"Es ist kriminell, Babys vor DVDs zu setzen"
Manfred Spitzer auf dem Kölner Bildungskongress
Mehr zu: Bildungsverwaltung, Hirnforschung, Individuelle Förderung, Lehrerbildung, Nordrhein-Westfalen, Schulbuch, Sprachentwicklung, Sprachstand, Unterrichtsmaterial, Weiterbildung, Schule(redaktion) "Fragen Sie nicht viel, machen Sie! Sie haben die Verantwortung und auf die kann und werde ich mich auch verlassen", appellierte Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer am Samstag an die Teilnehmer des Kölner Bildungskongresses "Lernen erfolgreich gestalten". Auch der Ulmer Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer setzte auf mehr Eigenverantwortung der Lehrer und empfahl, ihnen in den Lehrplänen mehr Freiheit zu geben nach dem Motto: "Lehrer mach das, was du an diesem Tag und mit diesem Schüler für sinnvoll hältst."
Rund 1500 Pädagogen aus Nordrhein-Westfalen waren der Einladung des Schulbuchverlegerverbands VdS Bildungsmedien, des Schulministeriums und der Medienberatung NRW gefolgt und am Samstag in das Congress-Centrum der Kölnmesse gekommen. Dort konnten sie zwischen insgesamt 53 Seminaren und Workshops wählen, bei denen es unter anderem um Unterrichtsentwicklung, individuelle Förderung, um Kernlehrpläne und Lernstanderhebungen oder den Einsatz moderner Medien im Unterricht ging.
Die Aufgabe der Politik, der Schulen, der Lehrer aber auch der Verlage sei es, ihre Bildungsangebote zu überprüfen und spezifizieren, "damit jeder Schüler dort abgeholt werden kann, wo er steht", betonte der VdS-Vorsitzende Wilmar Diepgrond. "Wir können gute Lernwerkzeuge und Methoden entwickeln, um auf veränderte Situationen reagieren und kritischen Entwicklungen vorbeugen zu können", erklärte er.
Auf unterhaltsame Weise präsentierte Manfred Spitzer etliche für den Schul- und Familienalltag wichtige Erkenntnisse aus der Gehirnforschung und verwies unter anderem auf eine aktuelle amerikanische Studie mit rund 1000 Babys im Alter zwischen acht und 16 Monaten über deren sprachliche Entwicklung. Das (wenig überraschende) Ergebnis: Tägliches Vorlesen hat einen positiven Effekt auf die sprachliche Entwicklung der Kinder. Die Studie, so Spitzer, komme allerdings auch zu einem weiteren Ergebnis, nämlich dass Baby-TV und DVD für Sprachentwicklung doppelt so schlecht, wie tägliches Vorlesen gut sei. "Wenn Babygehirne - und wir wissen das aus vielen Experimenten – ganzheitlich lernen, das heißt alle Sinne gleichzeitig brauchen, um zu lernen, dann können Bildschirmmedien in diesem jungen Alter prinzipiell nur schaden, völlig unabhängig vom Programm", so der Wissenschaftler. Und: "Es ist kriminell, Babys vor DVDs zu setzen und wer damit wirbt, macht die Kinder wissentlich dumm," warnte er.
An Lehrer und Bildungsverwaltung appellierte er, die Erkenntnisse der Gehirnforschung zu nutzen, und in der Schule die Randbedingungen so zu gestalten, dass das Lernen besser funktioniert. "Das müssen wir tun, weil die Gehirne der nächsten Generation der einzige Rohstoff sind, der unser Wohlbefinden langfristig garantiert." Bildungsministerin Sommer kündigte schließlich für Nordrhein-Westfalen an, das Ganztagsprogramm bedarfsgerecht - nämlich dort, wo es gewünscht werde - auszubauen. Und für das letzte Jahr der Legislaturperiode versprach sie, mit den Stufenplänen ein "Zeichen zu setzen".
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