Zu wenige finanzielle Anreize, aber zu viele Probleme für Lehrer
OECD stellt internationale Lehrerstudie TALIS vor
Mehr zu: Lehrerarbeitszeit, Lehrerbildung, Lehrplan, OECD-Studie "Bildung auf einen Blick", Unterrichtsversorgung, Schule(redaktion/pm) Drei von vier Lehrern meinen, ihnen fehlten Anreize, die Qualität ihres Unterrichts zu verbessern. Als großes Problem wird offensichtlich auch das Verhalten der Schüler empfunden: Jeder vierte Lehrer verwendet mindestens 30 Prozent seiner Unterrichtszeit, um überhaupt die Basis-Voraussetzungen zum Lernen im Klassenzimmer zu schaffen, so das Ergebnis der OECD-Lehrerstudie TALIS "Creating effective teaching and learning environment", die heute in Brüssel vorgestellt wurde.
Die Daten stammen aus dem OECD-Projekt TALIS (Teaching and Learning International Survey), für das zum ersten Mal international vergleichbare Daten über die Zustände in den Schulen der 23 Länder erhoben wurden: Australien, Belgien (flämischer Teil), Brasilien, Bulgarien, Dänemark, Estland, Ungarn, Island, Irland, Italien, Litauen, Malaysia, Malta, Mexiko, Norwegen, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und die Türkei. Die Niederlande hatten auch teilgenommen, die Standards für die Umfrage jedoch nicht erreicht. Deutschland hatte nicht an der Studie teilgenommen, die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte sich 2006 gegen eine Teilnahme ausgesprochen.
In jedem Land wurden rund 200 Schulen zufällig ausgewählt. Von jeder Schule nahmen der Schulleiter sowie 20 beliebig ausgesuchte Lehrer an der Befragung teil.
Viele Länder bieten ihren Lehrern keine finanziellen Anreize für gute Leistungen, wird in der Studie festgestellt. Außerdem schwankt das Niveau und die Intensität der Teilnahme an beruflicher Weiterbildung zwischen den Ländern erheblich. Fast neun von zehn Lehrern besuchen Weiterbildungsangebote, aber in einigen Ländern nimmt fast jeder vierte Lehrer nicht an Fortbildungsmaßnahmen teil. In Mexiko und Korea hingegen nehmen die Lehrer in 18 Monaten durchschnittlich an über 30 Tagen teil, das ist doppelt so viel wie der Durchschnitt.
Die Studie kam unter anderem zu den folgenden Ergebnissen:
- in Australien, Belgien (Flandern), Dänemark, Irland und Norwegen gaben mehr als 90 Prozent der Lehrer an, dass sie für einen besseren Unterricht keine Gegenleistung erwarten können;
- Lehrerinnen und Lehrer in Bulgarien, Malaysia und Polen sind weniger pessimistisch, aber auch dort sieht fast die Hälfte keinen Anreiz, den Unterricht zu verbessern;
- in Mexiko, Italien, der Slowakei, Estland und Spanien geben mehr als 70 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer in der Sekundarstufe I an, dass der Unterricht durch Störungen "in gewissem Maße" oder "erheblich" behindert wird;
- durchschnittlich 38 Prozent der befragten Lehrer arbeiten in Schulen, die unter einem Mangel an qualifiziertem Personal leiden; in Polen waren nur 12 Prozent der Schulen betroffen, in der Türkei dagegen 78 Prozent;
- durchschnittlich 13 Prozent der Unterrichtszeit verbringen Lehrerinnen und Lehrer damit, Ordnung in der Klasse zu bewahren; in Brasilien und Malaysia sind es mehr als 17 Prozent der Unterrichtszeit; in Bulgarien, Estland, Litauen und Polen gehen dagegen weniger als zehn Prozent der Unterrichtszeit auf diese Weise verloren;
- neben Störungen während des Unterrichts berichten Lehrerinnen und Lehrer über weitere Behinderungen des Lehrbetriebs: Schwänzen (46 Prozent), Verspätungen (39 Prozent), Fluchen (37 Prozent) und Einschüchterung und Beleidigungen anderer Schüler (35 Prozent);
- in einigen Ländern klagen Lehrerinnen und Lehrer nicht nur über fehlende Anreize für Verbesserungen, es fehlt dort auch jegliche Form systematischer Beurteilung oder Rückmeldung. Dies ist der Fall bei mehr als 25 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer in Irland und Portugal, in Spanien sind es 45 Prozent, in Italien 55 Prozent.
Über Georg Lind (Prof. an der Uni Konstanz) erreichte mich in seinem bildungsinfo folgender Hinweis:
"In der so genannten TALIS-Studie hat die OECD in zahlreichen Ländern ingesamt 2 Mio. Lehrer zu ihrer Arbeit befragt (ohne Deutschland; eine Sonderstudie der GEW mit dem TALIS-Fragebogen soll in den nächsten Tagen publiziert werden).
Die Ergebnisse können hier eingesehen und (auch in deutsch) heruntergeladen werden:
www.oecd.org/document/5...2_1_1_1_1,00.html
Der zusammenfassende erste Bericht der Auswertung enthält viele interessante Befunde.
Am Rande notiert: Medienleute sind schon wieder eifrig dabei, die Tatsachen zu verdrehen. Im Bericht der OECD heißt es ganz sachlich:
"Die meisten Lehrer arbeiten in Schulen, die für ihre Anstrengungen keine Belohnung oder Anerkennung anbieten. Drei Viertel berichteten, dass sie für eine Qualitätsverbesserung ihrer Arbeit keine Anerkennung erhalten würden."
bildungsklick.de/datei-.../talis2009-mls.pdf
Belohnung kann vieles sein und Anerkennung ist eindeutig nicht finanziell. Aber die Internetzeitung "bildungsklick" hat in dem Bericht angeblich gelesen, den Lehrern fehle es an finanziellen Anreizen, sonst würden sie besser unterrichten:
Zu wenige finanzielle Anreize, aber zu viele Probleme für Lehrer
bildungsklick.de/a/6861...bleme-fuer-lehrer/
Das steht so nirgends im Bericht! Und es würde auch nicht stimmen. Natürlich muss hochwertige Arbeit in allen Bereichen der Gesellschaft angemessen bezahlt werden. Aber darüber hinaus, führen finanzielle Anreize kaum zur Steigerung der Arbeits- (Unterrichts-) Qualität. Mehr Geld kann keine schlechte Aus- und Fortbildung kompensieren, wie das von vielen Lehrern in der TALIS-Studie beklagt wird. Aber so weit ist der Redakteur wohl nicht mit dem Lesen gekommen.
GL"
Ich stimme Georg Lind zu. Es ist ein Anerkennungsproblem, kein Problem fehlender finanzieller Anreize. Diese populistische Verfälschung reproduziert das immer gleiche falsche Mantra, man könne mit sog. "Bezahlung nach Leistung" - was auch immer mit Leistung gemeint ist - die Lehre verbessern.
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