Immer mehr Eltern brauchen Unterstützung bei einer nicht einfachen Aufgabe: der Erziehung ihrer Kinder. Und immer mehr Weiterbildungskurse und Ratgeber wollen sie für diese Herausforderung fit machen. Eines der Programme, das STEP-Elterntraining hat Prof. Dr. Klaus Hurrelmann vor einigen Jahren mit einem Team an der Bielefelder Universität wissenschaftlich begleitet. Unterdessen gibt es das STEP-Training auch für Erzieherinnen. Wir wollten von dem Bildungsforscher wissen, warum Eltern überhaupt ein spezielles Training brauchen, ob sie möglicherweise sogar dazu verpflichtet werden könnten und welche Bedeutung das STEP Programm für das Zusammenwirken von Kindergarten und Elternhaus hat.
STEP ist ursprünglich ein Programm, um elterliche Kompetenzen zu stärken – was ist das Erfolgreiche und Besondere dieses Ansatzes?
Klaus Hurrelmann: Das Entscheidende - das steht auch für vergleichbare Programme – ist, dass Eltern an die Hand genommen werden und Schritt um Schritt lernen, wie sie eine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Dass eine BEziehung – eine bewusste, gezielte Herstellung von emotionaler Bindung, aber dann eben auch die Weiterentwicklung des Verhältnisses mit Distanzierungsmöglichkeiten – die Voraussetzung für ERziehung ist. Es geht also immer um diese Abfolge. Und STEP ist ein zutiefst demokratisches und humanes Konzept. Es zielt darauf ab, Menschen feste und klar strukturierte Regeln für den Umgang miteinander an die Hand zu geben. Dabei geht es nicht nur darum, eine Technik zu lernen, sondern eine andere Einstellung und Haltung dem Kind gegenüber zu bekommen.
Wozu brauchen Eltern einen solchen Kurs – sind sie nicht per se zum Erziehen geeignet?
Klaus Hurrelmann: Viele Eltern können erziehen, aber man muss schon realistisch sehen, dass die Gruppe von Eltern, die das wirklich nicht kann, existiert und dass sie wahrscheinlich im Laufe der Jahre größer werden wird. Denn in einer demokratischen, offenen Gesellschaft mit vielen Entfaltungsmöglichkeiten muss jeder Erwachsenen aber auch schon jedes Kind seinen eigenen Weg letztlich selbst finden können. Man braucht also eine Selbststeuerungsfähigkeit. Und das zu vermitteln und so zu erziehen, dass am Ende das Kind nicht irgendetwas kopiert und durch Anleitung dressiert wird, sondern dass es selbstständig werden und dann eigene Wege gehen kann, ist schon ein komplexer Vorgang. Etwa ein Viertel der Eltern ist damit überfordert. Es wäre also besonders wertvoll, wenn man diese Eltern in solche Kurse einbeziehen könnte. Bei den anderen Eltern ist das eher eine Festigung, eine Bestätigung und eine kleine Korrektur.
Das heißt, Eltern mit "kleinen" Erziehungsproblemen nutzen die Angebote, aber die Eltern, denen diese Kurse wirklich weiterhelfen könnten, werden gar nicht erreicht?
Klaus Hurrelmann: Das ist ein ganz grundlegendes Dilemma. Das haben die Initiatoren bei diesem Programm schon sehr früh erkannt. Wir haben auch von der Begleitforschung immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Man muss sich also etwas einfallen lassen. Denn die Eltern, die sensibel sind, die wissen "oh, da habe ich jetzt irgendetwas falsch gemacht", die sind dann auch bereit, in einen solchen Kurs zu gehen. Sie kommen von sich aus und zahlen sogar Geld dafür, weil sie merken, am Ende haben sie und ihre Kinder Vorteile davon. Aber das tut das Viertel der Eltern, von dem wir sprechen, eben nicht.
Und wie erreicht man dieses Viertel – haben Sie ein Rezept?
Klaus Hurrelmann: Man kann zunächst über die Bezahlung nachdenken. Was passiert, wenn der Kurs kein Geld kostet? Oder – dieses Experiment wurde schon mal in Finnland gemacht – man bekommt sogar Geld für die Teilnahme. Das wird kompliziert und teuer und deswegen haben wir im Moment vor allem Erfahrung und auch Erfolg damit, dass diese Programme in Kindergärten und Schulen als Angebot miteinbezogen werden. STEP hat da sehr früh reagiert und zum Beispiel in Berlin dafür gesorgt, dass das Programm für Eltern von Hauptschülern – Oberschülern wie sie hier in Berlin heißen – zum Standard wird. Paradebeispiel ist die Nikolaus-August-Otto-Oberschule, die sich selbst ein pädagogisches Reformprogramm verordnet und daraufhin auch einen sehr großen Elternzuspruch bekommen hat. Sie hatte sogar mehr Anmeldungen, als sie Schüler aufnehmen konnte, was für eine Hauptschule eher ungewöhnlich ist. Dann hat diese Schule gesagt: "Wer sein Kind zu uns bringen will, der nimmt mit uns Lehrkräften zusammen an Elternkursen teil. Denn wir müssen ja unsere Erziehungsvorstellungen aufeinander abstimmen." Ich glaube, so eine Konstellation ist sehr, sehr gut. In diese Richtung denke ich. Diese Angebote müssen zunächst einmal verbindlich werden. Wenn das immer noch nicht reicht, dann sollte man auch über eine Verpflichtung nachdenken. Das kann auch mit Anreizen gekoppelt sein, die durchaus in den finanziellen Sektor übergehen.
Wer seine Pflichten nicht erfüllt, muss durchaus – zumindest in anderen Bereichen – auch mit Sanktionen rechnen. Halten Sie das in diesem Zusammenhang für vernünftig?
Klaus Hurrelmann: Ich halte es nicht für ausgeschlossen. Ich bin da etwas unbekümmerter als viele andere aus dem pädagogischen und politischen Bereich, die Scheu haben, in solche Richtungen zu denken. Vielleicht kann man ja auch kombinieren. Mir schwebt etwa vor, dass bestimmte Teile der Zuweisungen für Familien mit Kindern, Teile des Kindergeldes zum Beispiel, auf Gutscheinbasis existieren. Und diese Gutscheine werden nur an die Eltern ausgegeben, die an bestimmten Ausbildungen teilgenommen haben. Etwa wenn das Kind zur Schule kommt, nehmen die Eltern an den Elternabenden teil. Wer das nicht tut, bekommt den nächsten Gutschein nicht ausgezahlt. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten: kostenlose Zugänge zu Freibädern und Ähnliches. Also etwas, das für Eltern reizvoll ist, das mit dem Thema in Zusammenhang steht und nicht willkürlich an den Haaren herbeigezogen wird. Ich meine schon, dass wir in solche Richtungen denken müssten, denn ein Kind zu erziehen ist heute sehr schwierig. Es ist wunderschön, wenn es gelingt, aber dramatisch, wenn es nicht gelingt. Dabei kommen sehr viel gefährdete Karrieren heraus – nicht nur Leistungs- und Bildungs- sondern auch Gesundheits- und Sozialkarrieren.
Das STEP-Programm gibt es jetzt auch für Erzieherinnen. Könnte dies als Chance genutzt werden, auch Eltern anzusprechen, die einen "normalen" STEP-Kurs nicht besuchen, indem man beispielsweise Erzieherinnen und Eltern gemeinsam schult oder aber die Erzieherinnen als Multiplikatoren einsetzt?
Klaus Hurrelmann: Das liegt auf der Linie dessen, was ich mir vorstelle. Auch Erzieherinnen sind Schlüsselpersonen, um Eltern anzusprechen. Es bekommt dann schon den verbindlicheren Charakter, wenn zum Beispiel die Erzieherinnen im Kindergarten sagen "Wir können Ihr Kind ja gar nicht richtig erziehen, wenn wir das nicht mit Ihnen abstimmen. Also müssen Sie mit uns zusammenarbeiten." Dieses niederschwellige Angebot ist ganz wichtig. Die WHO verfolgt mit Blick auf die gesundheitliche Förderung, die aber hier auch nahtlos anschließt, den Setting-Ansatz. Er besagt, dass ich das Angebot von Förderung, von Erziehung in die Räume und Institutionen einbeziehen muss, in denen sich die Menschen, die ich erreichen will, ohnehin aufhalten. Ich muss also nicht versuchen, sie irgendwo hinzubekommen, sondern sie sind bereits da – das ist die Logik. Dieses Denken ist in der gesamten Elternarbeit sehr wichtig. Bei Schulen wünsche ich mir, dass die Lehrkräfte zu den Eltern gehen. Ich weiß auch, dass einzelne Schulen dies schon praktizieren. Dadurch entsteht eine ganz andere Vertrauensbasis. Lehrkräfte haben ganz andere Möglichkeiten, auf Eltern einzuwirken, die man nicht hat, wenn man als Trainer einen Kurs anbietet.
Das heißt, STEP ist auch ein Programm für Lehrer?
Klaus Hurrelmann: In Lehrerkreisen sind solche Programme sehr bekannt und werden durchaus befürwortet. Und auch Lehrer lassen sich zu Trainern ausbilden.
STEP (Systematic Training for Effective Parenting) ist ein seit 30 Jahren erfolgreiches Elterntraining in den USA. Das Training basiert auf individualpsychologischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Eltern lernen, ihre Kinder zu unterstützen und zu begleiten, aber auch individuell – je nach Wertvorstellung - Grenzen zu setzen. Dabei geht es neben dem Erlernen von Fertigkeiten um die Haltung, um gegenseitigen Respekt und Wertschätzung. In Deutschland wird das Training für Eltern seit 2001 angeboten. Die Kurse dauern zehn Wochen - jeweils zwei Stunden pro Woche. Auch in der Jugend – und Erziehungshilfe wird das flexibel einsetzbare und im Alltag leicht anwendbare Elterntraining angeboten. Mit dem neuen Angebot für Erzieher/innen wollen die Initiatorinnen dazu beitragen, dass "Erzieherinnen und Eltern an einem Strang ziehen und die Erziehungspartnerschaft gefördert wird".