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Zum Thema Inklusion muss noch mehr geschehen

Interview mit Vernor Muñoz Villalobos, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung

Mehr zu: Bildungsbericht, Bildungschancen, Bildungsgerechtigkeit, Deutschland, Handikap, Inklusion, Integration, Interviews, Menschenrechte, Studentenwohnheim, UN-Sonderberichterstattung, Videos, Schule
08.06.2009 -

(redaktion) Das deutsche Schulsystem wirke extrem selektiv und diskriminiere Behinderte, hatte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, Vernor Muñoz Villalobos, in seinem Bildungsbericht vor zwei Jahren kritisiert. Jetzt war er für eine Stippvisite wieder nach Deutschland gekommen. In Oldenburg diskutierte er mit Wissenschaftlern, Gewerkschaftlern und Menschenrechtlern über das Recht auf Bildung und insbesondere über ein inklusives Schulsystem. Denn Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu einem solchen System verpflichtet. bildungslick.de fragte den UN-Sonderberichterstatter nach den Reaktionen der Bundesregierung auf seinen Bericht und nach den Chancen für ein gerechteres und inklusives Bildungssystem.

Herr Muñoz, Sie haben vor drei Jahren das deutsche Bildungssystem beurteilt und insbesondere die Benachteiligung der behinderten Kinder und den starken Zusammenhang von Schulerfolg und sozialer Herkunft der Schüler kritisiert. Hat sich seither aus Ihrer Sicht etwas verbessert?

Vernor Muñoz: Ich glaube, dass es hier eine größere Diskussion über das Thema gibt. Die sozialen Schichten sind mobilisiert worden und es gibt hier ein stärkeres Bewusstsein. Trotzdem sind die Inklusionsprozesse in den öffentlichen Diskussionen immer noch nicht wirklich herausgebildet worden und es ist noch kein Übergangsplan für die Inklusion geschaffen worden. Ich glaube, dass wir in diesem Thema noch mehr unternehmen müssen, dass wir auch die technischen Voraussetzungen für die Inklusion schaffen müssen und dass wir den politischen Willen noch weiter stärken müssen, um eine echte Inklusion zu verwirklichen und nicht nur eine Integration zu ermöglichen.



Welches wären die wichtigsten Schritte, um Bildung in Deutschland gerechter zu gestalten?

Vernor Muñoz: Es müsste sehr viel Forschungsarbeiten geben in Bezug auf die Bildungssysteme in Deutschland und die Herausbildung der wirklichen Chancen der Schüler und Studenten - insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Behinderung. An zweiter Stelle müsste man einen Übergangsprozess herausbilden und zwar im Geiste der UN-Konvention.

Unterdessen hat Deutschland offiziell auf Ihren Bericht geantwortet. Wie sieht diese Antwort aus?

Vernor Muñoz: Es war eine sehr allgemeine Antwort. Und ich denke, dass Deutschland immer eine institutionelle Antwort auf die Bildungsprobleme hatte und dass es noch einige Bereiche gibt, in denen mehr getan werden muss.

Sind Sie mit der Antwort zufrieden?

Vernor Muñoz: Wir hoffen immer auf Antworten, mit denen man sich noch mehr den Herausforderungen im Bildungssystem stellt. Die Bildungsangelegenheiten befinden sich in Deutschland in den Händen der Bundesländer und die unterschiedlichen Bundesländer haben unterschiedliche Bedürfnisse. Einige Länder haben dreigliedrige Schulsysteme, andere haben zweigliedrige Schulsysteme und ich glaube, dass die Bundesregierung hier stärker teilnehmen könnte, um die Bedürfnisse für das ganze Land zu decken. Das habe ich bereits in meinem Bericht von 2007 erörtert.

Deutschland hat nun die Konvention der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen unterzeichnet. Das ist doch ein Lichtblick.

Vernor Muñoz: Natürlich ist das ein Lichtblick, aber in der Welt – nicht nur in Deutschland – gibt es immer noch einen großen Unterschied zwischen der Theorie und der Praxis. Wir hoffen, dass dieses sehr positive Signal wirklich zum Fortschritt in der Bildungspraxis führt.

Nun begründen viele Bildungspolitiker ihre Ablehnung inklusiver Bildung mit fehlenden Finanzen. Was halten Sie von dieser Argumentation?

Vernor Muñoz: Es gibt sehr viele Studien, die zeigen, dass die Inklusionsprozesse günstiger sind als die Beibehaltung von Sonderschulsystemen.

Dieses Argument zieht also nicht?

Vernor Muñoz: Es gibt genug finanzielle Mittel.

Eine Frage an Sie als Jurist: Können Eltern das Recht auf Inklusion einklagen?

Vernor Muñoz: Ich glaube ja. Es gibt ja das internationale Völkerrecht und Deutschland ist ja Teil dieses Völkerrechts, da gibt es eine rechtliche Grundlage.

Das sollte man dann den Eltern in Deutschland auch so sagen?

Vernor Muñoz: Man sollte die Eltern durchaus stärken. Deutschland sieht sich übrigens nicht anderen Herausforderungen gegenüber als andere Länder. Das Problem der Inklusion ist ja ein weltweites Problem und es gibt auch Länder, die nicht so weit fortgeschritten sind wie Deutschland.

Welches Land ist Ihrer Erfahrung nach in Sachen Inklusion und Bildungsgerechtigkeit Vorbild?

Vernor Muñoz: Die Länder müssen an ihren eigenen Anstrengungen gemessen werden. Wenn ein Land sehr viele Mittel hat und diese Mittel aber nicht wirklich adäquat anwendet, dann unternimmt es zu wenige Anstrengungen. Und es gibt Länder wie Honduras, die acht Prozent für die Bildung investieren - und das sind immer noch nicht genug Mittel. Länder müssen sich nach ihrer eigenen Geschichte beurteilen und deswegen sollte man da keine Vergleiche ziehen.

Herr Muñoz, herzlichen Dank für das Interview.

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