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Herausforderung Schulbuch

Ein Blick hinter die Kulissen eines Schulbuchverlags

Mehr zu: Büchergeld, Deutschland, Gleichstellung, Lehrplan, Lernmittel, Medienkompetenz, Perspektive: Bildung, Schulbuch, Schule
07.02.2009 -

Schulbücher sind in der Tat ein besonderes Produkt. Sie unterliegen speziellen Marktmechanismen und haben vollständig andere Entstehungsbedingungen beispielsweise als Belletristik. Ein paar Stichworte bieten Einblick in die Arbeit und Rahmenbedingungen der Verlage.

Lehrpläne

Welche Themen und Lernziele ein Schulbuch hat, bestimmen nicht die Verlage, sondern die von den Kultusministerien der Bundesländer festgelegten Lehrpläne. Sie sind unumstößlicher Maßstab für die Redaktionen und Autoren/innen. Bei 16 Bundesländern, zahlreichen Fächern, verschiedenen teilweise bundeslandspezifischen Schularten von der Grundschule bis zum Gymnasium und später hin zur Berufsschule kommen so in Deutschland mittlerweile über 2000 Lehrpläne zusammen. Für die konkrete Arbeit im Verlag kann das bedeuten, für einen Titel bis zu 16 verschiedene Landesausgaben zu konzipieren. Diesen Extremfall versucht man jedoch zu vermeiden. Damit Auflagen kostendeckend erarbeitet und gedruckt werden können, erstellen die Redaktionen aufwändige Synopsen der Lehrpläne, um mehrere Länder in einer Ausgabe zusammenfassen zu können. Dennoch kommt es immer noch vor, dass bis zu zehn Landesausgaben eines Titels redaktionell erarbeitet werden müssen, mit entsprechend niedrigeren Auflagen als bei einer bundesweiten Ausgabe.

Genehmigungsverfahren

Das so genannte Einreich- oder Genehmigungsverfahren prüft für einen großen Teil der Schulbücher, ob die Lehrplanvorgaben eingehalten wurden. Jedes Bundesland legt für sich fest, ob und für welche Fächer das gilt. Ca. ein Jahr vor dem geplanten Erscheinungstermin müssen genehmigungspflichtige Titel inhaltlich stehen und zu einem festgelegten Stichtag bei den Kultusministerien eingereicht sein. Bis zu mehrere Monate überprüfen zwei bis drei bestellte Gutachter anhand zahlreicher Kriterien, ob das Schulbuch für den Einsatz im Bundesland geeignet ist: Können Lehrkräfte mit dem Buch die Themen und Ziele der Lehrpläne umsetzen und erreichen? Werden Aspekte des Grundgesetzes wie z. B. die Gleichstellung der Geschlechter berücksichtigt? Und anderes mehr. Schätzungsweise werden allein für die Genehmigung und Verlängerung von Genehmigungen von rund 1000 Schulbüchern pro Jahr und Verlag weit über 200.000 Euro Gebühren an die Kultusministerien entrichtet. Noch nicht eingerechnet sind dabei verlagsinterne Personalkosten sowie Druckkosten für die Einreichexemplare, Portokosten und Handlingkosten der Auslieferung. Die Genehmigungen für die Schulbücher werden für max. 5 Jahre erteilt, dann muss neu beantragt werden.

Hoher Entwicklungsaufwand

Verglichen mit einem Großteil der Belletristik- und Sachbuchproduktion ist der redaktionelle Aufwand für die Erstellung eines Schulbuches sehr hoch. Es gibt für das Schulbuch keine fertigen Manuskripte, die auf den Tisch kommen. Das Lehrwerk English G 21 aus dem Cornelsen Verlag beispielsweise wird konzeptionell und inhaltlich in einem gemeinsamen Team von bis zu 30 Mitarbeiter/innen bestehend aus Fachredaktion und Autor/innen und Herausgeber/innen erarbeitet. Nicht mitgerechnet sind hierbei Gutachter, die gesondert bestellt werden und Berater für die Regionalausgaben. Zeit und Kosten verursacht auch der Aufwand den Schulbuchverlage betreiben, wenn es um die Gestaltung von Lernmaterialien geht. Für ein "funktionierendes" Schulbuch müssen Inhalt, Gestaltung und didaktisches Konzept eine Einheit bilden, dementsprechend aufwändig und kostenintensiv sind die Herstellungsprozesse. Von der ersten Konzeption bis zum Erscheinen des Titels zieht sich die Entwicklung eines Lehrwerkes oft bis zu drei Jahren hin. Oft werden gleichzeitig mit den Lehrbüchern notwendige Begleitmaterialen entwickelt. Umfangreiche und arbeitsintensive Handreichungen, ohne die kein Schulbuch angenommen wird, enthalten die didaktische Konzeption, Unterrichtsvorschläge, Stundenverteilungspläne etc.. Sie müssen durch den Verkauf der Schulbücher mitfinanziert werden. Das gilt auch für viele andere Begleitmaterialen wie Software oder Kopiervorlagen.

Teure Schulbücher?

Die Diskussion um Schulbuchpreise wird in Deutschland derzeit vor allem vor dem Hintergrund leerer öffentlicher Kassen und zunehmender Elternbeteiligung geführt. Der Eindruck teurer Bücher relativiert sich weiter, betrachtet man Ausstattung und Aufwand, der hinter einem Titel steht. Schulbücher müssen haltbar sein: Ein Deutschbuch schätzungsweise hat eine Benutzungsdauer von ca. 2000 Stunden, ein Roman aus dem heimischen Regal liest man vielleicht 20 Stunden. Fadenheftung ist daher meist selbstverständlich; die Papierqualität berücksichtigt die zahlreichen vierfarbigen Abbildungen; die Einbandqualität die oft nicht sehr zartfühlenden jugendlichen Nutzer und die langen Ausleihzeiten.

Schulbuchmarketing

Auch wenn das Schulbuchgeschäft über den Buchhandel abgewickelt wird, die Kauf- und Bestellentscheidungen fallen an den Schulen selber. So gibt es in den Schulbuchverlagen statt der Handelsvertreter Schulberater, die die neuen Titel in den Schulen direkt vorstellen, Lehrkräfte bei der Auswahl beraten und Informationsveranstaltungen organisieren. Im Gegensatz zu den Handelsvertretern vermitteln sie keine Bestellungen. Allein für den Cornelsen Verlag sind mehr als 70 Schulberater im gesamten Bundesgebiet unterwegs – gegenüber meist 6 – 10 freien Handelsvertretern, die für Publikumsverlage reisen. Die Regionalisierung von Lehrwerken wirkt sich ebenfalls auf Marketing und Werbung aus. Werbemittel gehen direkt an die Zielgruppe und Entscheider, sprich Schulen und Lehrkräfte. Neben den jährlichen Gesamtkatalogen, die schularten- und fächerspezifisch in Millionenauflage an die rund 700.000 Lehrerinnen und Lehrer versandt werden, wird auch die Einzelwerbung für Neuerscheinungen sowohl inhaltlich als auch organisatorisch nach Bundesländern aufbereitet und verschickt. Anders als Publikumsverlage können Schulbuchverlage also nicht mit (wenigen) Anzeigen in bundesweit verbreiteten Zeitungen oder Zeitschriften die Nachfrage für ihre Produkte schaffen. Übrigens sind Schulbuchverlage vom Gesetzgeber verpflichtet, Titel über eine bestimmte Zeit lieferbar zu halten, egal ob das Buch noch ´lebt´ oder nicht.

Garantierte Absätze und Auflagen?

Schülerprognosen für die kommenden Jahre sind für die Schulbuchverlage ein Planungsinstrument, mit wie viel Schüler/innen pro Bundesland in den jeweiligen Schularten und Jahrgangsstufen sie rechnen können. Sie, sorgen jedoch nicht für eine garantierte Abnahme von Schulbüchern. Für die Verlage sind die Schülerzahlen nur ein theoretisch definierter Bedarf. Für eine Auflagenplanung werden die Marktentwicklung genau analysiert und Marktanteile prognostiziert. Im Wettbewerb um neu einzuführende Schulbücher stehen in Deutschland rund 70 Bildungsverlage. Die Lehrkräfte/Schulen entscheiden jeweils selber, welche Titel aus welchem Verlag sie auswählen. Grundvoraussetzung ist die Zulassung im jeweiligen Bundesland. Für die Planung erschwerend kommen die Ausleihfristen in den Schulen hinzu, die sich zurzeit zwischen 8 und 10 Jahren bewegen. Hat sich eine Schule für das Konkurrenzprodukt entschieden, ist der Markt dort in der Regel für mehrere Jahre dicht.

(Ein Beitrag von Kirsten Bercker)

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von John Doe, am 08.04.2009, 08:38

Das stimmt ja so nicht ganz. Unterrichtsmaterialien für Lehrer sind ja inzwischen auch teilweise kostenpflichtig, ebenso wie manche buchbegleitende Datenträger.


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