Niedersachsen: Protest gegen Turbo-Abi an Gesamtschulen
Demonstration in der Landeshauptstadt
Mehr zu: G8, Gesamtschule, Gleichstellung, Gymnasium, Niedersachsen, Schule(redaktion) Gegen die geplante Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren auch an den Gesamtschulen in Niedersachsen soll morgen eine zentrale Protestveranstaltung in Hannover stattfinden, zu der unter anderem der Gesamtschulverband, der Landesschülerrat und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aufgerufen haben.
Die Landtagsfraktionen von CDU und FDP hatten am Dienstag dieser Woche die Einführung des "Turbo-Abis" an den niedersächsischen Gesamtschulen zum Schuljahr 2010/2011 beschlossen. Das Gesetz soll den Landtag noch vor der Sommerpause passieren. Ursprünglich wollte die CDU die Reform sogar schon zum nächsten Schuljahr umsetzen.
Noch vor wenigen Jahren, zur Einführung des achtjährigen Gymnasiums, hatte die Landesregierung den Gesamtschulen allerdings die Kompetenz abgesprochen, Schüler in zwölf Jahren zum Abitur führen zu können. Der Gesamtschulverband (GGG) hatte damals gefordert, dass die einzelnen Schulen selbst sich für den einen oder den anderen Weg entscheiden sollten.
Als in der Sache unbegründet und von politischen Scharfmachern angeheizt hat der Philologenverband Niedersachsen die geplante Demonstration kritisiert. Gleichzeitig zeigte sich der Vorsitzende der Lehrerorganisation, Guillermo Spreckels zufrieden, dass die Landtagsfraktionen von CDU und FDP und die Gleichstellung von Gymnasien und Gesamtschulen auf den Weg gebracht hätten.
Die Vertreter der Gesamtschulen hingegen fordern, dass die Gesamtschulen das Abitur weiterhin am Ende der 13. Jahrgangsstufe anbieten dürfen. Eltern, die dieses Schulangebot wünschen, so heißt es, schätzten besonders, dass die Entscheidung darüber, ob ihr Kind das Abitur anstrebe oder nicht, erst am Ende der 10. Jahrgangsstufe falle und damit den Jugendlichen vor dieser Entscheidung mehr Zeit für ihre Lern- und Persönlichkeitsentwicklung bleibe.
Auch in den Kommunen formiert sich der Protest. So hat der Stadtrat in Osnabrück jetzt die Landesregierung aufgefordert, an Gesamtschulen das Abitur nach 13 Schuljahren beizubehalten.
Die Begründung für den Gesetzentwurf der CDU/FDP gleicht einer Entmündigung der Eltern und Schüler. Ich zitiere [Anmerkungen in Klammern von mir]:
"Da die IGS Schülerinnen und Schüler aufnimmt, die von ihrer Leistungsfähigkeit und von ihren Leistungsbeurteilungen her gesehen wie Gymnasialschülerinnen und Gymnasialschüler beschult werden können [Das könnten sie in der Tat. Sie oder ihre Eltern haben aber bewusst entschlossen, dass sie gerade NICHT wie Gymnasialschüler beschult werden wollen! Zur Wortwahl: ich würde aktives Lernen einer passiven Beschulung vorziehen.], muss diesen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gegeben werden, ihrem Leistungspotenzial entsprechend die allgemeine Hochschulreife nach 12 Jahren zu erreichen [Wenn die Schüler das gewollt hätten, wären sie auf ein Gymnasium gegangen. Nochmal: Wer auf eine IGS geht, hat sich zuvor klipp und klar gegen den 12-jährigen Weg entschieden. Das muss die CDU nicht mögen, aber sie hat es als freie Entscheidung mündiger Bürger zu akzeptieren!]. Obwohl die Erlasslage seit 2004 die Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife nach 12 Jahren ermöglicht, wird von den Integrierten Gesamtschulen hiervon kein Gebrauch gemacht [Das ist ja nun auch wirklich unverschämt, von diesen bösen, bösen Schulen]. Eine gesetzliche Regelung erscheint daher als geboten. [So legt man seine Bürger und die Schulen - welche Bedeutung hat der Begriff "eigenverantwortliche Schule"? - in Ketten. Nur zu ...]
Im niedersächsischen Philologenverband lobt man offenbar die Gleichstellung von Gesamtschulen und Gymnasien. Mal abgesehen davon, dass Gesamtschulen keine Gymnasien sind, auch wenn beide Schulformen das Abitur als Abschlussmöglichkeit bieten, schweigt man im Philologenverband, wenn es um die unterschiedliche Unterrichtsversorgung an Gesamtschulen und Gymnasien geht. (Laut Erlass des nds. Kultusministeriums 99,5 % für die Gymnasien, 98 % für die KGS.) Hier habe ich noch niemanden aus diesen Reihen gehört, der eine Gleichbehandlung fordern würde, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.
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