Chancen einer Schule für alle in der aktuellen Auseinandersetzung
Ein Beitrag von Valentin Merkelbach
Mehr zu: Auslese, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Bremen, Deutschland, Europa, Gemeinschaftsschule, Gesamtschule, Grundschule, Gymnasium, Hamburg, Hauptschule, Hessen, KITA, Mittelschule, Oberschule, Primarschule, Realschule, Regionalschule, Schulstress, Schulstruktur, Schulträger, Volksbegehren, Volksentscheid, Schule"Wer das Gymnasium abschaffen will, wird abgewählt". Mit dieser lapidaren Schlagzeile beginnt Spiegel Online am 17.12.08 ein Interview mit Wilfried Bos, dem deutschen Leiter der IGLU-Lesestudie. Es geht darin u.a. um die Frage, warum Kinder am Ende der Grundschule im Schnitt gute Leseleistungen zeigen, am Ende der Sekundarstufe I jedoch auch in PISA 2006 mit nur bescheidenen Ergebnissen aufwarten. Die naheliegende Frage, warum man nicht Kinder über die Grundschule hinaus länger gemeinsam lernen lässt, wie in 95 Prozent aller Länder, verweist für Bos auf eine in Deutschland "ständestaatliche Tradition", die ziemlich gut funktioniere und die niemand werde abschaffen können: das Gymnasium.
Spiegel Online: Und weil das Gymnasium sakrosankt ist, wird sich nie grundlegend etwas ändern? Bos: Jedenfalls nicht am Gymnasium. Alle Eltern, die etwas zu sagen haben, die kampagnenfähig sind, schicken ihre Kinder aufs Gymnasium – die werden den Teufel tun, diese Schulform abzuschaffen. Die Diskussion ist schlicht müßig. Spiegel Online: Also resignieren Sie? Bos: Keineswegs, ich halte das bisherige System für ungerecht. Das sagen mir aber weniger die Iglu- oder die Pisa-Studie, das sagt mir vielmehr der gesunde Menschenverstand. Warum tun wir zehnjährigen Kindern den Stress an, sie mindestens ein halbes Jahr lang für den Schulwechsel zu drillen? Und warum lassen wir die Hauptschüler dumm in der Ecke stehen? Nur: Es wird nicht gelingen, das Gymnasium abzuschaffen. Wer das versucht, wird nicht wiedergewählt.
Für Wilfried Bos lässt sich das gegliederte System nicht gerecht gestalten. Das Maß an Ungerechtigkeit lasse sich nur abmildern, wie es das konservativ regierte Baden-Württemberg mit Erfolg betreibe. Dort können begabte Haupt- und Realschüler/innen an beruflichen Gymnasien das Abitur nachholen und das sei inzwischen jedes dritte Abitur. Das Land hole so "einen Großteil derer, die sie falsch sortiert haben, wieder zurück".
Während Wilfried Bos sich angesichts der gesellschaftlichen Machtverhältnisse mit dem ungerechten Schulsystem abfindet und im Reparaturbetrieb Baden-Württembergs eine pragmatische Notlösung sieht, ist die Bildungsforscherin Brigitte Schumann mit einer solchen resignativen Haltung überhaupt nicht einverstanden. Die langanhaltende und publizitätsträchtige Debatte über die Verkürzung der Gymnasialzeit verdecke, "dass es unabhängig von G8 – z.B. mit der Abschiebung in andere Schulformen – Selektionsprobleme gab und gibt, die die Betroffenen in Angst und Verzweiflung stürzen" könnten. Der "Klau der Kindheit" fange nicht erst mit G8 an. Schon Grundschulkinder seien davon betroffen und demnächst vielleicht sogar die Kleinsten in den Kitas. "Erst die Erkenntnis, dass all dies mit der Existenz des Gymnasiums selbst zusammenhängt", führe "zu des ´Pudels Kern´".
Spätestens seit das Gymnasium zum Marktführer unter den Schulformen in Deutschland geworden ist, sehen sich die Grundschulen als reine "Durchgangsschulen" und "Zubringer" zum Gymnasium für eine bestimmte und bestimmende Elternschaft entwertet. Die Qualität der Grundschule nur daran zu messen, wie gut sie Kinder für das Gymnasium fit macht, hat nichts mit der Verwirklichung einer kindgerechten Grundschulpädagogik zu tun. (Schumann 2008, S.1)
Dem Gymnasium und seinen Befürwortern ist es für Brigitte Schumann auch zu verdanken, "dass die Gesamtschule anders als in den europäischen Nachbarländern in den 1970er Jahren nicht zu der ersetzenden Schulform in Deutschland werden durfte" und mit dem Modell der Zweigliedrigkeit werde "nunmehr der politische Versuch gemacht, die Entwicklung hin zur Gemeinschaftsschule zu torpedieren". "Das Gymnasium soll so nicht nur erhalten, sondern zu einer exklusiven Schule ausgestaltet werden". Dabei werde das Kindeswohl "in vielfältiger Weise unmittelbar und mittelbar beschädigt und verletzt durch die Existenz des Gymnasiums, mit dem die Leistungsselektion und die soziale Selektion institutionell stehen und fallen". (Schumann 2008, S.3)
Am Ende ihres Beitrags fordert Brigitte Schumann die Diskussion über G8 zu erweitern um die Frage: "Brauchen wir das Gymnasium? Und wenn ja, für wen eigentlich?" Die provokante Frage wird inzwischen in fast allen Bundesländern von Bürgerinitiativen und Organisationen, die längeres gemeinsames Lernen bis zum Ende der Pflichtschulzeit fordern, gestellt und hat in jüngsten Koalitionsvereinbarungen der Parteien auch aktuelle Antworten erfahren.
Nicht das Gymnasium, die Gesamtschule wird abgeschafft
Im CDU-regierten Stadtstaat Hamburg begann nach PISA 2003 die Erörterung der Frage, ob man nicht die bescheidenen Ergebnisse der Studie, vor allem im unteren Leistungsbereich, durch eine Reduktion der Schularten, ähnlich wie im PISA-Siegerland Sachsen, mittelfristig verbessern könnte. Mit den Ergebnissen einer von der Stadtregierung eingesetzten parteiübergreifenden Enquetekommission plante die CDU-Regierung ein Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und einer Stadtteilschule, in der sich Haupt-, Real- und Gesamtschulen vereinen und die nach 13 Jahren auch zum Abitur führt. Nach der Grundschule konnten nach diesem Plan die Eltern eine der beiden Schulformen frei wählen.
Das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium hatte die Möglichkeit, am Ende von Klasse 6 leistungsschwache Schüler/innen an die Stadtteilschule abzugeben, war danach aber verpflichtet, seine Schüler/innen sowohl auf den ersten Bildungsabschluss (Hauptschulabschluss) als auch auf den Mittleren Abschluss vorzubereiten.
Im Schulkompromiss von Schwarz/Grün 2008 setzten die Grünen eine sechsjährige "Primarschule" durch, die verbindlich entscheidet, wer das Gymnasium und wer die Stadtteilschule besucht. Das Gymnasium trägt, wie im Schulplan der CDU, ab Klasse 7 die Verantwortung für seine Schüler/innen bis zum Ersten und zum Mittleren Bildungsabschluss.
Während das Bündnis "Hamburg braucht eine Schule für alle", dem bis zur Wahl auch die Grünen angehörten, mit einem Volksbegehren, dem ein Volksentscheid folgen sollte, gescheitert, aber damit wohl nicht am Ende ist, kämpft inzwischen eine "Volksinitiative" "Wir wollen lernen" gegen eine weitere Verkürzung der Gymnasialzeit von G8 auf G6. Die Frage ist: Wird sich die Hamburger CDU dieser konservativen und meinungsmächtigen Initiative auf Dauer widersetzen können? Und werden die Grünen über die Legislaturperiode hinaus gegen das Bündnis für längeres gemeinsames Lernen an der Abschaffung der Gesamtschule als einer Schule für alle festhalten? Werden sie mit der CDU zusammen rechtfertigen, dass die Grundschule zwölfjährige Kinder der "berufsorientierten" Stadtteilschule oder dem "wissenschaftsorientierten" Gymnasium verbindlich zuweist, - mit all den Folgen dieser rigiden Sortierung für die Arbeit der Grundschule und für die betroffenen Kinder und Eltern? (Merkelbach Juni 2008)
Schon in der ersten rot/roten Koalition waren sich SPD und, damals noch, PDS grundsätzlich einig, dass es in Berlin gemeinsames Lernen von Klasse 1 bis 10, unter Einschluss des Gymnasiums, geben sollte, ohne dass im Laufe der Legislaturperiode ernsthaft an eine Umsetzung dieser Vereinbarung gedacht worden wäre. In der Auseinandersetzung vor der Landtagswahl 2006 entschied der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, die SPD werde in einer neuen Regierung das Gymnasium nicht abschaffen. Im neuen Koalitionsvertrag einigte man sich mit der Linkspartei, die weiterhin eine Schule für alle fordert, auf eine "Pilotphase Gemeinschaftsschule" von 2008/09 bis 2012/13. Alle Schulen, Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe I mit und ohne gymnasiale Oberstufe, waren eingeladen, sich mit einem Schulprogramm um die Teilnahme zu bewerben. Von 65 Schulen, darunter allerdings kein einziges Gymnasium, erhielten 16 die Genehmigung.
Erst nach der Koalitionsvereinbarung holte der alte und neue Regierende Bürgermeister, der die Pilotphase und damit die offene Diskussion über das künftige Schulsystem akzeptierte, zugleich aber dem Gymnasium seine Weiterexistenz garantiert, Jürgen Zöllner aus Rheinland-Pfalz als neuen Bildungssenator. Zöllner sollte den Streit in der Koalition schlichten und zugleich eine Schulentwicklung einleiten, die für das drängendste Problem des Berliner Schulwesens, die Hauptschule, eine Perspektive enthält.
Während die Schulen der Pilotphase gerade mit ihrer anspruchsvollen pädagogischen Arbeit begannen, erfuhr die Berliner Öffentlichkeit, was dem Bildungssenator als strukturelle Lösung der Berliner Schulprobleme vorschwebt. Ganz im Sinne des schwarz/gelben Hamburger Schulkompromisses soll es auch in Berlin mit seiner sechsjährigen Grundschule neben dem Gymnasium eine Zweitschule, die Regionalschule, geben, in der kurzfristig Haupt- und Realschulen und später auch die Gesamtschulen zusammengefasst werden. Auch diese Regionalschule soll, wie die Hamburger Stadtteilschule, zum Abitur führen. (Merkelbach Dezember 2008, S.9-13)
Ähnlich wie in Berlin haben sich in Bremen nach der letzten Landtagswahl 2007 zwei Parteien zu einer Koalition entschlossen, die vor der Wahl längeres gemeinsames Lernen propagierten, was in der langjährigen Großen Koalition nicht vereinbart werden konnte. Mit der Bildung der rot/grünen Koalition erwarteten die Befürworter einer Schule für alle, dass die beiden Parteien den Ankündigungen im Wahlkampf nun auch Taten folgen lassen.
Im Koalitionsvertrag vom 17.6.07 heißt es dazu allerdings schon eher vage: "Wir unterstützen die Schulen dabei, in den Regionen durch freiwillige Kooperationen kontinuierliches Lernen und Integration zu stärken. Unser Ziel ist eine gemeinsame Schule bis zu Klasse 10 für alle Kinder des Stadtteils." Von der neuen SPD-Bildungssenatorin, Renate Jürgens-Pieper, die den Auftrag bekam, einen Schulentwicklungsplan für Bremen zu erarbeiten, erfuhr die Bremer Öffentlichkeit erst einmal, sie wolle "werben" für mehr gemeinsamen Unterricht und "aufklären" über Themen wie Notengebung, Sitzenbleiben und Abschulung. Und sie wolle die bestehenden Schulformen weiterentwickeln, z.B. das Gymnasium, das in Bremen bereits von mehr als der Hälfte der Schüler/innen besucht werde und zur "Haupt"-Schule geworden sei. (Erziehung & Wissenschaft 9/07, S.33)
Statt eines Schulentwicklungsplans von Rot/Grün gab es dann am 19.12.08 den "Bremer Konsens zur Schulentwicklung", der von den Parteispitzen von SPD, CDU, FDP und den Grünen ausgehandelt wurde und dem die Parteien noch zustimmen müssen. Der Konsens soll zehn Jahre, von 2009 bis 2019, gelten, unabhängig von der jeweiligen Regierung. Erst gegen Ende dieser Phase (2017) soll Bilanz gezogen werden. Die schulpolitisch relevanten Aussagen des Konsenspapiers sind folgende:
- Neben dem Gymnasium gibt es nur noch eine Schulform, die "Oberschule", in der, wie in der Hamburger Stadtteilschule, Haupt-, Real- und Gesamtschulen fusionieren.
- Die Oberschule führt mit äußerer oder innerer Differenzierung zur "Berufsbildungsreife" (Hauptschulabschluss), zum Mittleren Abschluss und nach 13 Jahren zum Abitur.
- Auch an Gymnasien erwerben Schüler/innen "mit Versetzung in Klasse 9 die Berufsbildungsreife" und wenn sie nach 12 Jahren das Abitur nicht bestehen, bekommen sie "je nach Leistungsbild einen mittleren Abschluss oder eine Fachhochschulreife zuerkannt".
- "Das Verlassen einer Schulart" geschieht "nur noch auf Antrag der Eltern".
- Am Ende der Grundschule, die "einen durch die Stadtgemeinde festgelegten Einzugsbereich" behält, ist die Wahlmöglichkeit zwischen Oberschule und Gymnasium "gesetzlich gesichert".
- "Eltern, die ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben, können künftig wählen, ob ihr Kind eine allgemeinbildende Schule oder ein eigenständiges Zentrum für unterstützende Pädagogik besuchen soll." (GEW-PISA-Info 01/2009)
Die Einigung der beiden bildungspolitischen Lager auf ein zweigliedriges System auch in Bremen enthält gegenüber Hamburg einige beachtliche Elemente, die auch das Gymnasium nicht unangetastet lassen. Dennoch stellt sich die Frage: Kann die geplante Oberschule, auch mit dem pädagogischen Know-how der zahlreichen Bremer Gesamtschulen, zu einer Schule werden, die auf Augenhöhe mit dem Gymnasium um die Gunst der Eltern wirbt? Oder wird sie nicht doch die von Kritikern prognostizierte "Restschule" für die leistungsschwächeren Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien?
Da SPD und Grüne vor der Wahl längeres gemeinsames Lernen propagierten, ist die Frage leicht zu beantworten, wer von den beiden schulpolitischen Lagern den größeren Preis gezahlt hat, wenn der Konsens der vier Parteien Gesetz werden sollte. Für die Linkspartei, die den Konsens nicht mitträgt, untermauert er "die Spaltung der Bildungslandschaft". Für die GEW wird das gegliederte Schulsystem "für die nächsten zehn Jahre zementiert" und die "Schule für alle", wie sie Rot/Grün wollte, rücke "in weite Ferne". (Frankfurter Rundschau, 3./4. 09, S.15)
Schon vor dem Bremer Schulkompromiss hat die sozialdemokratisch geführte Große Koalition in Brandenburg nach der Landtagswahl 2005 eine Oberschule beschlossen, in der alle Gesamtschulen ohne eigene Oberstufe mit den Realschulen fusionieren. Das Land hatte sich nach der Wende für ein dreigliedriges Schulsystem ohne eigenständige Hauptschulen entschieden mit Gesamtschulen, Realschulen und Gymnasien. Von den 174 Gesamtschulen, die bis 2005 einen Schüler/innen-Anteil von mehr als 50 Prozent hatten, blieben noch 39 mit eigener Oberstufe übrig, denen bei weiter rückläufigen Schülerzahlen auch die Umwandlung in Oberschulen droht. Das Ziel ist offensichtlich ein zweigliedriges System mit dem Gymnasium als der "höheren" Schule.
Wenn sich in Berlin der amtierende Bildungssenator durchsetzt und es neben dem Gymnasium nur noch eine Regionalschule geben wird, dann ist dies mit Brandenburg und Bremen die dritte sozialdemokratisch geführte Landesregierung, die dem Beispiel Hamburgs folgt und mit der Abschaffung der Gesamtschule sich von der seit den 1920er Jahren von der SPD geforderten Schule für alle auch in der Sekundarstufe I verabschiedet.
Wie ein Kompromiss aussehen kann zwischen Befürwortern des Gymnasiums und einer Schule für alle
Der Koalitionsvertrag in Schleswig-Holstein 2005, nicht mehr zwischen Rot/Grün, sondern zwischen CDU und SPD, ließ das Gymnasium unangetastet neben einer Regionalschule (Haupt- und Realschule) und der neuen Gemeinschaftsschule, mit der Option für alle Schulen der Sekundarstufe I, sich allein oder mit anderen Schulen zusammen zu einer Gemeinschaftsschule zu entwickeln. (Merkelbach, Dezember 2008, S.4-7)
Die Gemeinschaftsschule ist also nicht eine Zweitschule unterhalb des Gymnasiums, sondern sie ist, wie die Gesamtschule, eine das gegliederte System ersetzende Schule, die überall dort entsteht, wo Schulen, Eltern und Schulträger das wollen. Diese Schulform bietet nicht nur alle Schulabschlüsse bis zum Abitur an. Sie hat auch denselben Bildungsanspruch wie das Gymnasium, ist also nicht, wie die Hamburger Stadtteilschule, eine "berufsorientierte" Schule, sondern steht, ganz wie die Gesamtschule, in der Tradition der Reformpädagogik für ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand, worin Wissenschaftsorientierung und Berufsorientierung integrale Bestandteile sind.
Ob die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein sich zu einer solchen Schule entwickeln kann, die auf Augenhöhe mit dem Gymnasium um die Gunst der Eltern wirbt, hängt davon ab, ob Schulen, die auch oder gar überwiegend leistungsschwächere Kinder und Jugendliche unterrichten, nach einem Sozialindex eine bedarfsgerechte personelle und materielle Unterstützung erfahren.
Nach der hessischen Landtagswahl 2008 versuchten SPD und Grüne, unter Tolerierung der Linkspartei, eine Regierung zu bilden, was bekanntlich gescheitert ist. Der Koalitionsvertrag zwischen SPD und Grünen ist als Regierungsprogramm zwar Makulatur, verdient aber in seinen schulpolitischen Kernaussagen insoweit Beachtung, als er ein Angebot sein könnte für einen Kompromiss der beiden politischen Lager, die sich in Hessen seit dem Schulstreit der 1970er Jahre immer noch unversöhnlich gegenüberstehen.
Die beiden Koalitionspartner vereinbarten, dass ab dem Schuljahr 2009/10 alle Schulen "in einer neugestalteten Sekundarstufe I mit binnendifferenziertem Unterricht ohne schulformbezogene Leistungsgruppen arbeiten können". Dieser Weg sollte "allen heutigen Gymnasien, Haupt- und Realschulen, kooperativen und integrierten Gesamtschulen offen" stehen, die Initiative aber "bei der Schulgemeinde – den Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern – und natürlich beim Schulträger" liegen. Was die auch in Hessen dramatisch schwindende Akzeptanz der Hauptschule betrifft, wollte Rot/Grün mit den Schulträgern die Vereinbarung treffen, "dass im Laufe der Legislaturperiode keine neuen 5. Hauptschulklassen mehr gebildet werden". (Koalitionsvertrag, Oktober 2008, S.11 f.)
In der neuen hessischen Landesregierung aus CDU und FDP übernimmt die FDP zum ersten Mal das Kultusministerium. Das könnte die verhärteten bildungspolitischen Fronten lockern. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits in der Koalitionsvereinbarung der beiden Parteien. Sie wollen zwar das mehrgliedrige Schulsystem erhalten, weil es "den unterschiedlichen Begabungen, Talenten und Stärken der Schülerinnen und Schüler am besten gerecht" werde; den Schulen aber "mit den beiden Bildungsgängen Hauptschule und Realschule" wird "die innere Organisation freigestellt". Vor Ort könne entschieden werden, ob "Haupt- und Realschulzweige in der fünften Klasse gemeinsame oder getrennte Eingänge haben". (Koalitionsvereinbarung, Februar 2009, S.29 f.)
In einem Interview erläutert die neue Kultusministerin, Dorothea Henzler, diese Vereinbarung. Die einzelne Schule könne entscheiden, "ob sie alle Schüler gemeinsam unterrichtet oder auch getrennt". Wie lange sie das macht ("von mir aus bis Klasse 9") und in welchen Fächern, solle die Schule entscheiden. Das Gymnasium bleibt in seinen selektiven Möglichkeiten unangetastet. Das Festhalten an G8 begründet die Kultusministerin so: "Das klassische Gymnasium" sei "eine Schule für Kinder und Jugendliche, die ihre Schulzeit möglichst schnell durchlaufen und beenden und ein Jahr Lebenszeit gewinnen wollen". Schließlich gebe es Wahlmöglichkeiten für G9 an Kooperativen und Integrierten Gesamtschulen. (Frankfurter Rundschau, 3.2.09, S.R10)
Für Dorothea Henzler bleibt, ganz im Einklang mit der CDU, das Gymnasium die Schule für die Schnellen und Leistungsstarken und wer da nicht mithalten kann bzw. bei Lernproblemen keine private Unterstützung erfährt, wird an einer anderen Schule weiterlernen müssen. Dass diejenigen, die es schaffen, durch die Verkürzung der Gymnasialzeit in der Sekundarstufe I Lebenszeit gewinnen, wird von vielen Schüler/innen und Eltern allerdings ganz anders erlebt.
Dennoch: Neben dem Gymnasium bleibt in der Koalitionsvereinbarung von CDU und FDP auch die Integrierte Gesamtschule unangetastet. Auf die Frage, warum sie in der Vereinbarung nicht erwähnt werde, antwortet die Ministerin der Hessischen Lehrerzeitung: Die IGS gehöre "zur Vielfalt der Angebote dazu". Es gebe "supergute Integrierte Gesamtschulen und schlechte, genauso wie es supergute und schlechte Gymnasien" gebe. Sie selbst habe "überhaupt keine ideologischen Vorbehalte gegen die IGS". Zwei Töchter habe sie auf der IGS gehabt "und zwar ganz bewusst" und ihre "Vorzeigeschule" sei "immer die IGS Stierstadt in Oberursel".(HLZ 3/09, S.7)
Im Unterschied zu Hamburg und Bremen und analog zur Strukturreform der Großen Koalition in Schleswig-Holstein kann die Vereinbarung von CDU und FDP unter diesem Aspekt durchaus als ein Kompromissangebot an die Opposition wahrgenommen werden. Wenn es neben dem Gymnasium und einer fusionierten Haupt- und Realschule in Hessen weiterhin Integrierte Gesamtschulen gibt, bleibt mit dieser Schule eine für alle Kinder offene Schule erhalten. Und wenn Schulen im Einvernehmen mit Eltern und Schulträgern sich mit einem entsprechenden Konzept in eine Gesamtschule umwandeln wollen oder eine Neugründung notwendig wird und das dann nicht mehr, wie in der Vergangenheit, von der Schulbehörde behindert oder abgewiesen wird, könnte, wie in Schleswig-Holstein, auch in Hessen nach langer Eiszeit Tauwetter einsetzen zwischen den beiden bildungspolitischen Lagern.
Das Gymnasium in der Sekundarstufe I ist in keinem der neuen Schulpläne in seiner Existenz in Frage gestellt. Der Versuch von SPD und Linkspartei in Berlin, dies in einem Koalitionsvertrag ernsthaft in Erwägung zu ziehen, ist aus Angst der SPD vor einer Kampagne der Gymnasiallobby gescheitert. Brigitte Schumanns Frage, ob wir das Gymnasium brauchen und wenn ja, für wen eigentlich, ist mit Blick auf die neuen Strukturmodelle leicht zu beantworten. Wir brauchen das Gymnasium von 5 bis 9/10, weil eine mächtige Gruppe in der Gesellschaft will, dass ihre Kinder, wenn schon nicht mehr von Anfang an, so spätestens am Ende der Grundschule von den leistungsschwächeren Schüler/innen getrennt werden, die überwiegend die sozial und kulturell unterprivilegierten Kinder sind.
Mag das Gymnasium auch in keinem Bundesland ernsthaft zur Disposition stehen, so sind die Befürworter des gegliederten Systems durch die neuen Strukturmodelle doch gehörig irritiert und herausgefordert. Schließlich geht es dabei nicht nur um die Existenz des Gymnasiums, sondern auch um die uneingeschränkte Möglichkeit des Sortierens der Schüler/innen in leistungsstarke, leistungsschwächere und leistungsschwache, und das über die einmalige Bildungsempfehlung der Grundschule hinaus. Davon ist viel stärker als das Gymnasium die Realschule betroffen, die bei rapide schwindender Akzeptanz der Hauptschule in allen neuen Strukturmodellen mit der Hauptschule zusammen als eigenständige Schulform einfach verschwindet, was zu unterschiedlichen Reaktionen geführt hat.
In Schleswig-Holstein sind die Realschulen nach heftigem Widerstand gegen eine Fusion mit der Hauptschule zur Regionalschule rasch zu Befürwortern der Gemeinschaftsschule geworden und beeinflussen wohl auch die wachsende Akzeptanz dieser neuen Schule für alle. In Hamburg fusioniert die Realschule mit Hauptschule und Gesamtschule. Ähnliches ist in Berlin und Bremen geplant. Damit können offensichtlich Realschulen und ihre Interessenvertretung leben. Überall dort allerdings, wo das Problem Hauptschule noch ungelöst ist und Landesregierungen an der ungeliebten Schulform festhalten wollen, wehrt sich die Realschule gegen eine Fusion und kämpft mit dem Gymnasium zusammen für den Erhalt der Hauptschule.
Dazu hat sich inzwischen in Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und am 10.3.09 auch in Baden-Württemberg ein "Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen" gegründet aus Lehrer/innen und Eltern, dem Philologenverband und dem Realschullehrerverband (Frankfurter Rundschau, 12.3.09). Das Bündnis richtet sich offiziell gegen die Gründung von Gemeinschaftsschulen, wehrt sich aber vor allem gegen die Fusion von Haupt- und Realschule, was zu einem zusätzlichen Run aufs Gymnasium führen dürfte, zulasten einer mit der Hauptschule vereinten Realschule. Eine solche Entwicklung lässt sich seit geraumer Zeit am sächsischen Schulsystem mit Gymnasium und Mittelschule studieren. (Merkelbach Dezember 2008, S.7-9)
Neben der mächtigen Interessenvertretung des Gymnasiums und der weit weniger mächtigen der Realschule gibt es eine dritte, repräsentiert durch eine stattliche Anzahl von Initiativen und Organisationen, die die Auffassung vertritt, dass es gut ist für eine demokratisch verfasste Gesellschaft, wenn Kinder aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus in der öffentlichen Schule möglichst lange zusammen leben und lernen und ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen erfahren und reflektieren. Die Protagonisten dieser Gruppe engagieren sich seit Jahrzehnten für die Integrierte Gesamtschule und neuerdings auch für die Gemeinschaftsschule.
Eine Verständigung der beiden divergierenden Systeme auf einen fairen Wettbewerb könnte dazu führen, dass bei einer wachsenden Zahl von Eltern die Schulform an Bedeutung verliert gegenüber dem pädagogischen Programm der einzelnen Schule und dessen erfolgreicher Umsetzung. Ist ein solches konkurrierendes Nebeneinander von Gymnasium und einer Schule für alle als gleichrangige Schulen der Sekundarstufe I nicht vielleicht doch mehr als eine schöne Illusion, wenn es gelingt, unterschiedliche Belastungen der Schulen personell und materiell auszugleichen? Könnte ein solcher Wettbewerb um das Vertrauen der Eltern nicht auch der inneren Reform der deutschen Schule Auftrieb geben, hin zu einem nicht mehr selektions-, sondern förderorientierten Unterricht? Und ist eine solche Entwicklung nicht zuletzt eine unverzichtbare Voraussetzung für gemeinsames Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern, wie es eine vom Deutschen Bundestag im Januar 2009 ratifizierte UN-Konvention fordert?
Wer das Gymnasium abschaffen will, da ist Wilfried Bos´ Prognose wohl zuzustimmen, wird mit dieser Ankündigung in keinem Bundesland die nächste Wahl gewinnen. Wer jedoch den Befürwortern einer Schule für alle, sei es die Integrierte Gesamtschule oder die Gemeinschaftsschule, diese Schule als pädagogische Alternative verweigert, mag, wie seither schon, auch die nächste Wahl gewinnen, der Streit aber der beiden schulpolitischen Lager wird unvermindert weiter gehen.
Literatur
- Koalitionsvertrag zwischen SPD und Bündnis 90/Die Grünen in Hessen. Oktober 2008.
- Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP in Hessen. Februar 2009.
- Merkelbach, Valentin: Der Schulkompromiss von Schwarz-Grün in Hamburg.
user.uni-frankfurt.de/~merkelba/ Juni 2008. - Merkelbach, Valentin: Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule? Zur Perspektive zweier Reformmodelle nach PISA 2006.
user.uni-frankfurt.de/~merkelba/. Dezember 2008. - Schumann, Brigitte: Das Gymnasium und der Klau der Kindheit. www.forum-kritische-paedagogik.de Dezember 2008.
Zur Person
Prof. Dr. Valentin Merkelbach ist emeritierter Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität.
Quelle: user.uni-frankfurt.de/~merkelba/
Ein gut recherchierter Artikel, der die bildungspolitische Diskussion aber auch die praktische Umsetzung von Reformansätzen in den einzelnen Bundesländern konkretisiert und zusammenfasst.Es ist jedenfalls etwas ins Rollen gekommen, aber von dem, was viele KollegInnen mit der einen, gemeinsamen Schule fordern, sind wir doch noch relativ weit entfernt:
www.laenger-gemeinsam-lernen.de
Was Valentin Merkelbach verschweigt:
Das PISA-Desaster hat die mangelnde Qualität unseres Bildungssystems seit 2000 offengelegt. Die Ursachen werden - auch von Merkelbach - hauptsächlich auf der operativen Ebene der Schule sowie in sozio-strukturellen Kontexten gesucht und gefunden. Die Lösung des Problems wird von jenen Bildungsforschern unisono in der „Schule für alle“, entsprechend einer idealen Einheitsschule, gesehen. Diese Sicht der Dinge ist, wie üblich, selektiv und führt zu tendenzwissenschaftlichen Schlussfolgerungen. Letzteres ergibt sich aus der Tatsache, dass das entsprechende multivariate Einflussmodell lediglich 45% der Situation (abgebildet durch die entsprechenden Varianzen) erklärt. Die übrigen Faktoren sind offiziell nicht bekannt bzw. werden ignoriert. Die wichtigste Einflussvariable, welche allein weitere 45% der Situation erklärt, ist dabei das pädagogische Konzept, auf welchem die Bildungsgesetzgebung der Länder basiert. Eine Untersuchung zeigt [1], dass sich die Schulgesetze aller sechzehn Bundesländer in Bezug auf die Bildungs- und Erziehungsziele mehr oder weniger nach der pädagogischen Lehre von Wolfgang Klafki - „Klafki-Pädagogik“ - ausrichten. Das ernüchternde Ergebnis der Studie lautet vereinfacht: Je weniger Klafki-Pädagogik im System, desto besser schneidet es bei PISA ab.
Die Nichtbeachtung der bildungspolitischen Variable „Klafki-Pädagogik“ ist, wie gesagt, üblich. Und dies liegt in der Entwicklung unseres Bildungssystems nach dem Zweiten Weltkrieg begründet. Letztere soll hier kurz skizziert werden: Der Wiederaufbau des deutschen Bildungssystems nach 1945 erfolgte hinsichtlich Struktur und Pädagogik nach dem erfolgreichen Konzept der Weimarer Zeit. Die Versuche der politischen Einflussnahme durch die Alliierten - allen voran die Amerikaner - die Sozialisten und Linksliberalen - versammelt in der SPD sowie den linken Flügeln von CDU und FDP - und der sich entwickelnden Neuen Linken, waren anfänglich zum Scheitern verurteilt. Beide Strömungen zielten, wenn auch aus unterschiedlichen politischen Motiven, auf die Zerstörung des erfolgreichen dreigliedrigen Systems, bestehend aus einer neunjährigen Volksschule, der Realschule sowie dem Gymnasium - es sollte eine Einheitsschule her. Eine dritte Kraft, welche sich ebenfalls der Einheitsschule bedingungsos verpflichtet fühlte, entwickelte sich auf der instituionellen Ebene unterhalb der politischen Bühne. An der Spitze dieser „Bewegung“ stand Hellmut Becker, welcher 1963 als Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin (MPIB) einen ersten großen Erfolg seiner Bemühungen feiern sollte. An Beckers Seite standen von Anbeginn Georg Picht und Carl Friedrich von Weizsäcker. Becker wurde zudem unterstützt durch ein dichtes Netzwerk, dem faktisch alle relevanten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland und auch in den USA angehörten. Inbesondere zählte hierzu Shepard Stone, der engste Vertraute des ersten amerikanischen Hochkommissars, John McCloy. Stone war sehr eng mit dem CIA verbunden, dessen Deutschlandpolitik bildungspolitisch auf die Durchsetzung des Einheitsbildungssystems nach amerikanischem Vorbild gerichtet war. Stone war es auch, welcher Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nach Deutschland holte und dafür sorgte, dass das Institut für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt wieder aufgebaut wurde. Hellmut Becker war über Jahre der Justitiar des IfS und nutzte den politischen Einfluss Horkheimers und Adornos, um sich und seine Bewegung im Bereich der Bildungspolitik und -forschung zu etablieren.[2] Einer der „ältesten Mitarbeiter“ Beckers weiß zu berichten:„‚Hellmut Beckers zentrales politisches Motiv war die Zerstörung des Deutschen Gymnasiums, für dieses Ziel hat er alle wissenschaftlichen Argumente instrumentalisiert.’“ [3]
Der erste politische Erfolg Beckers war dann sicherlich die Einbindung von Georg Picht in den Deutschen Ausschuss (DA), ein bildungspolitisches Beratungsgremium mit allerdings geringem Einfluss. Denn nicht zuletzt der Einflussnahme des DA, faktisch geführt durch Picht, war es zu verdanken, dass die KMK mit der Saarbrücker „Rahmenvereinbarung zur Ordnung des Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums“ vom 29. September 1960, das Gymnasium erstmals schwächte. 1961 folgten weitere „Empfehlungen zur didaktischen und methodischen Gestaltung der Oberstufe der Gymnasien“. Bis 1972 wurde die gymnasiale Oberstufe dann sukzessive durch ein System der Beliebigkeit - das Kollegsystem - ersetzt. [4]
Parallel zur sukzessiven Destabilisierung des Gymnasiums - und damit der „Speerspitze“ des zu schleifenden „standesorientierten“ Bildungssystems des Bildungsbürgertums - erfolgte die Zerstörung der Basis des dreigliedrigen Bildungssystems, der Volksschule: Unter dem Einfluss der spektakulären Mediendebatte über eine angeblich bevorstehenden Bildungskatastrophe, welche Georg Picht ein Jahr vorher losgetreten hatte, einigte sich die KMK mit dem Hamburger Abkommen von 1964 auf eine Zerschlagung der Volksschule in Grund- und Hauptschule.
Nachdem das traditionelle Bildungssystem somit an seinen wesentlichen Strukturen „vorreformiert“ war, begann der Angriff auf das System an sich. Becker trat diesmal als Mitglied der Bildungskommission des Bildungsrates (BR), welcher zwischenzeitlich den DA ersetzt hatte, als Protagonist der Einheitsschullobby selbst in das politische Rampenlicht. Das MPIB lieferte für seine bildungspolitische Argumentation die passenden Gutachten und tendenzwissenschaftlichen Argumente. So wie Becker für die Durchsetzung der strukturellen und organisatorischen Veränderungen auf politischer Ebene sorgte, so kümmerte er sich auch um die Entwicklung einer Pädagogik, welche der Einheitsschule „wie auf den Leib“ geschneidert war. Wolfgang Klaki übernahm diese Aufgabe. Er entwickelte auf Basis der Kritischen Erziehungswissenschaft aus dem Hause Adornos die „kritisch-konstruktive Didaktik“ - die Klafki-Pädagogik -, welche heute als pädagogisches Konzept alle Bildungssystems durchdrungen hat, wenn auch in unterschiedlicher Intensität.
Die Gutachten des BR, welche faktisch alle aus der Feder Beckers und seiner Netzwerker entstammten, führten zur Bildungsplanung der sozial-liberalen Koalition unter Brandt. Letztere setzte die Gesamtschule auf Bundesebene und anschließend auf Landesebene durch.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass das heutige dreigliedrige Schulsystem nicht dem ursprünglichen gegliederten Schulsystem entspricht. Die Schwäche des Letzteren ist somit nicht als die Schwäche des Ersteren auszugeben; dies wird aber von interessierter Seite hemmungslos getan. Die heutige Schwäche des Systems liegt einerseits in den destabilisierenden Strukturveränderungen in der gymnasialen Oberstufe, der Einführung von Grund- und Hauptschule sowie dem Aufbau von diversen Gesamtschultypen als konkurrierende Schulformen. Andererseits ist die flächendeckende Durchsetzung der Klafki-Pädagogik wesentlich mit ursächlich für die Mangel-Leistung unserer Bildungssyteme.
Angesichts der oben geschilderten Entwicklung, welche stets einen politischen und nie einen pädagogischen Hintergrund hatte, ist eine Durchsetzung des Prinzips der Einheitsschule unverantwortlich, da zwangsläufig ein Qualitätseinbruch auf breiter Front die Folge sein würde. Herr Merkelbach verschweigt, was Becker deutlich ausspricht: Es geht nicht um die Entwicklung eines qualitativ hoch stehenden Bildungssytems, sonders es geht um die Abschaffung des Gymnasiums als Symbol für das Bildungsbürgertum, welches dann auch abgeschafft sein würde. Das stets wiederholte Heilsversprechen von der „Chancengleichheit“, welche durch die Einheitsschule gewährleistet werden solle, verschleiert den dialektischen Zusammenhang zwischen Chancengleichheit und Leistung: Die größte Chancengleichheit ist dann gegeben, wenn die geforderte Leistung Null ist.
[1] Böhm, C., Böhm, B.: Evaluation der Pädagogik Wolfgang Klafkis; Kovac-Verlag, 2008
[2] Albrecht, C., Behrmann G. C., Bock, M., Homann, H., Tenbruck, F. H.. Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik; Campus, 1999
[3] Naumann, J.: Bildungsforschung als Alibi?; Becker, G., Zimmer, J., (Hrsg.) 1993
[4] KMK 1998
Weitere ausgewählte Literatur:
Becker, G., Zimmer, J., (Hrsg.) : Lust und Last der Aufklärung - Ein Buch zum 80. Geburtstag von Hellmut Becker; Beltz Verlag, 1993
Becker, H.: Probleme einer Schulreform; Alfred Körner Verlag, 1959
Becker, H., Wichler, W. ,Heckmann, G., Hrsg.: Erziehung und Politik; Verlag öffentliches Leben, 1960
Becker, H., Hager, F., (Hrsg.): Widersprüche aushalten; Serie Piper, Dezember 1992
Becker, H., Hager, F.: Aufklärung als Beruf; Serie Piper, Februar 1992
Becker, H., Eschenburg, Th., (Hrsg.): Kulturpolitik und Schule - Probleme der verwalteten Welt; Deutsche Verlags-Anstalt, 1956
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Ihre Behauptung, dass die Realschulen rasch zu Befürwortern der Gemeinschaftsschulen geworden sind, ist schlichtweg falsch. In der nächsten Woche wird entschieden, ob es nach der Volksinitiative zum Erhalt der Realschulen auch ein Volksbeghren geben wird. Die Chancen stehen gut, da die meisten Bürger gegen die Abschaffung der Realschule sind und inzwischen auch der Unmut der Eltern und der der Lehrkräfte wächst, da die vollmundigen Versprechungen der Politik sich als hohle Seifenblasen entpuppen.
Der Zulauf zu den Gymnasien verstärkt sich weiter, weil eben auch viele Eltern in den Gemeinschaftsschulen kein gleichwertiges Angebot erkennen. Im letzten Jahr hatten nur ca 3% der an Gemeinschaftsschulen angemeldeten Schüler eine gymnasiale Empfehlung. Das wird sich in diesem Jahr nicht wesentlich ändern.
Grete Rhenius
Landesvorsitzende des Verbandes Deutscher Realschullehrer in Schleswig-Holstein
Der Kommentar von Christian Böhm ist eindrucksvoll in der Fülle seiner Argumente zur Erhaltung des Drei-Klassen-Schulsystems. Er strickt eine bunte Vielfalt von Beweisen zu einem Rundumschlag zusammen, der zeigen soll, wie wir in Deutschland zu einem Einheitsschul-system verführt werden sollten.
Den krönenden Abschluss seiner Theorie muss ich hier noch einmal wiederholen, damit er uns endgültig überzeugt: "Das stets wiederholte Heilsversprechen von der „Chancengleichheit“, welche durch die Einheitsschule gewährleistet werden solle, verschleiert den dialektischen Zusammenhang zwischen Chancengleichheit und Leistung: Die größte Chancengleichheit ist dann gegeben, wenn die geforderte Leistung Null ist."
Demzufolge haben alle anderen Länder der Welt einen Wahnsinnsfehler begangen, als sie ihr gegliedertes Schulwesen durch eine Schule für alle Kinder ersetzten. Wie können diese Länder, die somit keine Leistung fordern, dann bei den PISA-Untersuchungen besser dastehen als
das "begabungsgerecht" selektierende deutsche System. Damit hat sich von selbst seine Argumentation ad absurdum geführt.
von Valentin Merkelbach, am 25.3.09
In seinem Kommentar zu meinem Beitrag will Christian Böhm aufklären über die wahren Ursachen der mangelnden Qualität unseres Schulsystems, wie sie in der ersten PISA-Studie offenkundig geworden ist. Verantwortlich für das schlechte Ergebnis sei nicht das dreigliedrige System aus dem Ständestaat des 19.Jahrhunderts (Volksschule, Realschule, Gymnasium), sondern dessen systematische "Destabilisierung" in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts durch eine "Einheitsschullobby", deren Sinn und Trachten einzig auf "die Zerstörung des Deutschen Gymnasiums" gerichtet gewesen sei.
Ob Böhms Aufklärungsarbeit über das Niveau einer schlichten Verschwörungstheorie wirklich hinauskommt, mögen Historiker des deutschen Schulwesens beurteilen. Ich selber gehe in meinem Beitrag davon aus: Es gibt aktuell zwei divergierende Auffassungen von Schule, eine, die nach wie vor eine begabungsgerechte Auslese für möglich, pädagogisch sinnvoll und gesellschaftlich legitim hält, und eine andere, die das gemeinsame Lernen über die Grundschule hinaus für demokratisch geboten und für pädagogisch machbar hält. Da die Befürworter beider Auffassungen in der Gesellschaft so verankert sind, dass sie wohl nicht durch politische Mehrheitsentscheidungen in die eine oder andere Richtung auf Dauer zum Verstummen gebracht werden können, scheint es im Interesse von Kindern und Eltern an der Zeit, über ein faires Nebeneinander der beiden Auffassungen in entsprechenden Schulformen nachzudenken.
Die Landesvorsitzende des Verbandes Deutscher Realschullehrer in Schleswig-Holstein, Grete Rhenius, kritisiert in ihrem Kommentar meine Aussage, Realschulen seien nach anfänglichem Widerstand gegen die Regionalschule rasch zu Befürwortern der Gemeinschaftsschule geworden, als "schlicht falsch". In der Tat ist mir der anhaltende Widerstand der Interessenvertretung der Realschullehrer/innen in einer Volksinitiative für den Erhalt der Realschule entgangen. Nach meinen Informationen gabe es, als der Schulkompromiss der Großen Koalition als Schulgesetz nicht mehr zu verhindern war, in Realschulen die Überlegung, ob nicht die Gemeinschaftsschule die bessere Alternative zur Regionalschule sei.
Im Schuljahr 2009/10 wird es in Schleswig-Holstein bereits nach zwei Jahren 96 Gemeinscahftsschulen geben. Das sind Schulen, die mindestens 300 angemeldete Schüler/innen in der 5.Klasse haben müssen (Regionalschulen: 240). Diesen Weg der Umwandlung müssen ja wohl in erster Linie Realschulkollegien gegangen sein, die in der Gemeinschaftsschule das kleinere Übel zur Fusion mit der Hauptschule gesehen haben, zumal 2010/11 auch alle bestehenden Gesamtschulen Gemeinschaftsschulen werden und mit ihrem pädagogischen Know-how das Prestige der Gemeinschaftsschule erhöhen könnten.
Wäre die Interessenvertretung der Realschulen nicht gut beraten, statt Energie in ein Volksbegehren mit unsicherem Ausgang zu stecken, sich für eine angemessene personelle und materielle Ausstattung der Gemeinschaftsschule einzusetzen? Ein für alle Kinder offene Schule muss die Chance haben, einen dem Gymnasium vergleichbaren Bildungsanspruch auch zu realisieren, d.h. für alle eine Grundbildung mit einem Mittleren Abschluss anzustreben, der jedem die Freiheit lässt, danach eine berufliche Ausbildung zu beginnen oder sich an der gymnasialen Oberstufe derselben Schule bzw. an einem Oberstufenzentrum sich auf das Abitur vorzubereiten.
Dieses Engagement könnte in Kooperation mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule geschehen, die beim Aushandeln des Schulkompromisses zwischen CDU und SPD ja auch nicht gefragt wurde, ob sie der Umwandlung der Gesamtschulen in Gemeinschaftsschulen zustimmen kann.
Sehr geehrter Herr Merkelbach,
wenn sie schon eine Antwort auf meinen Kommentar schreiben, dann sollten Sie auch richtige Tatsachen nennen. Die Gemeinschaftsschulen müssen nicht 300 Anmeldungen für die 5. Klassen haben, sondern insgesamt 300 Schüler in der Sekundarstufe I. Die Anmeldugen für die 5. Klassen sollen mindestens 60 Schüler umfassen. Entsprechend gilt für die Regionalschulen 240 und 45 Schüler. Sicher ist Ihnen entgangen, dass sich der VDR seit seinem Bestehen und dass sind fast 60 Jahre immer für eine Entlastung der Kollegen und für eine bessere Uterrichtsversorgung eingesetzt hat. Azßerdem ist die von Ihnen so hoch gelobte Gesamtschule keineswegs generell ein Erfolgsmodell. Vielmehr hinkt sie in allen PISA Tests hinter der Realschule her, was ein Defizit von ca einem Schuljahr ausmacht. Reformen, die mit der heißen Nadel gestrickt sind, deren Konzepte nicht durchdacht sind, bringen niemanden weiter - vor allem nicht die Schülerinnen und Schüler.
Grete Rhenius
Antwort auf Frau Grete Rhenius:
Frau Rhenius muss wie alle Verbandsfunktionäre die Interessen ihres Realschullehrerverbandes vertreten. Ein Blick über die Grenzen (resp. Zaun oder Tellerrand) täte allen gut. Genau dies haben GesamtschulleiterInnen aus dem Regierungsbezirk Detmold und anderen Landesteilen von NRW schon wiederholt seit mehreren Jahren gemacht. In mehrtägigen Schulbesuchen in Finnland, Schweden, Kanada, Schottland, Niederlande, Südtirol (immer auf eigene Kosten)stellten wir fest, dass sich der Unterricht gar nicht so sehr vom Unterricht an unseren Gesamtschulen unterscheidet. Es ist die Schul- und Lernkultur, die sich dort ganz anders entwickelt hat. Es herrscht ein viel breiteres Bildungsverständnis als hier, die Kinder lernen viel freudiger weil angstfreier. Über die deutsche Selektiererei schüttelt man nur den Kopf, man ist froh, dass diese dort schon vor vielen Jahren abgeschafft wurde, Notendruck und Sitzenbleiben sind Fremdwörter. Mir ist nicht bekannt, dass deutsche SchulleiterInnen des gegliederten Systems sich auf solche Informationsreise begeben haben.
Meine eindeutige Erkenntnis ist, dass unsere angeblich begabungsgerechte Selektion von SchülerInnen im Alter von 9 - 10 Jahren ein Verbrechen an den Bildungschancen unserer Kinder darstellt. Dazu gehört auch das Abschulen nach unten sowie das Sitzenbleiben, in beiden Disziplinen ist Deutschland schließlich Weltmeister. Wann endlich kommen die dafür Verantwortlichen auf die Anklagebank?
Noch eine persönliche Anmerkung: eine meiner Töchter ist Lehrerin in Australien, dort sagt man "Wir schauen auf die Stärken eines Kindes und wie wir diese am besten entwickeln und fördern können.". Statt Sitzenbleiben überspringen dort Kinder eher ein Jahr als dass sie eines wiederholen müssten. Nahezu alle Kinder gehen 12 Jahre gemeinsam in eine Schule, obwohl die Schulpflicht 10 Jahre beträgt. Australien steht übrigens in fast allen Bereichen der PISA-Studien auf den Podestplätzen. Aber hier soll weiterhin das Drei-klassen-Schulsystem aus dem 19.Jahrhundert aufrecht erhalten werden.
Zu meinem Kommentar zu den Ausführungen Valentin Merkelbachs wurde zwischenzeitlich verschiedentlich Stellung genommen. Da hier primär die Ausführungen Merkelbachs zu kommentieren sind und nicht die Kommentare, verzichte ich auf eine langatmige Erwiderung. Gleichwohl möchte ich darauf verweisen, dass die Wahrnehmung Merkelbachs, wonach es derzeit zwei unterschiedliche Auffassungen erfolgreicher Bildungspolitik gebe, wohl unbestritten ist. Wie es zu dieser Situation gekommen ist, habe ich versucht zu skizzieren. Die bisher unveröffentlichte Ursprungsstudie kann hier nicht mit allen Belegen, zu denen auch diverse Originalaussagen interviewter Zeitzeugen gehören, zitiert werden. Merkelbach bietet als möglichen Lösungsweg an, beide „Systeme“ parallel im Sinne eines „fairen Nebeneinanders“ zu betreiben. Dieser Interimslösung kann ich mich anschließen, wobei der Tenor auf „fair“ liegen muss. Die Dissertation Anne Overeschs „Wie die Schulpolitik ihre Probleme (nicht) löst - Deutschland und Finnland im Vergleich“ (Waxmann, 2007) weist aus, dass der durchgehende gesellschaftliche Konsens eine notwendige Bedingung für ein erfolgreiches Schulsystem ist. Dieser Konsens wurde, spätestens beginnend mit dem Saarbrücker Abkommen 1960 (Vorläufer waren die Tübinger Beschlüsse von 1951, auf grund derer Picht in den DA berufen wurde) unbemerkt von der Bevölkerung, in Deutschland aufgelöst.
In diesem Kontext möchte ich abschließend auf das Grundsatzreferat von Prof. Dr. Fritz-Dietrich Neumann (Uni Lüneburg) verweisen, über welches hier bei Bildungsklick - bildungsklick.de/pm/672...t-die-plus-punkte/ - berichtet wird. Neumann hielt ein „leidenschaftliches Plädoyer für das Lernen in leistungshomogenen Gruppen und gab dazu eine historisch-anthropologische Begründung: "’Das moderne anthropologische Forschungsbild korrigiert die in der Pädagogik und anderen Sozialwissenschaften beheimatete Vorstellung über die Möglichkeit andauernden Fortschritts bis hin zu einem idealen finalen Endzweck. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist der Mensch in seiner Körperlichkeit einschließlich des Hirnstrukturausbaus seit einigen tausend Jahren völlig unverändert. ... Der Rede von Chancengleichheit ... stehen deutliche Ergebnisse der Begabungsforschung gegenüber, die über Zwillings- und Adoptionsstudien eine hohe Naturausstattung bei den Faktoren Intelligenz und Persönlichkeitsstruktur nachweist. Diese Ergebnisse, die auch geeignet sind, ein begabungsgerechtes, gegliedertes Schulwesen zu legitimieren, werden heute von der Pädagogik regelrecht versteckt.’" Prof. Neumann warnte vor einer Reformeuphorie: "’Eine Reform besteht häufig darin, dass ein bekannter Nachteil gegen einen nicht bekannten ausgetauscht wird.’"
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