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Lernschule oder Arbeitsschule?

Pädagogische Konzeptionen und ihre Ansprüche an die Schularchitektur

Mehr zu: Ausstattung, Gesundheit, Partizipation, Schularchitektur, Sport, Schule
27.05.2009 -

(redaktion) "Schule Leben Lernen" heißt ein Symposion, das in dieser Woche in Leipzig stattfand. Veranstaltet wurde es vom Bund Deutscher Architekten. "Lernschule oder Arbeitsschule" hieß der Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Herrmann, den er bildungsklick.de freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Das BDA-Symposium bildet den Auftakt zu einer Gesprächsreihe zu Lernräumen der Zukunft, die in verschiedenen Städten veranstaltet wird.

(von Ulrich Herrmann) In der Konzeption dieser Konferenz heißt es: "Schulen werden nicht mehr nur Lehr- und Lernraum sein, sondern Lebensraum." "Schule Leben Lernen" lautet daher der Dreiklang, zu dem die Schularchitektur keine Misstöne erzeugen sollte.

Ich möchte Sie bitten, sich Ihre eigene Schulsituation zu vergegenwärtigen, diese Erinnerung präsent zu halten, immer mit den Erläuterungen zu diesem Bild abzugleichen und – gelassen zuhörend – nach Möglichkeit und je nach Erfordernis einen Hebel im Kopf umzulegen: von der Schule als Lern- zur Schule als Lebensraum.

Der Dreiklang "Schule Leben Lernen" entspricht einem pädagogischen Programm vor über 100 Jahren, als Hermann Lietz das erste deutsche Landerziehungsheim gründete und als Motto wählte "Licht Liebe Leben". Für eine Schule, die nichts als Lernschule hätte sein wollen, würde "Lernen Leisten Labern" genügt haben. Das war (und ist) die übliche Lernschule, die ich – um ihre Betriebsförmigkeit zu charakterisieren – am liebsten als Unterrichtsvollzugsanstalt bezeichne: der Schulzweck ist die Erteilung von Unterricht, das Personal ist dafür ausgebildet, die Schüler nehmen daran teil, das Schulziel sind – inzwischen standardisierte – Prüfungs- als Memorierleistungen, so dass der Lernschulbetrieb (der "weiterführenden allgemeinbildenden" Schulen) vor allem zweck-/ziel-/funktionsbezogen organisiert abläuft, d.h. aus der subjektiven Sicht der Beteiligten und Betroffenen: überwiegend sinnfrei, um nicht zu sagen – sinnlos.

Was charakterisiert die Unterrichtsvollzugsanstalt?

  • Überführung der Schüler – wie beim Militär – jahrgangsweise in Klassenzimmer, ohne Rücksicht auf individuelle Entwicklungsabstände und -potentiale, ohne Arbeitsplätze und Arbeitsmaterialien, Anordnung der Sitzplätze wie bei der Kirchengebetsanordnung nach vorn auf Altar/Pult und Tafel, wo der Priester/Lehrer das Wissen zelebriert
  • Vorrücken – wie beim Militär – im Gleichtakt entlang einer Kampffront (Lehrplan und Etagenflur) unter Führung einer Lehrkraft
  • Unterstellung der Schüler/innen unter ein besonderes Gewalt- als Kontrollverhältnis: unausgesetzte Observierung durch die Lehr- als zugleich Ordnungs- und Kontrollpersonen
  • Normierte Feststellung von Leistungs(un)fähigkeiten im Jahrgangsverbund bei selbstverständlicher Inkaufnahme von "Verlusten".

Und wie beim Militär ist in diesem System der Leidensdruck bei den Offizieren und Vorgesetzten (Schulaufsichtsbehörden, Schulleitungen) ungleich geringer als bei den Unterführern (Lehrkräften) und Mannschaften (Schüler/innen), bei denen übrigens auch die Krankheits- und Mortalitäts-, Aggressivitäts- und Suizidraten ungleich höher sind.

Die herkömmliche Schulhaus-Architektur hat dieser Betriebsförmigkeit entsprochen – Klassenzimmer entlang langer Flure, eine Figuration, von der ein Kollege von Ihnen (Prof. Mühlich in Ulm) einmal sagte, sie erinnere an Kliniken und Gefängnisse und mit diesen verbände sie die offenkundige Absicht, ihr Klientel möglichst ruhig zu stellen. Sehr wahr.

Fazit in der Lernschule wird nichts wirklich gelernt, weil in ihr nicht gearbeitet werden kann. PISA lässt grüßen. IGLU aber auch – denn die Grundschule ist der Beweis des Gegenteils, bis hinein in die Architektur!

Lernendes Arbeiten und arbeitendes Lernen.
Lernendes Arbeiten und arbeitendes Lernen.

Schauen wir unser Bild an, von links oben nach rechts unten. Es könnte sich um eine 3. Klasse einer Montessori-Grundschule handeln, um die 7. Klasse einer Realschule, um die 10. Klasse eines Gymnasiums, um eine Berufsschule-Klasse, um eine Standardsituation, um eine projektwoche. Warum all dies? Weil erfolgreiches lernendes Arbeiten und arbeitendes Lernen immer und überall nur auf ein und dieselbe Weise geschieht – wie zu sehen ist; von links oben nach rechts unten:

Aktionsformen in der Arbeitsschule

  • Bewegung (Spielen, Toben)
  • Rückzug (Lesen, Widerholen, Üben, Vertiefen)
  • Konzentration (Zeichnen, Malen, Gestalten)
  • Kommunizieren, Diskutieren, mind mapping
  • Recherchieren und Präsentieren (einzeln und in Gruppen)
  • Lernen, d.h. Arbeiten an Texten, am PC, mit Materialien
  • Unterricht i.S. einer Unterweisung durch eine Lehrkraft taucht nur marginal auf (Schülergruppe unten links, Einzelunterweisung unten Mitte)

Die Arbeitsschule ist – im Unterschied zur Lernschule – gekennzeichnet durch

  • vielfältige Arbeitssituationen mit unterschiedlichen Arbeits(=Lern)formen
  • Arbeitsplätze, Arbeitsräume, Magazine für Arbeitsmaterialien

Ein Klassenzimmer in der herkömmlichen Form darf eigentlich nicht mehr sein als ein Stützpunkt für die persönlichen Sachen, die Arbeitsmaterialien, die gemeinsame Instruktion und für die gemeinsamen Präsentationen; für Zwischenmahlzeiten, kleine Feiern; als Ruhe- und Rückzugsraum.

Raumprogramm der Arbeitsschule

  • Arbeitsnischen und Gruppenräume
  • flexible Raumnutzung: Plenum, Einzel- und Gruppenarbeit für rezeptives/produktives/reproduktives Lernen
  • Arbeitsmatten auf entsprechenden Fußböden für Lernspiele und Entspannungsübungen
  • Raumangebote für Rhythmisierung: Einführungs- und Arbeitsphasen, Übungs- und Präsentationsphasen, Projekt-, Frei- und Stillarbeit
  • Mit-Nutzung der Verkehrsflächen
  • PC-/Internet-/Recherche-Bereiche im Rahmen des Selbstorganisierten Lernens
  • (Wand-)Flächen für Ausstellungen und Präsentationen, Sitztreppen

Und die Lehrkräfte?

Lehrer unterrichten – aber wann arbeiten sie eigentlich? Wann und wo wird die Lernarbeit der Schüler vorbereitet, wann werden Materialien erstellt, wo werden Präsentationen und Klassenarbeiten korrigiert und beurteilt, wann und wo findet dies alles in Kooperation mit den Schülern statt? Welche Arbeit unterbrechen Lehrer, wenn sie unterrichten? Günter Behnisch erzählte mir einmal, dass er in seine Schulentwürfen immer Lehrerarbeitszimmer vorgesehen habe, die ihm aber immer rausgestrichen worden seien (weil sie nach den damals geltenden Schulbaunormen nicht bezuschusst wurden und die Kommune die Kosten nicht alleine tragen wollte); und dann fragte er mich: "Können Sie mir verraten, wie eine Schule funktionieren soll, in der die Lehrer nicht arbeiten können?"

Wenn Lehrerinnen und Lehrer im Schulgebäude Arbeitsplätze/-bereiche haben, wo Schüler sie bei der Arbeit sehen, ihnen auch zuschauen oder zur Hand gehen können, und sehen, dass und wie ihre Lehrer für sie arbeiten, hätte das viele Vorteile: Es

  • verschafft Interesse am Gegenstand der Lehrerarbeit und für seine Person (Vorbild)
  • regt es zum Nachmachen und Mitmachen an (Lernen am Modell)
  • werden Maßstäbe für Intensität und Qualität der Arbeit erlebbar (Erfahrung statt Ermahnung)
  • wird ein alltägliches Rückmeldesystem zum Unterrichtsalltag installiert: eine der wichtigsten Quellen für Berufszufriedenheit und Berufserfolg.

Lehrkräfte benötigen Arbeitsplätze, durch die sie sich durch persönliche Akentsetzungen (Ausstattung, Signale usw.) individuell sichtbar machen können. Lehrerstützpunkte – fächer- oder klassenstufen- oder projektbezogen – sind eine (bauliche) Voraussetzung für einen kooperativen Berufsalltag und die Voraussetzung für jedwede schulinterne Schulentwicklung.

Apropos Alltag. Das wird mehr und mehr der Ganztagsbetrieb sein. Baulich muss er eingerichtet werden auf die Grundbedürfnisse der Schüler und Lehrkräfte

Alltagsbedürfnisse der Ganztags-Arbeitsschule

  • Rekreation: "Auftanken", Körpergefühl, Sich-Freispielen
  • Kompensation: Zwanglosigkeit, Abwechslung, Vergnügen
  • Ich-Entwicklung: Neugier, Ich-Stärke, Selbstaktivierung
  • Kontemplation: Selbstreflexion, Identitätsfindung, Distanzierung
  • Kommunikation: Zeit-füreinender-haben, Gespräch, Geselligkeit
  • Integration: emotionale Zuwendung, Gemeinschaftserlebnisse
  • Partizipation: Eigeninitiative, Selbstdarstellung, Mitverantwortung
  • Bildung: kreative Erlebnisentfaltung, kulturelle Aktivitäten, Theater, Chor und Orchester
  • Bewegung: körperliche Aktivitäten, Tanzen, Sport

Dazu bedarf es ebenso baulicher Vorkehrungen wie solcher für die sog. Stützpunkte für alle Altersgruppen:

Stützpunkte

  • Clubraum, Milchbar, Saftladen zum Spielen, Treffs zum Ratschen
  • Stillräume zum Entspannen und Meditieren, Musik hören und Lesen
  • Werkräume und Schülerfirma
  • Orchester-, Solisten-, Chor-, Theater-Proben-Räume
  • Bastelecken und Spielhütten
  • Kiosk und Internetcafé
  • Disco – in der Schule z.B. über Mittag, wo sie vor allem kostenlos ist!

Und wozu das alles?

Mehr und mehr Schülerinnen und Schüler sind auf Lern- und Lebenshilfen angewiesen. Wo sollen sie die bekommen, wenn nicht im Schulgebäude, besonders wenn die Erziehungsverantwortlichen ausfallen? Mehr und mehr Schülerinnen und Schüler sind auf Sozialerfahrungen und kulturelle Förderung angewiesen, die sie nicht aus dem Internet runterladen können, sondern ihnen nur das Schulleben bieten kann.

Mehr und mehr Lehrerinnen und Lehrer haben mit gesundheitlichen Folgen permanenter Überforderung zu kämpfen (Burnout). Sie benötigen als gesundheitsschützende Arbeits- und Lebensbedingungen zeitliche und räumliche Möglichkeiten, um die Grundlagen ihrer Berufszufriedenheit und ihres Berufserfolgs zu schaffen und zu verstetigen: förderliche Beziehungen zu ihren Schülern und im Kollegium untereinander.

Man kann die Kosten für Lebensgemeinschaftsschulen mit ihren vielfältigen Netzen förderlicher Beziehungen auch einsparen und das Vielfache der Mehrkosten aufgrund fehlender oder misslingender Beziehungen auf die Fonds der Jugendhilfe bzw. der Reha oder der Frühpensionierung abwälzen. Die Fixierung auf Leistungsstandards und Mensen und die Vernachlässigung der Beziehungsqualitäten im Schulleben, mithin die Hoffnung auf Leistung ohne Investitionen in Motivations- und Belohnungssysteme ist ein Holzweg der derzeitigen vorherrschenden Schulpolitik mit höchst negativen Langzeitfolgen. Wer immer noch an die Schule als Schule und sonst nichts glaubt, hat nichts begriffen. Die Risikogruppe des derzeitigen Schulsystems sind nicht die Migrantenkinder, sondern die Kultusminister und gedankenlose Architekten.

Zur Person

Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal

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