Mediadaten | Impressum | Feedback | RSS | Mobil | Newsletter
Letzte Änderung: 08.02.2012, 17:28
  • Delicious_bw
  • Studivz_bw
  • Facebook_bw
  • Twitter_bw
  • Drucken_bw
  • Email_go_bw
Artikel | Bilder

Das dringlichste Problem sind die Risikoschüler

Interview mit Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth

Mehr zu: Bildungsbericht, Bildungschancen, Bildungsgerechtigkeit, Bildungsgipfel, Bildungsmessen, didacta - die Bildungsmesse, Hauptschule, Interviews, PISA (Studie), Sprachförderung, Weiterbildung, Schule
02.02.2009 -

Nach der letzten PISA-Studie wurde das leicht verbesserte Abschneiden der deutschen Schüler in den Naturwissenschaften beinahe euphorisch gefeiert. Andererseits ist der Anteil der 15-Jährigen, die als so genannte Risikoschüler bezeichnet werden, seit Beginn der PISA-Erhebung 2000 konstant bei mehr als 20 Prozent eines Altersjahrgangs geblieben. Eine Tatsache, die bei aller Euphorie offensichtlich gern vergessen wird. Warum? Das wollte die Redaktion von Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth wissen. Tenorth ist Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied des Vorstands des "Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen" (IQB) an dieser Hochschule.

Herr Professor Tenorth, haben die deutschen Bildungspolitiker die falschen Konsequenzen aus PISA gezogen?

Heinz-Elmar Tenorth: "Falsch" finde ich zu eindeutig negativ. Sie haben für bestimmte Problemlagen die richtigen Erkenntnisse gezogen: So waren die von der KMK definierten sieben Handlungsfelder, mit denen Maßnahmen von der vorschulischen Erziehung bis zur Lehrerbildung ergriffen wurden, durchaus sinnvoll. Was ich aber problematisiere, ist die Prioritätenordnung und -gewichtung. Man hat im Grunde genommen innerhalb eines breiten und offenen Maßnahmenbündels jedes Thema gleich behandelt, was dazu führte, dass jedes Thema dann auch relativ gleich – und das heißt relativ schwach – gewichtet wurde. Aus dieser nichtexistenten Prioritätenordnung ergeben sich die Probleme, die wir jetzt sehen. Und das Dringlichste ist nach meiner Meinung im Augenblick diese Kontinuität, dass nämlich rund 23 Prozent der bei PISA untersuchten Fünfzehnjährigen in keinem nennenswerten Maße über hinreichende Kompetenzen verfügen, um zukünftig überhaupt an Lernprozessen selbstständig teilnehmen zu können. Diese Gruppe wurde eher randständig behandelt.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Heinz-Elmar Tenorth: PISA hat ja zunächst einen Schock auf der Ebene der Leistung und der Qualität ausgelöst: Wir hatten nicht einen der Spitzenplätze, sondern einen Rangplatz im mittleren Niveau. Es wurde also versucht, dort entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Bezogen auf die Risikogruppen hat man im Wesentlichen darauf vertraut, dass das der vorschulische Bereich richten wird – mit Sprachprogrammen und Sprachförderung etwa. Ganz erkennbar reicht das aber nicht aus. Der politisch wichtigste Grund für die fehlende Gewichtung ist wohl, dass kein Land sich gern sagen lässt, es unterhalte Bildungssysteme, bei denen man nach vier Schuljahren gar keine Wirkung mehr erkennt. Das ist ja ein wirkliches Desaster.

Gibt es überhaupt die Chance auf schnelle Verbesserungen?

Heinz-Elmar Tenorth: Schließlich werden Maßnahmen wie Sprachtests und Sprachförderungen für Vorschulkinder den heutigen Grund- oder Sekundarstufenschülern nicht weiterhelfen. Einerseits darf man sich nicht darauf verlassen, dass man dieses Problem vorschulisch mit Förderprogrammen löst. Und zwar deswegen nicht, weil die meisten dieser Programme im Grunde das Milieu unberücksichtigt lassen und dort auch nicht aktiv werden. Diese Programme sind viel zu eng angelegt, sie werden zum Teil zu spät und zum Teil nicht intensiv genug eingesetzt. Und andererseits muss man für diejenigen Schüler, die bereits im System sind, unbedingt zusätzlich etwas tun. Man muss neben der alltäglichen Schulzeit Sonderangebote am Wochenende oder am Nachmittag machen. Man muss auch eigene Programme für ganz problematische und radikale Fälle von Schulverweigerung und Schulabsentismus entwickeln. In Hauptschulen und manchen Gesamtschulen existieren ja bereits Schülerfehlzeiten von 30 Prozent. Diese Schüler kommen nicht mehr in die Schule, weil sie diese Institution gar nicht als einen Ort wahrnehmen, der für sie Bedeutung hat. Man muss zum Beispiel andere Zeitmuster einführen, die natürlich verbindlich sein sollten, aber die das übliche schulische Curriculum erst einmal dispensieren und die Institution wieder als verlässlich und sinnvoll erfahrbar machen. Dazu gibt es einzelne Modelle, aber ein flächendeckendes unterstützendes Programm, bei dem man wirklich viele Leute engagiert und Geld investiert, kann ich bisher nicht sehen, und auch nicht das öffentliche Eingeständnis, dass dieses Problem wirklich dringlich ist und Priorität hat.

Sollten denn die Schulen mehr Verantwortung für ihre Schüler übernehmen, etwa nach dem Motto: Kein Schüler verlässt die Schule ohne ein bestimmtes Kompetenzniveau? Oder wird dieser Institution zu viel Verantwortung aufgebürdet – braucht sie mehr Unterstützung?

Heinz-Elmar Tenorth: Dass es diese Garantiefunktion der Schule geben muss, halte ich für elementar. Man wird nicht – wie in dem amerikanischen Programm "no child left behind" – mit Sanktionen wie etwa Schulschließungen drohen können. Aber ohne eine Verbindlichkeit gibt es wenig Chancen auf Änderung. Natürlich braucht die Schule dafür Unterstützung. Diese Unterstützung kann aber auch darin bestehen, dass man ihr die Freiheit gibt, ihre Programme wirklich auf Problemgruppen abzustimmen, im Zeittempo und im Angebot der Curricula zu variieren und zu individualisieren. Auch das ist Unterstützung, wenn man nicht alle unter die gleiche Fuchtel stellt, sondern sagt: Wer Problemgruppen hat, der muss auch autonomer agieren können.

Müsste nicht auch in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für dieses zentrale bildungspolitische Problem geschaffen werden? Und welche Argumente sind entscheidend: moralische oder ökonomische?

Heinz-Elmar Tenorth: Am wichtigsten für mich ist der moralische Aspekt, nämlich auf das Individuum zu schauen und zu sagen: Es ist einfach ungerecht. Aber es ist auch ökonomisch ein Problem. Diese Jugendlichen können nach dem jetzigen Stand der Erwartungen keine Berufsausbildung wahrnehmen, und sie werden relativ frühzeitig in die Sozialsysteme zurückfallen. Und sie glauben nicht mehr dran, ihr Schicksal je selbst gestalten zu können.

Wird sich denn in absehbarer Zeit überhaupt etwas ändern?

Heinz-Elmar Tenorth: Ich habe zu diesem Thema kürzlich einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht und noch nie so viele Reaktionen sowie so viel Zustimmung auf einen Artikel bekommen wie auf diesen. Hier tut sich etwas – und: Wir lassen nicht nach.

Dazu auf der didacta

Bildung und Gerechtigkeit – Wohin entwickelt sich die Schule?" lautet die Podiumsdiskussion im forum bildung am Donnerstag, 12. Februar, von 14 bis 15.30 Uhr. Teilnehmer: Elisabeth Heister-Neumann, Kultusministerin des Landes Niedersachsen, Hans Georg Koitz, Weihbischof Bistum Hildesheim und Prof. Dr. Hilbert Meyer, Schulpädagoge an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Moderation: Jan von Lingen, Radiopastor des NDR 1 Niedersachsen.

"Vor der vierten PISA-Runde: Viele Ergebnisse, viele Konsequenzen, viel Nutzen für die Schule?" Darüber diskutieren am Freitag, 13. Februar, von 15.30 bis 17 Uhr im forum bildung Rainer Domisch, Counsellor of Education im Zentralamt für Unterrichtswesen, Helsinki/Finnland, Renate Jürgens-Pieper, Senatorin für Bildung und Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen, Prof. Dr. Manfred Prenzel, Direktor des IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften, Kiel, und Projektleiter der PISA-Studien 2003 und 2006, Moderation: Peter E. Kalb, Redakteur der Zeitschrift "Pädagogik". Das forum bildung befindet sich in Halle Halle 16, Stand D10.

Im Forum didacta aktuell diskutiert Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth am Samstag, 14. Februar, von 12 bis 12.45 Uhr mit Prof. Dr. Werner Blum, Universität Kassel, und Prof. Dr. Christoph Selter, Technische Universität Dortmund, über "Mathematik entlang der Bildungskette". Das Forum didacta aktuell befindet sich in Halle 15, Stand A08.


didacta 2009 in Hannover – Bildungsgipfel im Flachland

Vom 10. bis 14. Februar 2009 findet zum zehnten Mal die "didacta - die Bildungsmesse" statt. Sie ist die zugleich die größte zentrale Weiterbildungsveranstaltung für Lehrer, Erzieherinnen, Ausbilder und Weiterbildner und deckt alle Bildungsbereiche ab. Die Aussteller warten mit neusten Lernmaterialien, Lernkonzepten und Lernumgebungen auf, in den Foren wird der Fokus auf aktuelle Entwicklungen und Visionen, aber auch auf strittige Themen, gelegt. Für Journalisten bietet die didacta die einmalige Chance, mit den führenden Bildungsexperten aus Wissenschaft, Praxis, Wirtschaft und Politik ins Gespräch zu kommen.

Mit den drei Ausgaben des didacta Themendiensts werden die Medien über die neuesten Themen und Entwicklungen rund um die didacta 2009 in Hannover informiert. Selbstverständlich können alle Texte kostenfrei für die Berichterstattung genutzt werden. Die letzte Ausgabe des didacta Themendienstes erscheint am 31. Januar 2009 – dann auch als Printversion.

0 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)

Hinweis
  • Ein Enter führt zu Zeilenumbruch.
  • Hyperlinks bitte grundsätzlich mit "http://" beginnen (also z.B. http://bildungsklick.de/).
  • Kein HTML unterstützt.

Ihr Kommentar:

Ihr Name:
Ihre E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht):
Durch die Eintragung Ihrer E-Mail erkennen Sie die Kommentarregeln an.

Cbb9ffe43ad1f9fa981ff8c51174ce52c290dbe8
Bitte den Text aus dem Bild eingeben:


MELDUNGEN AUS DEN RESSORTS

Schule

"Ein Kind mit Lernschwierigkeiten gehört auf eine Regelschule"

08.02.2012. (red) Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde in Deutschland ein Rechtsanspruch auf inklusive Bildung geschaffen. Aber der Ausbau inklusiver Bildungsangebote kommt in Deutschland nur schleppend voran. Von den 485.000 Schülern mit sonderpädagogischem ...

Sonderthemen

Kritik an mangelnder Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland

Berlin, 08.02.2012. (hib/AW) Das Deutsche Institut für Menschenrechte übt schwere Kritik an der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Der Institutsmitarbeiter Hendrik Cremer begrüßte zwar am Mittwoch Vormittag vor dem Familienausschuss, dass Deutschland die bei der Ratifizierung abgegebene ...

Kindergarten / Vorschule

EU-Kommission rügt deutsches Betreuungsgeld

03.02.2012. (dpa) – Die EU-Kommission rügt die deutschen Pläne zur Einführung eines Betreuungsgeldes. "Die EU-Kommission ist überrascht zu erfahren, dass es Ideen gibt, Frauen zu ermutigen, zu Hause zu bleiben", sagte die Sprecherin von EU-Sozialkommissar Laszlo Andor am 1. Februar in Brüssel. "Es gibt ...
in

Elementarbereich NRW | Medienschau Bildung

NEU bei didacta-bildungsklick.tv: CookUOS 2011/12

ANZEIGEN

Links zum Artikel
Weiter auf bildungsklick.de
Society in Science unterstützt postdoc Studenten überall auf der Welt. Unser Ziel ist Förderung der Forscher/innen.
ANZEIGE
Aktuelle Kommentare
Ein Tag Ein Preis Ein Deal. Marken-Schulranzen bis zu unglaublichen 80% reduziert. Scout, McNeill, Espri... und vieles mehr.
ANZEIGE
Unser Partner in Österreich
Bildungaktuell
Das eMagazin für Management, Personalwesen und Weiterbildung