Neue Schulstruktur auch in NRW?
Interview mit Klaus Hebborn, Städtetag NRW
Mehr zu: Gesamtschule, Hauptschule, Interviews, Nordrhein-Westfalen, Realschule, Schulgesetz, Schulstruktur, Schulträger, Sekundarschule, Sport, SchuleZur zukünftigen Schulstruktur in Nordrhein-Westfalen hat sich der Vorstand des Städtetags in NRW kürzlich in einem Positionspapier geäußert. Der Verband schlägt ein Zwei-Säulen-Modell vor, in dem das Gymnasium unverändert bestehen bleibt und Gesamt-, Haupt- sowie Realschulen zusammengeschlossen werden. Klaus Hebborn, Dezernent für Bildung, Kultur und Sport beim Städtetag Nordrhein-Westfalen dazu im Interview mit www.schulstruktur.com.
Der Vorstand des Städtetages NRW hat zum Ende des vergangenen Jahres über die künftige Schulstruktur im bevölkerungsreichsten Bundesland beraten. Warum war das nötig?
Klaus Hebborn: Seit vielen Jahren gibt es in NRW wie auch in anderen Bundesländern zur Frage der Schulorganisation bzw. Schulstruktur einen Grundsatzstreit mit verhärteten Positionen. Jenseits von dieser bisher häufig ideologisch geprägten Debatte machen aktuelle Entwicklungen wie die Demografie und das veränderte Schulwahlverhalten der Eltern ein Nachdenken darüber erforderlich, wie man unter Berücksichtigung dieser veränderten Rahmenbedingungen das Schul- und Bildungswesen weiterentwickeln soll. Der Städtetag NRW hat sich nunmehr in dieser Frage positioniert, um kommunale Vorstellungen in die Diskussion über die Weiterentwicklung des Schul- und Bildungswesens in Öffentlichkeit und Politik einbringen zu können.
Welche Zukunft hat die Schulform Hauptschule in NRW?
Klaus Hebborn: In NRW ist die Zahl der Schüler im laufenden Jahr um 2 % auf knapp 2,2 Mio. Schüler gesunken. Überdurchschnittlich war der Rückgang an den Hauptschulen. Dort sank die Schülerzahl um 7,1 % auf knapp 217.000, wie das Statistische Landesamt kürzlich berichtete. Eine Umkehr dieser Entwicklung ist trotz verschiedener Maßnahmen zur Stabilisierung der Hauptschulen nicht in Sicht. Um die Zukunft der Hauptschulen sieht es angesichts dieser "Abstimmung mit den Füßen" nicht besonders gut aus. Ich möchte an dieser Stelle aber ausdrücklich betonen, dass die Hauptschule nicht vorrangig ein Qualitätsproblem, sondern ein massives Akzeptanzproblem hat.
Nun offeriert das Schulministerium den Schulträgern heute bereits die Möglichkeit zur Einrichtung von Verbundschulen, die ein wohnortnahes und differenziertes Schulangebot gewährleisten helfen.
Klaus Hebborn: Im Rahmen des geltenden Schulgesetzes gibt es Möglichkeiten zur Einrichtung von Verbundschulen, die allerdings gegenüber der vorherigen Rechtslage eingeschränkt worden sind. Wir meinen, dass diese Möglichkeiten im Sinne des Positionspapiers des Städtetages ausgeweitet werden müssen, damit tatsächlich ein wohnortnahes und differenziertes Schulangebot gewährleistet werden kann.
Welche Voraussetzungen sollte ein für die Städte und Gemeinden tragfähiges Konzept zur Modernisierung der Schulstruktur erfüllen?
Klaus Hebborn: Zunächst ist festzustellen, dass eine Änderung der Schulstruktur allein noch keine Garantie für besseren Unterricht ist. Sie muss vielmehr eingebettet werden in ein Bündel von Maßnahmen zur Verbesserung der pädagogischen Qualität. Die Modernisierung der Schulstruktur sollte den Städten gesetzlich die Option zur Gestaltung der örtlichen Schullandschaft durch Bildung von Verbundschulen in unterschiedlicher Form bis hin zur Zusammenfassung der weiterführenden Schulen mit Ausnahme des Gymnasiums zur "erweiterten Sekundarschule" eröffnen. Konkret sollten die Möglichkeiten zur Bildung von Verbundschulen im Bereich der weiterführenden Schulen der Sekundarstufe I in kooperativer, integrierter oder teilintegrierter Form erweitert werden. Ferner sollte der optionale Zusammenschluss der drei Schulformen Hauptschule, Realschule und Gesamtschule ("erweiterte Sekundarschule") ermöglicht und damit die örtliche Schullandschaft zum Zwei-Säulen-Modell weiterentwickelt werden.
Kritiker könnten Ihnen vorwerfen, Sie würden die Schulform Gymnasium aus den strukturellen Reformvorschlägen ausnehmen. Inwieweit ist dieser Vorwurf berechtigt?
Klaus Hebborn: Das Gymnasium wird in der Tat aus den hier unterbreiteten strukturellen Reformvorschlägen ausgenommen. Grund dafür ist, dass, wenn man Schulstrukturen ändern möchte, ein breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens erzielt werden muss. Bei der Abschaffung der Schulform des Gymnasiums wäre ein derartiger Konsens illusorisch.
In diesem Jahr finden in NRW Kommunal-, 2010 finden in NRW Landtagswahlen statt. Wie lässt es sich vermeiden, dass Ihre Vorschläge im Wahlkampfgetöse nicht unter die Räder kommen?
Klaus Hebborn: Die Positionierung des Städtetages NRW wurde von einer parteiübergreifend zusammengesetzten Arbeitsgruppe erarbeitet. Dabei stand der Wille aller Beteiligten im Vordergrund, parteiübergreifend pragmatische Lösungen für die Probleme vor Ort zu entwickeln. Man darf die Hoffnung, dass das, was im Kleinen im Städtetag NRW möglich gewesen ist, auch auf Landesebene erzielbar sein wird, nicht aufgeben. Das Schlimmste, was passieren könnte wäre, dass die wichtigen bildungspolitisch anstehenden Entscheidungen zu Lasten der Kinder und Schüler auf dem Altar der Wahlkämpfe geopfert würden. Ich werde mich jedenfalls auch in Zukunft dafür einsetzen, dass diese Diskussion sachlich und ohne ideologische Scheuklappen geführt wird.
Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer; www.schulstruktur.com Nachdruck mit vollständiger Quellenangabe möglich
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