Eine Klasse mit 25 bis 30 Schülern, die alle im Gleichschritt denselben Stoff lernen - das wurde an deutschen Schulen zwar lange Zeit als normal vorausgesetzt, hat aber dennoch nie geklappt und sollte eigentlich längst überholt sein. Denn spätestens in der Diskussion nach den ersten PISA-Ergebnissen wurde klar, dass Schulen in Deutschland so schlecht abschneiden, weil sie erhebliche Probleme im Umgang mit der Heterogenität ihrer Schüler haben. Seitdem lautet die Forderung von Bildungspolitikern, Wissenschaftlern, Praktikern, Eltern und Medien beinahe einhellig: Schüler müssen individuell gefördert werden. Doch wie funktioniert individuelle Förderung angesichts großer Klassen, immer neuer Aufgaben für die Lehrer und einer Lehrerausbildung, die bislang dieses Thema keineswegs in den Vordergrund gestellt hat? Das wollte Perspektive: Bildung von den beiden Pädagoginnen Liane Paradies und Verena Hertel wissen.
"Es gibt Schüler, die sind in Bezug auf die Rechtschreibung in der Jahrgangsstufe sieben auf dem Leistungsstand von Zweitklässlern, während andere Mitschüler das Niveau der siebten Klassenstufe längst erreicht haben", berichtet Liane Paradies von der Universität Oldenburg. Solche Leistungsschwankungen von mehreren Schuljahren innerhalb einer Klasse gehören mittlerweile zum Schulalltag. Zu einem Alltag aber, auf den die Lehrer während ihrer Ausbildung bislang mangelhaft vorbereitet wurden. "Ich selbst habe es im Studium nicht gelernt", berichtet Liane Paradies, die viele Jahre als Mathematik- und Geschichtslehrerin gearbeitet hat, "und viele, die nach mir gekommen sind, auch noch nicht."
Das soll sich ändern. Schließlich hat die Kultusministerkonferenz vor rund vier Jahren, im März 2005, die "Weiterentwicklung der Lehreraus- und –fortbildung, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Heterogenität, eine Verbesserung der Diagnosefähigkeit und eine gezielte Unterstützung der einzelnen Schülerinnen und Schüler" als "Gemeinsame Ländervorhaben nach PISA 2003" beschlossen. Lässt sich nach dieser Zeit bereits eine positive Bilanz ziehen?
Das könne nicht mit einem Fingerschnipp erledigt werden, es gehe um mehrjährige Prozesse, gibt Verena Hertel zu bedenken. Die Leiterin einer Realschule in Nordrhein-Westfalen arbeitet auch in der Lehrerfortbildung. Bis eine veränderte Ausbildung Früchte tragen wird, muss ihrer Meinung nach ein Schwerpunkt auf die Fortbildung gelegt werden. Und dort sind Diagnose und Förderung untrennbar miteinander verbunden. "Lehrer müssen lernen, mit diagnostischen Methoden umgehen zu können. Das ist keine Selbstverständlichkeit, weil das bisher in diesem Maße nicht in das Lehrerhandeln integriert war. Diagnostische Kompetenz geht viel weiter, als eine Bewertung aufgrund von Klassenarbeiten oder Tests. Denn der Lehrer darf nicht nur defizitorientiert denken, sondern muss nach Schwächen und Stärken der Schüler suchen."
Liane Paradies vergleicht: "Ich habe früher meinen Unterricht so vorbereitet, dass ich mich an den entsprechenden ministeriellen Vorgaben, an den Schulbüchern und an meinen Materialien orientiert habe. Danach habe ich meinen Unterricht geplant und durchgeführt. Wenn ich diagnostiziere, ist die Vorgehensweise ganz anders: Zunächst versuche ich festzustellen, welche Lernvoraussetzungen die Schüler mitbringen, danach überlege ich, wie kann ich die einzelnen Lernvoraussetzungen, die vielleicht fehlen oder bei denen es Probleme gibt, gezielt fördern. Dann überlege ich, wie sich diese Klasse, diese Lerngruppe zusammen setzt. Danach plane ich: Ist das Schulbuch geeignet, welche Aufgabe nehme ich, wie sieht das Thema aus, wie muss es gestaltet werden? Diese Unterrichtsplanung ist natürlich sehr viel dichter an den Schülern, als wenn ich unabhängig von den Lernvoraussetzungen vorgehe."
In ihren Fortbildungsveranstaltungen rät Liane Paradies den Lehrern allerdings, nicht sofort ihren gesamten Unterricht zu ändern. "Das funktioniert nicht. Aber man hat relativ schnell Erfolg in der Schule, wenn man ganz kleinschrittig beginnt. Das heißt, Lehrer können erst einmal in einer Klassenstufe zu einem Thema etwas ausprobieren, damit sie Sicherheit gewinnen. Und das funktioniert in jedem beliebigen Unterricht. Ich kann zum Beispiel mit einer Checkliste arbeiten und zu Anfang des Unterrichts oder auch unterrichtsbegleitend, abfragen´was schon gewusst wird. Am Ende der Unterrichtseinheit stellt sich dann die Frage was neu gelernt worden ist. Förderhinweise und Fördermaßnahmen werden auf der Checkliste vermerkt."
Die Pädagogin empfiehlt den Schulen, unbedingt auf Teamarbeit zu setzen. "Das ist in allen anderen Berufsbereichen üblich, nur Lehrer waren bisher mehr oder minder Einzelkämpfer." Ein weiterer Tipp: eine gute Organisation und Verwaltung der Unterrichtsmaterialien. "Ich plädiere immer dafür, dass die Schule ihre Materialien systematisch nach bestimmten Ordnungskriterien auf einer "Schulhomepage" oder Plattform sammelt und verwaltet, damit jeder Kollege sie nutzen kann. Das ist eine sehr große Arbeitserleichterung."
Bei diesem Vorgehen bekommen die Lehrer mittlerweile auch Unterstützung von den Schulbuchverlagen, weiß Liane Paradies zu schätzen. "Es gibt jetzt die ersten neuen Schulbücher, in denen zu Anfang eines Themas oder eines Projektes der Kenntnisstand der Schüler im Sinne ´was weißt du schon zu diesem Thema oder was hast du vorher schon zu diesem Thema erfahren`, aufgegriffen und festgehalten wird."
Verena Hertel setzt außerdem auf Ideen aus den Kollegien und nennt konkrete Beispiele aus ihrer Schule. "Seit einem Jahr haben wir in der Jahrgangsstufe fünf Profilklassen eingerichtet, wahlweise mit den Schwerpunkten Sport, Musik und Umwelt. Hier werden also die Stärken in den Blick genommen. Daneben bieten wir Ergänzungsunterricht, um Schüler gezielt zu fördern." Auch die sogenannten Soft Skills werden so in der Schule trainiert. Mit Unterstützung von ehrenamtlichen Helfern werden Schüler zu Streitschlichtern, Sporthelfern und Schulsanitätern ausgebildet. Und schließlich arbeiten leistungsstarke Schüler des neunten und zehnten Jahrgangs gemeinsam mit leseschwachen Fünftklässlern in einem Leseförderprojekt.
Um individuelle Förderung in den Schulen zu verankern, müssen allerdings auch die Rahmenbedingungen stimmen, mahnt die Schulleiterin an: "Das Thema ´überschaubare Klasse` wird gern in den Hintergrund geschoben, aber das individuelle Fördern hängt auch mit der Anzahl von Schülern in einer Klasse zusammen und ist außerdem eine Frage der räumlichen Ausstattung. Es ist ein Unterschied, ob ein Lehrer sechs Stunden hintereinander von einer Klasse in die andere läuft und seine Tasche dabei hat oder ob er in einem festen, vorbereiteten Lernraum ist, so wie man es etwa an Grundschulen auch vorfindet. Dieses Thema wird an weiterführenden Schulen viel zu wenig fokussiert."
Die meisten Bundesländer haben die individuelle Förderung unterdessen ganz oben auf ihre Agenda geschrieben. So setzt etwa Rheinland-Pfalz auf einen zusätzlichen Stundenpool für individuelle Förderung, Hessen auf eine stärkere Verankerung in der Lehrerausbildung und -fortbildung und Schleswig-Holstein will mit den neuen Gemeinschaftsschulen und Regionalschulen einen besseren Rahmen für mehr individuelle Förderung bieten. Nordrhein-Westfalen hat die individuelle Förderung vor drei Jahren sogar als Leitidee im Schulgesetz verankert. Besonders gute Beispiele werden hier außerdem seit zwei Jahren mit dem "Gütesiegel Individuelle Förderung" ausgezeichnet. Mehr als 200 Schulen in NRW tragen unterdessen diesen Titel.
Verena Hertel leitet eine Realschule in Nordrhein-Westfalen. Die Schulbuchautorin arbeitet außerdem als Moderatorin, betriebliche Trainerin und Coach in den Bereichen Organisationsentwicklung, Führung und Kommunikation sowie Konfliktmanagement.
Liane Paradies, Gymnasiallehrerin, arbeitet an der Universität Oldenburg und ist Trainerin und Moderatorin in der Lehreraus- und -fortbildung (u. a. in der Cornelsen Akademie); Schwerpunkte: Diagnostik, Leistungsbeurteilung, Unterrichtsentwicklung. Liane Paradies ist Autorin zahlreicher Bücher. Ihr Ratgeber "Diagnostizieren, Fordern und Fördern" erscheint im Cornelsen Verlag Scriptor.