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Die Chemie muss stimmen oder Wie die Laugenbrezel in die Schule kommt

Ein Interview mit Chemiedidaktiker Prof. Dr. Volkmar Dietrich

Mehr zu: Deutschland, Fachhochschule, Interviews, Naturwissenschaften, Perspektive: Bildung, Schulbuch, Unterrichtsmaterial, Schule
08.02.2009 -

Qualifizierter naturwissenschaftlicher Nachwuchs ist hierzulande "Mangelware". Die rückläufigen Absolventenzahlen an Universitäten und Fachhochschulen reichen nicht aus, um den Bedarf in Forschung und Wirtschaft abzudecken. Unterricht an Deutschlands Schulen macht offenbar wenig Lust, sich über die Schulzeit hinaus mit Fächern wie Physik oder Chemie auseinander zu setzen. Der Chemielehrer, Chemie-Didaktiker und Schulbuchautor Prof. Dr. Volkmar Dietrich vom Studienkolleg des Landes Brandenburg an der Universität Potsdam weiß, wie lebensnaher Unterricht und Lust am Weiterforschen zusammen-hängen. 2004 wurde er für besondere Verdienste um den Chemieunterricht mit dem Heinrich-Roessler-Preis der Gesellschaft Deutscher Chemiker ausgezeichnet. Seine fast schon legendären Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte bürsten den Chemieunterricht mit ganz und gar nicht trockenen Experimenten gegen den Strich.

Herr Prof. Dietrich, wie sieht guter naturwissenschaftlicher Unterricht aus?

Volkmar Dietrich: Schule besitzt in den Augen vieler Schülerinnen und Schüler einen geringen "Spaßfaktor". Dass "Sich-Anstrengen" und besonders das "Sich-Geistig-Anstrengen" großen Spaß machen kann, wurde ihnen zu wenig oder gar nicht nahe gebracht. Hier muss Schule Defizite ausgleichen. Naturwissenschaftlicher Unterricht muss deshalb noch stärker alltags- und lebensbezogen sein. Schülerinnen und Schüler wollen wissen, was sie mit dem Gelernten anfangen können. Sie wollen Naturwissenschaft im Alltag erleben und im Alltag Natur¬wissenschaft wieder finden.

Wie sehen diese Alltagsbezüge aus?

Volkmar Dietrich: Es ist durchaus interessant, eine Laugenbrezel zu essen und gleichzeitig zu wissen, was eine Lauge ist. Es ist spannend zu erfahren, warum farbige Gegenstände bei unterschiedlichem Licht andersfarbig erscheinen und wie dieses Phänomen zum Beispiel als Verkaufsstrategie genutzt wird. Es ist vielleicht sogar lebensbedeutend zu wissen, dass Glycerintrinitrat (Nitroglycerin) ein Sprengstoff, aber auch ein unentbehrliches Medikament bei der Behandlung von Herzproblemen ist.

Wie können Schulbücher das schlechte Image naturwissenschaftlicher Fächer verbessern?

Volkmar Dietrich: Auch wenn es viele anders sehen, Schulbücher spielen nach wie vor eine bedeutende Rolle für Schülerinnen und Schüler. Deshalb müssen die Verlage die reale Schulsituation kennen und eine Vision von dem haben, was sie in der Schule mit ihren Büchern erreichen wollen. Mit unseren Schulbüchern wollen wir Schüler neugierig machen auf Chemie. Wir wollen sie anregen, sich mit Chemie insbesondere durch Beobachten und Experimentieren auseinander zu setzen. Ich habe beispielsweise dafür die "Reihe Naturwissenschaften" für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I mitentwickelt, die beim Cornelsen Verlag erschienen ist. Hier sind interessante Themen wie "Vom Waschen", "Wasser", "Vom Fliegen" und viele andere aus der Sicht und im Zusammenwirken vieler Fächer für die Lerner aufbereitet.

Was ist denn ein gutes Schulbuch für Sie?

Volkmar Dietrich: Ein gutes Schulbuch regt vernetzte Denkprozesse an. Es fördert und unterstützt fachübergreifendes Herangehen bei der Bearbeitung eines naturwissenschaftlichen Phänomens. Ein Schulbuch muss eigenständiges Arbeiten ermöglichen. Schüler müssen dabei Möglichkeiten erhalten, in denen sie ihre Kompetenzentwicklung selbstständig testen und einschätzen können. Das wird auch dadurch erreicht, dass wir konsequent die von der Kultusministerkonferenz 2004 beschlossenen Bildungsstandards in unseren Lehrwerken umgesetzt haben. Was ist das Besondere an Ihren viel gerühmten Fortbildungsveranstaltungen?

Volkmar Dietrich: Ich beziehe leicht umsetzbare und vor allem interessante Experimente ein, die alle mit einfachen und an jeder Schule vorhandenen Geräten und Chemikalien durchgeführt werden können. Themen wie "Montag mach ich blau" oder "Ein bisschen Speed muss sein???" sind attraktiv, haben aber trotzdem einen engen Unterrichtsbezug. Und nicht zuletzt: Eigene Begeisterung für das Thema und für dessen Einsatz im Chemieunterricht sind schon immer ein Garant für gelungene Fortbildungen gewesen.

Was sind für Sie wichtige Gründe für fehlenden Wissenschaftsnachwuchs?

Volkmar Dietrich: Einmal gibt es gesamtgesellschaftliche Probleme, die einen großen Anteil an der Situation haben. Seit Jahren nimmt der gesellschaftliche Stellenwert von Bildung und insbeson¬dere naturwissenschaftlicher Bildung in Deutschland ab. Das zeigt sich unter anderem auch in Stundenkürzungen der naturwissenschaftlichen Fächer. Probleme im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Unterricht bzw. wie Unterricht Lehrkräften und Schülern Spaß machen kann, habe ich bereits genannt. Wir müssen also im Chemieunterricht mehr Wert legen auf die Ausbildung inhaltlicher Vorstellungen bei Schülerinnen und Schülern. Sie müssen mit chemischem Wissen etwas anfangen können und nicht nur den nächsten Test meistern. Systematisches Festigen besonders durch Anwenden des Gelernten und damit Herstellen von Sinnbezügen erscheint mir von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Und letztendlich macht das dann alles in allem Lust auf eine weitergehende Beschäftigung mit den Fächern.

Zur Person

Der Chemielehrer, Chemie-Didaktiker und Schulbuchautor Volkmar Dietrich ist Professor am Studienkolleg des Landes Bran­den­burg an der Universität Potsdam. 2004 wurde er für besondere Verdienste um den Chemieunterricht mit dem Heinrich-Roessler-Preis der Gesell­schaft Deutscher Chemiker ausgezeichnet. Seine fast schon legendären Fortbildungs­veranstaltungen für Lehrkräfte bürsten den Chemieunterricht mit ganz und gar nicht trockenen Experimenten gegen den Strich. In Schulbüchern, wie in dem im Cornelsen Verlag erscheinenden Lehrwerk "Fokus Chemie" setzt er auf aktiv entdeckendes, alltagsnahes Erleben der eigenen Umwelt.

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Sebastian, am 15.02.2009, 01:39

Sehr interessanter Artikel. Wir versuchen mit unserem Chemieforum seit Jahren Schülerinnen und Schüler zu helfen und leider merkt man, dass die Chemiekenntnisse oft nicht richtig vermittelt wurden.

Sebastian

forum.chemikalien.de


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