weiterbildner und deckt alle Bildungsbereiche ab. Die Aussteller warten mit neusten Lernmaterialien, Lernkonzepten und Lernumgebungen auf, in den Foren wird der Fokus auf aktuelle Entwicklungen und Visionen, aber auch auf strittige Themen, gelegt. Für Journalisten bietet die didacta die einmalige Chance, mit den führenden Bildungsexperten aus Wissenschaft, Praxis, Wirtschaft und Politik ins Gespräch zu kommen.
Mit den drei Ausgaben des didacta Themendiensts werden die Medien über die neuesten Themen und Entwicklungen rund um die didacta 2009 in Hannover informiert. Selbstverständlich können alle Texte kostenfrei für die Berichterstattung genutzt werden. Die letzte Ausgabe des didacta Themendienstes erscheint am 31. Januar 2009 – dann auch als Printversion.
- Der komplette Themendienst 2 zur didacta 2009
- Der komplette Themendienst 1 zur didacta 2009
- didacta 2009 - die Bildungsmesse vom 10. bis 14. Februar 2009 in Hannover
Delfin 4 geht ja grundsätzlich in die richtige Richtung, die Umsetzung lässt aber zu wünschen übrig. Die Kinder werden im Kindergarten in eine Art Prüfungssituation versetzt, denn Delfin 4 wird nicht von den Erzieherinnen durchgeführt, sondern von einer externen Kraft, oft einem Grundschullehrer. In dieser für das Kind ungewohnten Situation kommt es oft vor, dass gegenüber der fremden Person einfach gar nichts gesagt wird. Anschließend stellt dann der Pädagoge fest, dass gem. Delfin 4 akuter Handlungsbedarf besteht. Ein ansonsten wortgewandtes Kind muss also zusätzliche Sprachförderung erhalten, weil es in einer Prüfungssituation zu schüchtern war und der fremden Person keine Antwort geben wollte! Einzelfall? Nein - bei weitem nicht, wie die Praxis immer wieder beweist. Hier werden Fördergelder zum Fenster raus geworfen.
Delfin bedarf einer dringenden Überarbeitung, dabei sollten zuerst einmal für das Kind vertraute Personen den Test durchführen. Eine grundsätzlich eher zurückhaltende Position gegenüber fremden Menschen sollte in diesem Alter durchaus legitim sein und deutet in keinster Weise auf Sprachförderbedarf hin.
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