Um das Lesen in Deutschland steht es nicht gut. So hat jüngst erst eine Studie der Stiftung Lesen belegt, dass jeder Vierte niemals ein Buch liest. Und 45 Prozent der 14- bis 19-Jährigen haben erklärt, dass sie als Kind nie ein Buch geschenkt bekamen. Außerdem sinkt die Zahl der Bücher pro Haushalt kontinuierlich. Gleichzeitig beweisen die Verkaufszahlen mancher Kinderromane, dass sich der Nachwuchs sehr wohl vom Lesen begeistern lässt. Dazu zählt etwa die Lola-Reihe um ein neunjähriges quirliges Mädchen der Hamburger Kinderbuchautorin Isabel Abedi. Perspektive: Bildung hat sie nach den Gründen für diesen Erfolg gefragt und wollte von der Autorin und Expertin für Leseförderung, Silke Fokken, wissen, wie man Kinder vom Lesen begeistern kann. Das erste Buch der Lola-Reihe ´Hier kommt Lola!´ hat Silke Fokken gerade für das Leseprojekt einfach lesen! bearbeitet.
Frau Abedi, welche Leserinnen haben sie beim Schreiben vor Augen?
Isabel Abedi: Ich sehe keine Leser, sondern die Kinder und Erwachsenen in den Romanen. Natürlich ist es für Kinder wichtig, dass sie eine Figur haben, mit der sie sich identifizieren können und sie wünschen sich, dass diese Figur mindestens gleichaltrig ist, gern auch zwei Jahre älter. Ich weiß, wie viele Kinder die Lola-Bücher lesen, trotzdem tauche ich beim Schreiben ab in die Welt meiner Figuren. Es gibt allerdings auch Situationen, bei denen ich an die Leser denke. Als Lola in der neuen Folge nach Brasilien gereist ist, habe ich überlegt, ob ich Alex mitreisen lasse, weil ich weiß, dass die Leser es toll finden, dass die beiden ein Paar sind. Aber beim Schreiben blende ich all das weitgehend aus.
Die Lola-Reihe ist ein großer Erfolg - wie schaffen Sie es, die Kinder für das Lesen zu begeistern?
Isabel Abedi: Bei Lesungen ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie schnell man Kinder bannen kann, wenn die Texte stimmen. Das klappt bei allen Kindern - auch bei den Jungs, obwohl in diesen Geschichten ein Mädchen die Hauptrolle spielt. Anfangs verziehen die Jungs immer ihre Gesichter, wenn sie das rosa Buch sehen, aber dann hören sie aufmerksam und sehr gern zu. Die Verführung zum Lesen hat für mich also etwas mit dem Inhalt zu tun, nicht mit der Buchstabengröße, dem Zeilenabstand oder der Anzahl der Seiten. Ich habe zahlreiche Briefe von Müttern bekommen, die geschrieben haben: ´Mein Kind hat nie gelesen und dann kam Lola. Seitdem liest mein Kind.´ Ich finde es toll, wenn das Lesen für die Kinder erleichtert wird. Aber es muss Wert auf den Inhalt und die Qualität der Texte gelegt werden und nicht allein auf die Form.
Frau Fokken, nicht alle Kinder kommen in den Genuss einer Autorenlesung - wie können sie trotzdem zum Buch finden?
Silke Fokken: Das Wichtigste ist sicher, dass Eltern sich viel Zeit nehmen und mit viel Leidenschaft regelmäßig vorlesen. Und zwar nicht unbedingt nur als Einschlafhilfe, wofür sie dann möglicherweise etwas Langweiliges aussuchen und auch nicht in dem Bewusstsein, dass sie etwas für die Bildung der Kinder tun müssen, sondern damit beide viel Spaß haben. Dabei darf gern laut und auch viel gelacht werden. Das Erlebnis mit Büchern soll an eine positive Erfahrung geknüpft und immer freiwillig sein. Daniel Pennac hat dazu einmal gesagt, das Wort lesen duldet keinen Imperativ. Das ist sicher richtig. Es wäre schön, wenn sich mehr Eltern das ´Lies doch mal´ verkneifen könnten und ihren Kindern stattdessen auch dann noch das Vorlesen anbieten, wenn sie eigentlich schon selber lesen können.
Isabel Abedi: Meine Tochter liest, aber nicht, weil ich ihr lesefreundliche Formate zur Verfügung gestellt habe, sondern, weil ich ihr vorgelesen habe, bis sie zwölf, dreizehn Jahre war. Dadurch hat sie einfach die Freude an den Inhalten entdeckt und war dann irgendwann so weit, zu sagen: Jetzt kann ich so gut lesen, dass ich es selbst in die Hand nehme. Das ist ein Problem, das ich oft bei anderen Eltern erlebe. Sie sagen: ´Wir haben unseren Kindern bis zur ersten oder zweiten Klasse vorgelesen. Jetzt können sie selber lesen." Viele Eltern haben ihren Kindern bereits mit fünf Jahren Jim Knopf oder die Unendliche Geschichte vorgelesen. Dann sollen sich diese siebenjährigen Kinder, die inhaltlich schon auf einem so hohen Niveau gefüttert worden sind, plötzlich beim mühsamen Selberlesen mit einem kleinen, qualitativ mageren Buch abfinden! Das ist einerseits gut, weil die Kinder lesen lernen, aber es gehört andererseits unbedingt dazu, dass die Eltern den Kindern weiter vorlesen. Eltern und Lehrer, die wollen, dass ihre Kinder lesen, müssen ihnen über die Grundschulzeit hinweg vorlesen. Und das Vorlesen muss ein Genuss mit allen Sinnen sein. Auch Autorenlesungen sollen ein Genuss sein. Ich bin auf Lesungen gewesen, bei denen die Veranstalter gesagt haben, ´Liebe Kinder, wenn ihr jetzt artig der Autorin zuhört, dann bekommt ihr danach zur Belohnung eine Brezel´. Da kann ich dann nur sagen: ´Liebe Kinder, ich hoffe, ihr hört mir nicht zu, weil ihr artig seid oder eine Brezel kriegt, sondern ich hoffe, dass ihr mir zuhört, weil es Spaß macht´.
Wenn aber knapp 40 Prozent aller Kinder niemals vorgelesen bekommen, weder im Elternhaus, noch im Kindergarten oder in der Grundschule, dann muss man doch auch nach anderen Möglichkeiten der Leseförderung suchen. Gehört das Projekt einfach lesen! dazu?
Silke Fokken: Mit dem Leseprojekt einfach lesen! werden ganz verschiedene Bücher noch attraktiver für die Zielgruppe gemacht. Die Bücher sollen vor allem von den Lehrern im Unterricht eingesetzt werden. Kinder im Grundschulalter können sich eigentlich schon mit komplexen und längeren Geschichten beschäftigen, sie können aber oftmals diese Texte rein lesetechnisch noch nicht bewältigen. Lola ist ein relativ umfangreiches Buch und für Kinder, die Schwierigkeit beim Lesen haben, ist es sicher gut, wenn man auf die Lola-Ausgabe von einfach lesen! zurückgreifen kann. Ich habe den Text gekürzt und so in überschaubare Kapitel eingeteilt, dass es auch Kindern möglich ist, diesen Text zu lesen, die nicht so viel Lesestoff auf einmal bewältigen können. Die einzelnen Kapitel sind außerdem jeweils mit kleinen spielerischen Aufgaben versehen, sodass die Kinder durch das Buch begleitet werden. Die Idee ist, dass sie beim Lesen Spaß haben, ausgehend von der Geschichte dazu angeregt werden, ihre Fantasie spielen zu lassen und darin gefördert werden, den Sinn und die Strukturen von Texten zu erfassen. In der Reihe werden sehr verschiedene Titel aus der Kinderliteratur bearbeitet. Zum Beispiel ein Buch wie "Hier kommt, Lola", das bei vielen Kindern sehr beliebt ist, sie anspricht und sehr gut ihren Ton und ihre Themen trifft. Es sind auch andere moderne Titel dabei, die von Kritikern hoch gelobt wurden und Kindern sicher Spaß machen und Stoff zum Nachdenken bieten. Ich habe zum Beispiel "Wolf sein" von Bettina Wegenast bearbeitet, und da war es reizvoll, sich Aufgaben zu überlegen, die Kinder bei diesem Nachdenken begleiten und sie auf spielerische oder kreative Weise anregen. Und nicht zuletzt gibt es in der Reihe einfach lesen! viele klassische Titel aus der Kinderliteratur, von denen man sich wünscht, dass möglichst viele Kinder sie lesen. Im Idealfall nehmen Kinder das ganze Spektrum zur Kenntnis. Wenn Kinder, die zunächst Schwierigkeiten beim Lesen von langen Texten hatten, es geschafft haben, so ein gekürztes Buch zu lesen und daran Spaß hatten, dann sind sie meist stolz darauf und fühlen sich im Idealfall ermutigt und motiviert, auch Originale zu lesen.
Isabel Abedi: Der Leseband zu Lola ist sehr schön geworden und ich finde es auch in Ordnung, dass Inhalte herausgekürzt wurden, denn der Spaß an der Sprache bleibt ja erhalten. Aber für mich ist die Form nicht alles. Das heißt, der Leseband ist ein sehr effektiver Zusatz - aber kein Ersatz. Ich würde mich freuen, wenn die Kinder nach der Arbeit mit dem Leseband Lust hätten, das ganze Buch zu lesen oder in die Serie einzusteigen. Und ich bin froh um die Schulen, die sich ganz genau überlegen, welche Lektüre sie für den Unterricht wählen. Da sehe ich eine erfreuliche Entwicklung, dass Lehrer sich nämlich von den früheren Gewohnheiten verabschieden, die Kinder mit zu anspruchsvollen Angeboten zu überfordern, und einen Schritt in das Populäre wagen. Dazu zähle ich auch die Lola-Bücher. Sie sind populär, haben aber eine bestimmte Qualität. Ich finde toll, was sich in der Schule verändert hat, dass Bücher vorgestellt werden, dass es Leseclubs gibt, dass Kinder Bücher bewerten und Preise vergeben. Das gab es zu meiner Schulzeit nicht.
Isabel Abedi ist Kinderbuchautorin aus Leidenschaft. Zu einem großen Erfolg entwickelte sich ihre Kinderbuchreihe um Lola, die mittlerweile sechs Bände umfasst und im Loewe Verlag erscheint. Auch ihre Kinderromane Unter der Geisterbahn sowie Verbotene Welt begeistern ihre Leser. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Isabel Abedi lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Hamburg.
Die Journalistin Silke Fokken engagiert sich bereits seit Jahren für die Leseförderung. Für die Reihe einfach lesen! aus dem Cornelsen Verlag hat sie bisher zwei Titel bearbeitet: "Wolf sein" von Bettina Wegenast und "Hier kommt Lola! von Isabel Abedi.