(redaktion) Wer war Julius Kell? Beantworten kann diese Frage der Hamburger Bildungshistoriker Dr. Jürgen Overhoff. Er hat jüngst ausführlich über den, wie er sagt "vollkommen zu Unrecht vergessenen Pädagogen" geforscht. Kell war nicht nur einer der bedeutendsten Franklin Biografen, sein "Lehrbuch für den gesamten Religionsunterricht" aus dem Jahr 1842 gilt als Meilenstein in der Geschichte des Schulwesens. Im Interview berichtet Overhoff über den liberalen Pädagogen, dem das Unterrichten ein Herzensanliegen war und der im Vormärz in Leipzig gemeinsam mit seinem Verleger Julius Klinkhardt "etwas bewegen wollte".
1845 erscheint die Franklin Biografie von Julius Kell bei Klinkhardt. Wie sah es zu dieser Zeit politisch in Sachsen aus?
Jürgen Overhoff: Zu dieser Zeit begann etwas zu kippen, was seit den frühen 1830er Jahren eigentlich einen hoffnungsvollen Aufbruch erlebt hatte, nämlich die liberale Bewegung in Sachsen. 1830 hatten in einigen deutschen Ländern freiheitlich gesonnene Menschen begonnen, auf die Straße zu gehen und eine liberale Verfassung mit ihren Bürgerrechten einzufordern - so auch in Sachsen. Dort mit einem erstaunlichen Erfolg. Das ist wirklich eine Volksbewegung geworden, der sich dann die führenden sächsischen Minister angeschlossen haben. Sie haben den greisen König Anton überreden können, nur noch zu repräsentieren und einen jungen Prinzen Friedrich August de facto an die Macht gelassen. Dieser hat dann darauf eingewirkt, dass es 1832 eine neue Verfassung gab. Und als es diese neue Verfassung in Sachsen dann gab, die - das muss schon sagen - vom Volk erkämpft worden war, was in Deutschland wirklich das erste Mal der Fall gewesen ist – begann in Sachsen ein unglaublicher Aufschwung, ökonomisch wie kulturell. Das liberale Bürgertum, das hinter diesem Aufbruch stand, fühlte sich aber nicht irgendwann satt und zufrieden, sondern wollte mehr Freiheiten. Das ging dann so weit, dass es selbst diesem König Friedrich August zu viel wurde und er begann, wieder einen konservativen Kurs zu fahren. Er tauschte dann einen liberalen Premierminister gegen einen konservativen aus. Der konservative Premierminister hieß von Könneritz. Das war in den Jahren 1843/45. In diese Zeit hinein hat Kell bei Klinkhardt dieses Franklin Buch veröffentlicht, um mitzuhelfen, diesen Umschwung aufzuhalten.
Welche Rolle spielte der Verleger bei dieser Veröffentlichung?
Jürgen Overhoff: Ich bin sicher, dass Klinkhardt das nach Kräften betrieben hat. Er hat den Autoren ohnehin viel Beistand gewährt und Julius Kell im Besonderen. Er hat ihn schon vor 1845 zu sich in den Verlag geholt, weil diese beiden Männer Julius Kell und Julius Klinkhardt nicht nur den Vornamen teilten sondern auch politische Überzeugungen. Es waren beide gestandene Liberale, die diesem Geist von 1830/32 ein weiterhin gutes Gedeihen in Sachsen wünschten. Sie haben sich über diese politischen Vorlieben gefunden und Julius Klinkhardt hat das sicherlich nach Kräften betrieben. Zumal Franklin sowieso ein Held des liberalen Bürgertums in Deutschland war.
Also ein politisch wichtiges Buch?
Jürgen Overhoff: Ja, ich denke, es war ein wichtiges Buch. Es war im Vormärz die beste deutschsprachige Franklin Biografie, die es gab und sie hat auch die anderen etwas später entstandenen beeinflusst. Und Kell schreibt - so weit ihm das an der Zensur vorbei möglich war -, dass er damit in Sachsen ganz konkret etwas bewirken wollte, nämlich die Verfassung wahren und erweitern.
Kell hat ja zunächst Theologie studiert, kam auch aus einer Pastorenfamilie und wollte eigentlich gar nicht Lehrer werden und ist es dann geworden und geblieben?
Jürgen Overhoff: Es war üblich in dieser Zeit, dass man nach dem Theologiestudium, bevor man Pfarrer wurde, eine Zeitlang in der Schule unterrichtet hat. In dieser Zeit ist er auf den Geschmack gekommen und hat dann das Unterrichten in der Schule als wichtiger empfunden als das Predigen in der Kirche. Es war im wirklich ein Herzensanliegen.
Kann man sagen, er war ein früher Reformpädagoge?
Jürgen Overhoff: Er wollte pädagogisch reformerisch wirken. Und er hat sicherlich etwas gewollt, was dann in der Reformpädagogik Ende des 19. Jahrhunderts, Anfang des 20. Jahrhunderts wirksam wurde. Er hat ja auch viel von den philanthropischen Pädagogen übernommen, die - in Deutschland jedenfalls - die Urväter der Reformpädagogen sind. Insofern gehört er sicherlich in diese Linie hinein. Wobei sein Akzent auf der Veränderung des Religionsunterrichts lag, den er herbeiführen wollte, für den er sich auch im sächsischen Parlament stark gemacht hat
Er hat ja dann auch bei Klinkhardt 1842 das "Lehrwerk für den gesamten Religionsunterricht" veröffentlicht. Was war das Neue an diesem Buch?
Jürgen Overhoff: Ganz in der Linie der Philanthropen und übrigens auch auf der Linie von Diesterweg, der zur selben Zeit in Preußen wirkte, hat er gefordert, dass der Religionsunterricht überholt werden müsse. Dass im Religionsunterricht in der Schule die Kinder vernunftbetont in die Religion eingewiesen werden sollten, dass sie den überkonfessionellen Geist spüren sollten, dass ihnen nicht ihre lutherische Religion als die allein selig machende dargestellt wurde. Ihnen sollte im Unterricht auch beigebracht werden, dass es andere Glaubensrichtungen und Traditionen gab, die nicht schlechter waren als ihre, von denen sie auch im Idealfall lernen konnten. Das war die Zielvorgabe: ein vernunftorientierter, überkonfessioneller Religionsunterricht in der Schule.
Er hat also ein Standardwerk geschrieben in einer hohen Auflage, das auch längerfristig erschienen ist?
Jürgen Overhoff: Beides ist richtig und in Sachsen war das ein Meilenstein in der Geschichte des Schulwesens.
Kell hat etwa zehn Bücher bei Klinkhardt veröffentlicht, politische und pädagogische Werke. Kann man sagen, dass die beiden zusammen etwas in Bewegung setzen wollten, dass sie eine Vision, eine politische Vorstellung hatten?
Jürgen Overhoff: Kell war der erste wichtige Autor bei Klinkhardt. Ich glaube schon, dass die beiden sich gefunden haben und gemeinsam etwas bewegen wollten - als Verleger und als Autor und beide als politisch tätige Menschen.
Aber anschließend ist Kell dann in Vergessenheit geraten?
Jürgen Overhoff: Ja, bis heute ist er viel zu vergessen. Er ist im 19. Jahrhundert schon - wie ich finde vollkommen zu Recht - als sächsischer Diesterweg beschrieben worden. Wenn man heute an diese Zeit zurückdenkt, dann hat man - weil Preußen damals in Deutschland der mächtigste und wichtigste Staat war - Diesterweg im Kopf. Das lernt jeder im Studium. Kell hingegen, den Diesterweg übrigens über die Maßen gelobt hat und ihn zeitweise als eines der großen Vorbilder für die Lehrer in Deutschland beschrieben hat, ist in Vergessenheit geraten.
Und Sie holen ihn jetzt dort wieder heraus?
Jürgen Overhoff: Ich bestimmt nicht allein. Aber ich würde das gern anregen, Er hat es verdient.
Der Aufsatz Julius Kells Franklin-Biographie bei Klinkhardt als Mittel der demokratischen Selbsterziehung im Vormärz von Jürgen Overhoff ist in dem Band: Sandfuchs, Uwe / Link, Jörg-W. /Klinkhardt, Andreas (Hrsg.): "Verlag Julius Klinkhardt 1834 – 2009 - Verlegerisches Handeln zwischen Pädagogik, Politik und Ökonomie", Bad Heilbrunn 2009 erschienen.