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Gewaltprävention durch Schulgesundheitspflege?

Wittener Pflegewissenschaftler fordert "School Health Nurses" auch für Deutschland

Mehr zu: Deutschland, Forschung, Gesundheit, Gewalt in der Schule, Prävention, Stiftungen, Hochschule, Schule
16.03.2009 -

Wieder wird in Deutschland diskutiert, welche Konsequenzen aus solchen schrecklichen Vorfallen wie dem Amoklauf in Winnenden für die Zukunft zu ziehen sind. Sicherheitsdienste an Schulen, Einlasskotrollen und Metalldetektoren, Verbot von Killerspielen, Verschärfung des Waffenrechtes, mehr Kontrollen in Internetforen. Patentrezepte scheint es viel zu geben.

"Angst und Misstrauen vor unseren eigenen Kindern kann nicht die Antwort auf diese schrecklichen Ereignisse sein", so Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler an der Universität Witten/Herdecke."Tim K. litt an Depressionen, psychische Probleme im Kindes- und Jugendalter sind kein seltenes Phänomen und betreffen im Schnitt jeden 7. Schüler. Es ist die Frage, wer diesen Kinder an Deutschen Schulen hilft. Schulpsychologen sind da nur ein Schritt in eine richtige Richtung." Andreas Kocks hat die Arbeit von School Health Nurses untersucht. "International sind Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitsversorgung zentrale Aufgaben der Pflege. SchulgesundheitspflegerInnen sind beispielsweise in Skandinavien, England oder Kanada an jeder Schule tätig. Sie sind dort im Schulalltag präsent, d.h. sie sind für Kinder und Jugendliche zu jeder Zeit Ansprechpartner bei allen gesundheitlichen, d.h. körperlichen, seelischen und sozialen Fragestellungen oder Problemen. Wenn wir eine Kultur des Hinhörens, Hinschauen und des Vertrauens an Deutschen Schulen wollen, müssen wir den Kindern und Jugendlichen auch niederschwellige Angebote machen." Der Pflegewissenschaftler hält die Schulgesundheitspflegerinnen für einen richtigen Schritt.

Aufgabe der Schulgesundheitspflegerin ist die regelmäßige Untersuchung aller Kinder. "Neben der Versorgung von Verletzungen oder Hilfestellung bei Erkrankungen sind es diese regelmäßigen Untersuchungen, die die Basis für eine intensive Vertrauensstellung der School Nurses sind". Andreas Kocks hat in Schweden School Nurses begleitet."Im Schnitt besucht jedes schwedische Kind viermal pro Jahr zusätzlich aus eigenem Antrieb eine School Nurse. Wichtig ist die Präsenz der School Health Nurses im Schulalltag, der direkte Kontakt zu den Schülern und ihre Schweigepflicht. School Health Nurses sind in Schweden diejenige Berufsgruppe an der Schule, der die Schüler am meisten vertrauen", so Kocks. "Die Vertrauensstellung und Selbstverständlichkeit dieses Angebotes sind die Basis für Kinder um über ihre Ängste oder Sorgen überhaupt zu reden. Das können schon mal mehr als 30 Schülerbesuche an einem Tag sein, die eine schwedische Schulgesundheitspflegerin in einer Schule hat. Dabei geht es dann um Kopfschmerzen, Übelkeit, Bänderdehnung aber auch um Themen wie Mobbing, Ausgrenzung, häusliche Gewalt oder Suizidgefahr."

"Gesundheit im Kontext Schule ist immer weit zu denken und schließt immer auch soziale oder psychische Aspekte mit ein", betont Andreas Kocks. "Der große Gewinn einer pflegerischen Gesundheitsversorgung in den Schulen, liegt in dem einfachen Zugang zu Kindern und Jugendlichen, ohne diese zu stigmatisieren. Pflegende arbeiten hier im Schnittbereich zwischen körperliche, seelische und sozialen Phänomenen". Die Arbeit der Spezialistin steht im engen Austausch mit Sozialarbeitern, Psychologen, Ärzten und Lehrern. Rückzug, Kränkungen, Minderwertigkeitsgefühle, der Verlust von Freundschaften oder Mobbingsituationen stehen vielfach im Vorfeld von Amokläufen. "Auch wenn es einer Schulgesundheitspflegerin vielleicht nicht gelingen mag, das Phänomen Amoklauf im Ganzen zu verhindern, bietet sie jedoch die Möglichkeit auf jeden einzelnen Schülerin und Schüler zuzugehen, den Kontakt und deren Vertrauen zu gewinnen, um so Angebote der Gesundheitsförderung und Prävention zu machen", so Andreas Kocks. "Was wir brauchen ist ein System der Wertschätzung, Achtung, Sorge und Chancengleichheit, dass jeden einzelnen Schülerin und Schüler in den Blick nimmt. Pflegende können hierzu einen entscheidenden Betrag leisten."

Das Institut Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke hat sich die Entwicklung dieses für Deutschland neuen Berufsbildes auf die Fahnen geschrieben. Ein erstes Treffen mit Vertretern aus Politik, Schule, Berufsverbänden und Stiftungen hat hierzu bereits stattgefunden um Schritt in Richtung eines Modellversuches zu ermöglichen.

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