"Wie können gute Schulen besser werden?"
Jörg Schlömerkemper - Vortrag bei der Verleihung des Saarländischen Schulpreises am 23. Juni 2009
Mehr zu: Auszeichnungen, Eigenverantwortliche Schule, Saarland, Schulorganisation, Schulstress, Schulverwaltung, Wettbewerbe, SchuleDa stellt sich doch zunächst die Frage: Gibt es denn auch "schlechte Schulen"? – Nein, ich kenne keine Schule, die ich als rundum "schlecht" bezeichnen würde. Allenfalls könnte man an Schulen denken, wie sie vor der Reformpädagogik und der Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre gang und gäbe waren. Heute kann es sich keine Schule mehr leisten, wirklich "schlecht" zu sein – was immer damit gemeint sein mag. Der öffentliche Druck ist sehr stark, die Eltern haben hohe Erwartungen, selbst die Schülerinnen und Schüler sind kritisch – da kommt man mit dem alten "Schlendrian" oder mit autoritär, repressiven Verhaltensweisen nicht mehr durch. Keine Schule ist "grottenschlecht".
Aber natürlich ist nicht alles und ist es nicht überall so, wie man es sich wünschen würde. – Aber was wünscht "man" sich denn? Neuerdings scheinen sich manche zu wünschen, dass die vermeintlich "guten alten Zeiten" und die früher vertrauten Zustände wieder hergestellt werden:
– mehr Disziplin,
– verbindliche Standards,
– mehr Leistung,
– mehr Erziehung,
– mehr Wettbewerb,
– mehr Effizienz,
– weniger Kosten,
– mehr Ruhe.
Andere möchten das irgendwie auch, aber mit anderen Zielen:
– Disziplin? – ja, aber nicht von außen erzwungen;
– Standards? – ja, aber nicht als Durchschnitts-Messlatte ("Regelstandards");
– Leistung? – ja, aber bitte nicht nur das, was gemessen werden kann;
– Erziehung? – ja, aber nicht als Begrenzung des Individuellen, sondern zur Entfaltung der Persönlichkeit;
– Wettbewerb? – ja, aber nicht zwischen Sieg und Niederlage, sondern als Spaß und Spiel;
– Effizienz? – ja, aber mit Blick auf die Anforderungen der Zukunft;
– weniger Kosten? – NEIN! "Basta!";
– mehr Ruhe? – ja, aber eine kreative! weniger Störungen von außen und "von oben", weniger Stress, mehr Zeit zum Nachdenken ...
Das sind knappe erste Antworten. Sie machen allerdings deutlich, wie verschieden man über Schule (nach-)denken kann. Was jemand dabei für wichtig hält, wofür er/sie sich engagiert und nicht zuletzt: wie man sich politisch entscheidet, das ist nicht "objektiv" herzuleiten, sondern es folgt aus Wertsetzungen, aus normativen Entscheidungen, aus unterschiedlichen Erfahrungen und das bezieht sich auf verschiedene Lebenspläne.
Aber man muss darüber reden! Man muss sich austauschen; man muss zur Kenntnis nehmen, was andere wollen: welche Ziele, aber auch welche Ängste und Sorgen sie haben. Und man muss prüfen, ob das mit den eigenen Vorstellungen vereinbar ist. Dabei muss man zunächst einmal bei sich selbst klären, was man eigentlich will:
Etwa:
– Wie wichtig ist mir "Leistung"? Und was verstehe ich darunter? Geht es nur um Lesen, Schreiben, Rechnen?
– Und was ist darüber hinaus und "eigentlich" wichtig? z.B. Musik, z.B. handwerkliche Fähigkeiten, z.B. Kritikfähigkeit oder auch Konfliktfähigkeit?
– Und will ich das, was ich für meine eigenen Kinder wünsche, auch für die anderen? Geht das denn überhaupt? Lässt sich das miteinander vereinbaren? Wie kann man zu einem Konsens kommen?
Fragen über Fragen. Ich möchte ein paar Antworten vorschlagen. Damit möchte ich Sie dazu anregen, ihre eigenen Antworten zu finden.
Also: Wie kann eine gute Schule besser werden? Zu zehn Aspekten möchte ich ein paar Antworten versuchen, ich tue das jeweils in zwei Schritten:
Zunächst sage ich, was eine "gute" Schule ist ...
und dann stelle ich dem gegenüber, wie eine gute Schule besser sein kann.
1.) Leistung: Eine Schule ist erfolgreich, wenn viele Schülerinnen und Schüler möglichst gute Noten bekommen, wenn sie bei Leistungstests gut abschneiden und ´hohe´ Abschlüsse erreichen ....
Na gut – aber darf man alle Schülerinnen und Schüler an solchen Normen messen?
Ich setzte dagegen: Eine gute Schule wird besser, wenn sie jede Schülerin und jeden Schüler so weit fördert, wie es unter guten Bedingungen möglich ist; sie lässt aber zugleich alle stolz auf die Kenntnisse und Fertigkeiten sein, die sie erreichen konnten – egal, wie viel oder wie wenig das im Vergleich mit den anderen ist.
2.) Anforderungen: In einer guten Schule sagen die Lehrerinnen und Lehrer, was bei Prüfungen verlangt wird und worauf man sich vorbereiten soll...
Na gut – aber ist es so wichtig, zu einem bestimmten Termin topfit zu sein – um danach (fast) alles wieder vergessen zu dürfen?
Ich setze dagegen: In einer besseren Schule zeigen die Schülerinnen und Schüler was sie können erst dann, wenn sie es wirklich können und sie bekommen so viel Zeit und so viel Hilfe, wie sie bis zum Ziel brauchen.
3.) Noch einmal Leistung: In einer guten Schule wird den Schülerinnen und Schülern gesagt, wie sie "stehen". Dabei werden sie an transparenten Erwartungen gemessen und danach beurteilt, ob sie besser oder schwächer sind als der Durchschnitt....
Na gut – aber ist es wirklich so wichtig, sich mit den anderen vergleichen zu können?
Ich wünsche mir, dass in einer besseren Schule die Schülerinnen und Schüler erfahren und erleben, was sie tatsächlich können und dass sie sich dabei auch inhaltlich deutlich voneinander unterscheiden können: nach Schwerpunkten und inhaltlichen Profilen (also in ihren "Kompetenzen").
4.) Lehrer: Eine Schule ist gut, wenn die Lehrerinnen und Lehrer viele Ideen haben, was sie mit den Schülerinnen und Schülern machen können (z.B. in Projekten, aber auch im regulären Unterricht)...
Na gut, aber müssen diese Ideen immer von den Lehrenden kommen und müssen die Schülerinnen und Schüler immer das machen, was die Lehrenden gern machen möchten?
Ich setze dagegen: Eine gute Schule wird besser, wenn die Schülerinnen und Schüler selbst entdecken und entscheiden können, was sie und wie sie lernen wollen, oder – etwas bescheidener – wenn Lehrende und Lernende die Lernarbeit gemeinsam planen.
5.) Verantwortung: In einer guten Schule sind die Lehrenden dafür verantwortlich, das Lernen so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler "optimal" lernen können...
Ja sicher: Lehrer sind gut ausgebildet, sie haben Erfahrungen usw., sie müssen wissen, wie man am besten unterrichtet...
Aber: In einer besseren Schule erleben die Schülerinnen und Schüler, dass sie für ihr Lernen und ihren Erfolg selbst verantwortlich sind, sie wissen, dass Lehrerinnen und Lehrer ihnen Anregungen geben und ihnen helfen können; dass sie selbst aber am Ende dafür sorgen müssen, Erfolg zu haben. Hier lernen die SchülerInnen nicht für die Lehrer, sondern für sich selbst.
6.) Helfen: In einer guten Schule helfen Lehrerinnen und Lehrer den Schülerinnen und Schülern, wenn sie ein Problem haben...
Das ist schön, aber reicht das?
In einer besseren Schule helfen die Schülerinnen und Schüler sich zunächst untereinander. Gleichaltrige oder auch ältere Mitschüler können manches und manchmal besser "erklären" als Lehrerinnen und Lehrer; und sie selbst lernen "den Stoff" dabei noch besser.
7.) Lehrpläne: In einer guten Schule werden die vorgeschriebenen Unterrichtspläne korrekt umgesetzt...
Gut, das schafft Vertrauen, das ist kalkulierbar; man weiß, was man von den Absolventen erwarten kann.
Aber wäre es nicht lebendiger, wenn neben den verbindlichen Lernzielen (den "Bildungsstandards" wie man heute sagt) auch an Fragen und Aufgaben gearbeitet wird, die sich Lernende und Lehrende selbst gewählt haben, die aktuell sind und sich auf die eigene Lebenswelt beziehen?
8.) Das Lehrerkollegium: In einer guten Schule sind sich die Lehrerinnen und Lehrer zusammen mit der Schulleitung darin einig, was ihnen wichtig ist – z.B. was sie von den Schülerinnen und Schülern erwarten und wie sie ggf. mit unterschiedlichen Verhaltensweisen umgehen ...
Gut, das schafft Klarheit, es vermeidet Konflikte – oder werden diese nur "unter den Teppich gekehrt"?
In einer besseren Schule sind Lehrerinnen und Lehrer unterschiedliche Persönlichkeiten (auch "Typen"); sie akzeptieren diese Unterschiede und ergänzen sich gegenseitig. Sie entsprechen damit auch den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler.
9.) Konflikte: In einer guten Schule gibt es keine oder kaum Konflikte. Man geht freundlich miteinander um und lässt unterschiedliche Auffassungen und Wünsche gar nicht erst zu Problemen werden.
Das macht das Miteinander erträglicher – aber auch etwas langweiliger.
In einer besseren Schule werden solche Differenzen ausdrücklich benannt und so geregelt, dass jeder mit seinen Vorstellungen, Wünschen und Bedenken ernst genommen wird.
10.) Politik: Gute Schulen fallen den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern nicht auf, weil sie so funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird.
Aber merkt "die Politik" dann rechtzeitig, wenn die eingespielten Muster den neuen Herausforderungen nicht mehr gerecht werden?
Bessere Schule machen die Politiker frühzeitig darauf aufmerksam, was anders sein sollte: Sie entwickeln und erproben mögliche Lösungen. Bessere Schulen gehen voran und sie fallen auf. Sie müssen der Politik und der Schulverwaltung auf die Nerven gehen. Und sie tun dies mit Recht immer dann, wenn ein "Das machen wir schon immer so!" den veränderten Erfordernissen nicht mehr entspricht. Die pädagogische Verantwortung für die heranwachsende Generation ist gewichtiger als die politische Sicherung des status quo! Und deshalb ist eine Bildungspolitik dann besser, wenn sie den Schulen den Freiraum lässt, den sie für eine professionell-verantwortliche und eine demokratische Gestaltung des Lernens brauchen!
Noch ein Satz zum Schulpreis: Schulen, die nur "gut" sind, haben bei Wettbewerben um einen Schulpreis keine Chance. Sie haben dann zwar weniger Arbeit, aber sie erfahren auch nicht, ob sie nicht vielleicht doch besser sind, als sie denken.
Also: Eine bessere Schule will wissen, wie "gut" sie ist – und deshalb bewirbt sie sich um einen Schulpreis.
Dabei haben sehr gute Schulen vor allem dann eine Chance, ... – wenn sie viele interessante Projekte entwickeln, in denen die Schülerinnen und Schüler sich auch außerhalb des regulären Fach-Unterrichts erproben können, – wenn zwischen Lehrenden und Lernenden und deren Eltern eine vertrauensvolle Beziehung geschaffen wird, – wenn Lernsituationen geschaffen werden, in denen sich alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Lernmöglichkeiten optimal entfalten können, – wenn alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften gleich wichtig sind, sich in der Schulgemeinschaft frei entfalten können und sich dort von Montag bis Freitag pudelwohl fühlen.
Haben Sie [die Anwesenden] ihre Schule dabei wiedererkannt?
Aber weil Lehrerinnen und Lehrer in einer guten Schule und vor allem in einer besseren Schule ihre Schülerinnen und Schüler nicht auf die Folter spannen, wenn diese wissen wollen, wie gut sie in einem Wettbewerb abgeschnitten haben, mache ich jetzt ganz schnell Schluss. Danke!
Schule
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