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Physikunterricht mangelhaft

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft fordert qualifizierte Ausbildung von "Quer- und Seiteneinsteigern"

Mehr zu: Deutschland, Fachkräftebedarf, Lehrerbildung, Lehrermangel, Naturwissenschaften, Referendariat, Stiftungen, Unterrichtsversorgung, Vorbereitungsdienst, Weiterbildung, Hochschule, Schule
20.02.2009 -

(redaktion/pm) Die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) sorgt sich um die Qualität des Physikunterrichts. Von den Kultusministerien der Bundesländer fordert sie deshalb jetzt eine umfassende Weiterbildung für Lehrkräfte, die kein Lehramtsstudium durchlaufen haben. Solche Lehrkräfte – auch "Quer- oder Seiteneinsteiger" genannt – übernehmen infolge des Lehrermangels immer häufiger Unterrichtsverantwortung.

Lehrer ohne Lehramtsstudium

Die aktuelle Ausgabe des DPG-Informationsblatts "Physik konkret" berichtet von einem bundesweiten Trend: Im Zeitraum 2002 bis 2007 waren 45 Prozent der Physik-Referendare für die gymnasiale Oberstufe "Quereinsteiger" ohne Lehramtsstudium.

In Deutschland gibt es zu wenige Lehrerinnen und Lehrer für Physik, weshalb der Schulunterricht immer häufiger von Akademikern gestaltet wird, die kein Lehramtsstudium absolviert haben. Dabei handele es sich in der Regel um hoch spezialisierte Fachleute, die auf die Themenvielfalt und die pädagogischen Anforderungen des Schulunterrichts nur unzureichend vorbereitet seien, so DPG-Präsident Gerd Litfin: "Wir fordern daher, dass diese Lehrkräfte intensiver als bislang fortgebildet werden. Solche Maßnahmen kommen zurzeit viel zu kurz. Die gegenwärtigen Notprogramme zur Einstellung von Lehrkräften gefährden die Qualität des Physikunterrichts."

Physiklehrer ohne Physikstudium

Ein markantes Beispiel sei Nordrhein-Westfalen, das in Verbindung mit einer nur begrenzten Zusatzausbildung sogar Lehrkräfte ohne jegliches Physikstudium zulasse. "Wir warnen vor diesen Adhoc-Aktionen. Denn sie legen den Schwerpunkt nicht auf Unterrichtsqualität, sondern nur auf die bloße Abdeckung der Unterrichtsstunden", betont der DPG-Präsident. "Solcher Schmalspur-Unterricht schafft es niemals, bei jungen Menschen jene Neugier für Naturwissenschaften zu wecken, die wir so dringend brauchen. Nach wie vor fehlt hierzulande der Nachwuchs. Die Konsequenzen sind deutlich: Der Fachkräftemangel in den Naturwissenschaften kostet die Wirtschaft Innovationskraft und Umsatz."

Studie belegt bundesweiten Trend

Angesichts fehlender Physik-Lehrkräfte bieten zurzeit 12 der 16 Bundesländer Natur- und Ingenieurswissenschaftlern – insbesondere auch Diplom-Physikern – die Möglichkeit, als "Quereinsteiger" mit dem schulischen Vorbereitungsdienst (Referendariat) zu beginnen, beziehungsweise als "Seiteneinsteiger" direkt den Schuldienst anzutreten. Wobei sich diese Regelungen von Bundesland zu Bundesland in Ausgestaltung und Laufzeit unterscheiden. So das Fazit einer Studie, die von der DPG mitfinanziert wurde. Die vom Institut für Didaktik der Physik der Universität Frankfurt am Main durchgeführte Erhebung ermittelte für den Zeitraum 2002 bis 2007 bundesweit rund 3.200 Physik-Referendare für die gymnasiale Oberstufe. Davon waren 45 Prozent "Quereinsteiger" ohne Lehramtsstudium. "Von der allgemeinen Entwicklung sind allerdings sämtliche Schulformen betroffen, nicht nur das Gymnasium", betont Physik-Didaktikerin Manuela Welzel-Breuer, die im DPG-Vorstand für Schulangelegenheiten zuständig ist. "So gibt es gerade im Haupt- und Realschulbereich besonders viele Seiteneinsteiger, die unmittelbar Unterrichtsverantwortung übernehmen."

Ausbildungsstandards werden unterlaufen

"Sicher kann nicht pauschal davon ausgegangen werden, dass Quer- und Seiteneinsteiger per se keine guten Lehrkräfte sind", räumt Welzel-Breuer ein, "dennoch konterkariert diese Entwicklung massiv die Bemühungen, die Lehrerbildung zu professionalisieren und praxisnäher zu gestalten." Das derzeitige Vorgehen stände insbesondere im Widerspruch zu den von der Kultusministerkonferenz im Oktober 2008 beschlossenen Standards für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern.

Zudem wirke die aktuelle Entwicklung auf Lehramtsstudierende äußerst demotivierend, so Welzel-Breuer weiter: "Es steht zu befürchten, dass Lehrkräfte, die als Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden, mittel- und langfristig Planstellen besetzen. Damit sinken die Einstellungschancen für regulär ausgebildete Physik-Lehrkräfte. Das gerade wieder zunehmende Interesse am Lehramtsstudium im naturwissenschaftlichen Bereich kann dann schnell wieder abklingen."

Umfassende Fortbildung notwendig

Solange der Lehrkräftemangel allerdings bestehe, müssten Quer- und Seiteneinsteiger umfassend fortgebildet werden, unterstreicht Welzel-Breuer. "Um diese Aufgabe zu bewältigen, sollten die Kultusministerien gemeinsam mit Hochschulen, Studienseminaren und Fortbildungsinstituten koordiniert handeln. Hier bringt sich die DPG gerne als Partner ein. Mit Unterstützung der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung baut die DPG gerade ein bundesweites Fortbildungsnetzwerkfür Lehrerinnen und Lehrer auf, das auch Quer- und Seiteneinsteigern offen steht."

Gemeinsame Stellungnahme

Die DPG, die Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik (GDCP) und der Deutsche Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU) haben in einer gemeinsamen Stellungnahme ihre Kritik an der gegenwärtigen Situation der Quer- und Seiteneinsteiger bekräftigt.

2 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von W. Hellberg, am 20.02.2009, 18:29

Diese Misere war schon vor mindestens 10 Jahren absehbar. In den 60ger/70ger Jahren hat die Industrie mit Anreizen für Studenten und durch Unterstützung der jeweilgen Länder für eine Erhöung der ausgebildeten Fachlehrer gesorgt: Es war möglich nur 1 Fach zu studieren, zusätzlich erhielten Studenten, die sich verpflichteten, mit Nat.wiss. Fächern in die Schulen zu gehen finanzielle Unterstützung. Jahrelang haben es die Industrie und die Ministerien nicht für nötig erachtet, die Probleme überhaupt wahrzunehmen. In NRW kommt die grotestke Situation hinzu, dass ausgebildete Fachlehrer, die über 30 Jahre (und 1 Monat z.B.) alt sind, nicht mehr verbeamtet werden und in Nachbarländer abwandern.

von L. Hampel, am 23.02.2009, 10:44

Ich bin mal gespannt, ob ich noch eine Stelle finde, wenn ich in vier Jahren mit meinem Lehramtsstudium Physik für Haupt-, Real- und Gesamtschule fertig bin. Entgegen der neuesten Studien war ich Jahrgangsbeste im Abitur und ich wurde für diese Studie nicht nach meiner Note gefragt. Vielleicht sollte diese Studie mal nach Fächern getrennt durchgeführt werden.


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