"Es ist höchste Zeit für die inklusive Schule"
Verbände fordern grundlegende Neuausrichtung der Bildungspolitik
Mehr zu: Bildungsbericht, Deutschland, Förderschule, Förderunterricht, Handikap, Heterogenität, Inklusion, Integration, Sonderschulen, Schule(redaktion) Das deutsche Schulsystem gewährleistet die Chancengleichheit von Behinderten nicht – diese Feststellung musste UN-Bildungsinspektor Vernor Muñoz in seinem Bericht im März 2007 machen. Das Konzept der Integration habe nicht verhindert, dass die meisten dieser Kinder gezwungen seien, Sonderschulen zu besuchen – auch gegen den Willen ihrer Eltern, so der UN-Bildungsinspektor. Kürzlich hat nun auch Deutschland die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderung unterzeichnet. Konsequent umgesetzt bedeutet diese Konvention, dass Kinder mit Förderbedarf in Deutschland zukünftig in die Regelschule gehen. Doch wann dies der Fall sein wird ist noch unklar, die Kultusminister wollen zunächst in einer Arbeitsgruppe über das Verfahren beraten.
In ihrem Manifest "Inklusive Schule jetzt!" hat die Bundesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" jetzt eine "grundlegende Neuausrichtung der Bildungspolitik" in Deutschland gefordert.
Unterzeichnet haben das Manifest die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, der Deutsche Behindertenrat, das Deutsche Kinderhilfswerk, die Bundesarbeitsgemeinschaft für Integration und Inklusion, die Aktion Humane Schule, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Prof. Lothar Krappmann vom UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes.
"Die Konvention über die Rechte behinderter Menschen schließlich fordert die Vertragspartner unmissverständlich auf, für "inclusive education" Sorge zu tragen", heißt es in dem Manisfest. Das bedeute, dass alle Kinder in allgemeinen Schulen in heterogenen Lerngruppen der Vielfalt der Begabung entsprechend unterrichtet werden. Die Ausgrenzung in Sonderschulen bedeute den Einstieg in lebenslange Sonderwege an den Rändern der Gesellschaft. Gleichzeitig werde allen Kindern die Vielfalt der Gesellschaft in der Schule vorenthalten.
"Sie können so nicht im Alltag lernen, respektvoll und konstruktiv mit Andersartigkeit umzugehen. Das ist der Ausgangspunkt von gesellschaftlicher Ausgrenzung und gibt für die demokratische Kultur in diesem Land Anlass zur Besorgnis. Es ist höchste Zeit für die inklusive Schule", erklären die Unterzeichner des Manifests.
Thomas Wasilewski Mönchengladbach
Eine Kultur, in der jeder Mensch einen Platz hat - das ist die Idee, die hinter dem Inklusionsanspruch steht. Und das bedeutet: nicht die Defizite sind das Ausschlaggebende, sondern die Ressourcen, die in jedem Menschen sind. Darum geht es letztlich: Kindern und Jugendlichen Rahmenbedingungen schaffen, ihre Fähigkeiten und Gaben zu entwickeln.
Jeder und jede ganz unterschiedlich. Alle Menschen brauchen einander, ergänzen einander. Niemand ist überflüssig, jede und jeder ist wichtig. Jeder Mensch hat Würde, er ist wichtig, so wie er ist. Deshalb sollten Kinder und Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen, Bedürfnissen und Beeinträchtigungen miteinander und voneinander lernen, und zwar nicht mit gleichen Zielen, sondern mit unterschiedlichen.
Wer allerdings glaubt, man könne mit der Abschaffung von Sondereinrichtungen Haushaltsmittel sparen, hat nicht verstanden, welch hoher personeller, pädagogischer und architektonischer Aufwand getrieben werden muss, um Gemeinsamen Unterricht zu ermöglichen. Die Verfassung und die UN Behindertenkonvention dürfen nicht von dem jeweiligen SchulministerIn tagesaktuell gedeutet werden, und nach jeweils eigenem, auch parteipolitischen Verständnis umgesetzt werden.
Lehrerinnen und Lehrer brauchen für diese Aufgabe die Unterstützung, die nötig ist, um Inklusion gut zu machen. Das bedeutet für die Schule aber auch, dass sie sich neu einlassen muss auf zieldifferenten Unterricht. Sie muss nicht nur zu berücksichtigen, dass Kinder unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten haben, sondern dass auch je und je andere Ziele erreicht werden. Die Lösungen sind vorhanden, werden aber leider beharrlich ignoriert, da sie bestehende Strukturen in Frage stellen. Die Interessen der Sonderpädagogen am bestehenden Schulsystem werden auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Die Pädagogen und Gewerkschaften handeln nach dem Motto: „Weil es etwas in der Vergangenheit nicht gab, darf es dies auch heute nicht geben.
Die große Herausforderung der Inklusion ist es, Schule so zu gestalten, dass jeder einen Platz hat und dass jeder mit seinen Ressourcen zum Zuge kommt. Niemand ist dabei überflüssig. Es ist normal, verschieden zu sein. Beeinträchtigungen sind nicht das Besondere, sondern das Normale. Dass wir auf Hilfe angewiesen sind, ist eine menschliche Konstante. Wir brauchen Ergänzung, Hilfe, Unterstützung. Alle! So ist es auch dann, wenn wir uns einreden, wir seien stark, unabhängig, klug, souverän.
Gespannt darf man sein, wie gerichtliche Auseinandersetzungen ausgehen, wenn mehr Eltern als bisher sich für eine inklusive Bildung entscheiden und das Schulsystem dadurch unter Reformdruck gerät.
Am Ende der Inklusion stehe eine neue Schule, die wir noch nicht kennen.
Schule
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